Pendeln mit der Gierseilfähre

Hol über

SWR 2 Matinee übers Pendeln

25. März 2018

Meine Reportage läuft zwischen 9 und 10 Uhr

Reportage über die Gierseilfähre Veckerhagen auf der Weser

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Zwei Eisenketten münden in Laufkatzen, die an einem Stahlseil hängen, das über die Weser gespannt ist. Per Seilwinde der Schwimmkörper aus seiner Längsachse gezerrt © CF

Wie ein Pendel hängt die Fähre am Seil, dreht sich aus der Längsachse und quert den Fluss. Ein gewolltes Abweichen vom Kurs. Lautlos pendelt auch die Veckerhagen von einem Ufer zum anderen und wieder zurück. Ihre Energie zieht sie aus der Strömung. Eine fliegende Brücke, die die Menschen über die Weser bringt, an die Ufer des Reinhardswaldes in Hessen und des Bramwaldes in Niedersachsen.

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Per Knopfdruck bedient Benjamin Bolte die Seilwinden. © CF

Rund 90 Meter trennen Veckerhagen von Hemeln. Auf seiner Fähre befördert Benjamin Bolte Autos, Tiere, Radwandernde, Fußgänger_innen. Benjamin Bolte kennt sie alle, fast. Er selbst ist ein Pendler zwischen Hier und Drüben.

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Fährmann Benjamin Bolte © CF

Schon als Kind begleitete er seinen Vater, wenn er Tag für Tag per Fähre über die Weser glitt. Inzwischen ist er selbst ein Fährprofi, ein Erbe seiner mythischen Kollegen, die Grenzen überschritten; wie Ur-šanabi, der Fährmann Babyloniens, der seine Barke über die Wasser des Todes lenkte. Wie der Himmlische Fährmann Mahaf, der Hinterherschauende, der im alten Ägypten die Seelen auf einem Papyrusboot ins Jenseits fuhr. Wie der altgriechische Fährmann Charon, der die Verstorbenen über die Styx brachte, den Strom des Grauens. Sie alle waren göttliche Pendler zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten.

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Seit Beginn des 14. Jahrhunderts gibt es an diesem Ort eine Fährstelle. Ausgrabungen zufolge wurden die ersten Fähren aus einem Baumstamm gefertigt und von einem Ufer zum anderen gestakt. