Hausfrau?

Unter den Teppich gekehrt

Wenn Künstlerinnen klar Schiff machen

Desperate Housewives? Künstlerinnen räumen auf. Eine Wanderausstellung.

Sie starren aus dem Bullauge der Waschmaschine, schrubben den Monitor von der Innenseite, schieben die Wände eines Wohnzimmers zusammen, bauen eine Reihenhaussiedlung aus Toastbroten. Sie schärfen Küchenmesser an Kerzenflammen. In Mühlheim an der Ruhr räumen 28 Künstlerinnen räumen auf,  unter ihnen Alice Musiol (Titelbild)

Suscha Korte_Moonlightparty © CF
Suscha Korte_Moonlightparty. Installation. Die eigenen vier Wände sind ein lost space, ein verlorener Ort © CF

Die Wanderausstellung beginnt mit einer Frage. Desperate Housewives? Der Titel ist der gleichnamigen, USamerikanischen Serie entlehnt. Antworten gibt es nicht. Auch keine Verzweifelten. Und schon gar keine Hausfrauen. Die Stars der Intimsphäre sind auf der Strecke geblieben, sind still verschwunden, wie es sich gehört für eine Hausfrau. Doch der Haushalt ist noch da. Um den kümmern sich 28 Künstlerinnen und kein Mann in einer multimedialen Schau. Sie verkehren das Private ins Politische.

Ulrike Rosenbach (Video Performance Künstlerin) © CF
Ulrike Rosenbach in ihrem Garten. Video- und Performancekünstlerin, Medienkunst-Pionierin. Ihre Inspirationsquelle: Die Natur.© CF

Die Objekte, Installationen, Videoperformances beschreiben Zustände in den eigenen vier Wänden. Mona Hatoum nutzt eine übergroße Küchenreibe als Raumtrenner. Jutta Burkhardt vollführt einen elegischen Putztanz mit stets wechselnden Roben aus Scheuerlappen, Drahtbürsten, Latexhandschuhen. Rosemarie Trockel zeigt die Ruine eines Einfamilienhauses, das sie explodieren ließ. Alice Musiol hinterlässt auf einem Platzdeckchen eine Stickerei: Ich habe vergessen, wie man träumt.

 

Mona Hatoum_Paravent © CF
Mona Hatoum_Paravent. © CF

Ist die Hausfrau wirklich eine Figur der Vergangenheit? Sind die Kunstwerke aus der Zeit  der zweiten Frauenbewegung passé? Siegt die Schönheit über den Schock, die Ironie über Aggression? 29 Künstlerinnen aus zehn Ländern beschreiben ihren Blick auf das Haus, Haus und Haushalt. Interessant ist, dass zeitgleich junge Aktivistinnen wie die britische Schriftstellerin Laurie Penny den Feminismus aus seinem Tiefschlaf reißen.

Laurie Penny habe ich interviewt. Mit der Künstlerin Ulrike Rosenbach habe ich auf der Terrasse ihres Hauses im Grünen Tee getrunken und über ihre Videoinstallation „Signale für eine Hausfrau“ gesprochen. Mit Petra Lewey, Direktorin des Max Pechstein Museums in Zwickau, schlenderte ich durch die Ausstellung; und mit Ina Ewers-Schultz, eine der beiden Kuratorinnen, diskutierte ich über das Ausstellungskonzept.

Ina Ewers-Schultz (Kuratorin) © CF
Ina Ewers-Schultz kuratierte mit Martina Padberg die Wanderausstellung „Desperate Housewives. Künstlerinnen räumen auf“, die bundesweit in fünf Museen gezeigt wird. © CF

Das Hörfunk-Feature ist zu hören:

1. Juni 2016

WDR 5, Scala

14 Uhr/ Wiederholung: 21 Uhr

http://www.wdr.de/programmvorschau/wdr5/uebersicht/2016-06-01/

Petra Lewey (Museumsdirektorin) vor Gemälde von Rosa Loy © CF
Petra Lewey ist Direktorin des Max Pechstein-Museums im sächsischen Zwickau. Ihr Museum beherbergte als einziges Museum in den Neuen Bundesländern die Wanderausstellung „Desperate Housewives. Künstlerinnen räumen auf.“ Petra Lewey steht vor einem Gemälde von Rosa Loy (Neue Leipziger Schule), einer in Zwickau geborenen Künstlerin. © CF

Hinweis

Wanderausstellung

 Desperate Housewives? Künstlerinnen räumen auf

Kuratiert von Ina Ewers-Schultz und Martina Padberg

Kunstmuseum in der Alten Post

Synagogenplatz 1

45468 Mühlheim an der Ruhr

bis 21. August 2016

http://www.ruhrkunstmuseen.com

Katalog

Ewers-Schultz, Ina/ Padberg, Martina (Hg.): Desperate Housewives? Künstlerinnen räumen auf. Köllen Druck & Verlag GmbH Bonn. Verlag Stadt Villingen-Schwenningen und Autoren. Villingen 2015.

Rosenbach, Ulrike: Weiblicher Energieaustausch. 1972-2013. Werkblock Frauenbilder. Kehrer Verlag. Heidelberg Berlin 2014

Literatur

Meier-Gräwe, Uta (Hg.): Die Arbeit des Alltags. Gesellschaftliche Organisation und Umverteilung. Verlag Springer Fachmedien. Wiesbaden 2015

Penny, Laurie: Babys machen & andere Storys. (Ü.: Anne Emmert) Edition Nautilus. Hamburg 2016

Penny, Laurie: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution (Ü.: Anne Emmert) Edition Nautilus. Hamburg 2015

 

 

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Fundstücke vom anderen Ufer

Reif fürs Museum

Ausstellung über Homosexualität_en

Bevor die Ausstellung überhaupt eröffnet wurde, gab es Diskussionen. Stein des Anstoßes ist das Plakat, das über dem Titel steht. Auf dem Plakat ist das Ganzkörperportrait eines Menschen zu sehen, der weder eindeutig männlich noch weiblich ist. In den Bahnhöfen der Deutschen Bahn durfte das Kunstwerk von Heather Cassils nicht hängen. Ich kontaktierte die Pressestelle der Deutschen Bahn. Der Bahnsprecher (seinen Namen möchte er nicht lesen und auch nicht im Radio hören) sagte, dass der Körper zu offenherzig sei. Die Antwort versetzte mich in Erstaunen. Würde die DB auch ein Plakat ablehnen, das ein offenherziges Fotoobjekt von zum Beispiel Helmut Newton ziert? Oder Picassos letzte Bilder? Sind die nicht auch sehr offenherzig? Oder antike Marmorstatuten? Kurz nach dem ersten Telefonat klingelte erneut das Telefon. Der Sprecher teilte mit, dass die DB ihre Meinung geändert habe. Ausschlaggebend sei das Gespräch gewesen. Das freut, nicht nur, weil jetzt das Plakat hängt, sondern weil die Verantwortlichen Mut beweisen, Entscheidungen zu überdenken und durchaus zu revidieren.

Heather Cassils Performances sind ebenso Teil der Ausstellung wie ein Brief aus dem Jahre 1868. Der Brief bewirkte den Beginn einer Bewegung, besser ein Wort, das der Dichter Karl Maria Kertbeny in den Brief hineinschrieb: „homosexuell“. Jetzt liegt das Original im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster, in der Sonderausstellung namens Homosexualität_en.

Die Leihgabe aus der Nationalbibliothek in Budapest markiert das eine Ende der Zeitspanne, in der sich die Ausstellung bewegt. Das andere Ende liegt im Whats next, wie die letzte Installation heißt. Homosexualität_en ist eine Schau auf vielen Ebenen. Kein roter Faden, keine Chronologie, keine durcherzählte Geschichte. Stattdessen treten Werke in den Dialog. Werke, die aus unterschiedlichen Zeiten, Orten und Genres stammen. Objekte, Installationen, Filme, die geschlechtliche Identitäten hinterfragen und sezieren, die Verfolgung, Aktivismus und Schönheit in den Blick nehmen, die den Gender Gap ausleuchten.

Alles ist eine Frage der Chemie, sagen die Einen. Alles Konstrukt, sagen die Anderen. Wenn nicht die Uneindeutigen wären, die LSBTIQ, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle, Queer. Im Schachspiel erlaubt das achte Feld den Wandel vom Mann zur Frau, vom Bauern zur Dame. Vorausgesetzt, er bleibt nicht auf der Strecke. Fast wie im wirklichen Leben.

Das Feature zur Ausstellung läuft

WDR 5, Scala

am 17. Mai

14 Uhr/ Wiederholung: 21 Uhr

 

 

Homosexualität_en

Ausstellung über Homosexualität und Geschlechteridentitäten

Kuratiert von Birgit Bosold, Dorothée Brill, Detlef Weitz

LWL-Museum für Kunst und Kultur

Domplatz 10. 48143 Münster

13. Mai bis 4. September 2016

Eröffnung: 12. Mai. 20 Uhr

Katalog

Bosold, Birgit/ Brill, Dorothée/ Weitz, Detlef (Hg.): Homosexualität_en. Sandstein Verlag. Dresden 2015 (Im Auftrag des Deutschen Historischen Museum und Schwules Museum)

Kino zur Ausstellung

Out oft he Past – Queere Filmgeschichte_n

18-teilige Filmreihe zur Sonderausstellung „Homosexualität_en“
17. Mai – 1. September 2016

jew. 19.30 Uhr
im LWL-Museum und Cinema Filmtheater (Warendorfer Straße 45. 48145 Münster)

 

Auftakt: 17. Mai

Anders als die anderen (Regie: Richard Oswald. 1919/ Unter Mitwirkung von Magnus Hirschfeld)

 

Links

LWL Museum für Kunst und Kultur Münster

https://www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/

 

Schwules Museum Berlin

http://www.schwulesmuseum.de

 

Cinema Filmtheater Münster

http://www.cinema-muenster.de

 

Bewegung

Anders und Gleich. Nur Respekt wirkt.

Gleichstellung und Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt – gegen Homo- und Transphobie in Nordrhein Westfalen.

Projektleitung: Caroline Frank

 

LSBTIQ ist die aktuelle Formel: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intergeschlechtliche, Queer. Die Ausstellung ist reich an Fundstücken und arm an systematischer Forschung. Ein dreiköpfiges Kuratorenteam holt das Randthema der Gesellschaft ins Zentrum. Scala begibt sich ans andere Ufer.

Das Geschenk der Bienen

Sie summen Sie sammeln Sie schöpfen Sie wandeln

Ein Insekt, das besticht und betört

Sie summen hell im Glasgesträuch der Nacht,

Ihr Heimatland – der dichte Wald Taygetos,

Als Nahrung: Zeit, das Honigkraut, die Minze.                      

Ossip Mandelstam

Bienen sind mythisch und göttlich. Sie bauen perfekte Waben aus Wachs, verwandeln Nektar in Honig. Seit Menschengedenken inspirieren die Hautflügler Kunst und Religion. Galten sie doch als jungfräulich, die sich geschlechtslos vermehren, galten als königlich, die ein großes Reich regieren. Bis ins 17. Jahrhundert beruhte die Kulturgeschichte der Biene auf einem Irrtum. Die Königin wurde für einen König gehalten, der im Stock das Sagen hat. Erst unterm Mikroskop offenbarte sich das wahre Geschlecht des Oberhaupts. Eine Frau, die in luftigen Höhen Sex hat täglich tausende Eier legt. Bis heute gilt die Biene als geheimnisvoll und schöpferisch. Ihr Summen beschreibt der Schriftsteller Ralph Dutli als Urmusik. Er selbst vergleicht sich mit einer Sammelbiene. Er trug die Kulturgeschichte der Biene zusammen und verwandelte sie in ein wunderbares Buch namens „Das Lied vom Honig“.

Für meine Bienen-Miniatur interviewte ich Ralph Dutli. Außerdem besuchte ich byzantinische Kirchen und roch den Duft von Bienenwachskerzen, lese von den imkernden Schriftsteller_innen und dem Bienensterben. Droht den Bienen der Tod, verlieren wir die Süße des Lebens.

Meine Audiowabe ist bei SWR 2 zu hören.

Sonntag, 15 Mai

Kurz nach 11 Uhr

Hier ist der Link zur gesamten Matinee über Bienen

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/matinee/swr2-matinee-staatstragend-bienen/-/id=660804/did=17392970/nid=660804/sdpgid=1241536/1c0t7kk/index.html

Literatur

Busch, Wilhelm: Umsäsuselt von sumsenden Bienen. Schriften zur Imkerei. Wallstein Verlag. Göttingen 2016

Dutli, Ralph: Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene. Wallstein Verlag. Göttingen 2012

Rinck, Monika: Honigprotokolle. Kookbooks. Berlin 2/ 2014

Wagner, Jan: Selbstportrait mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001-2015. Hanser Verlage. München 2016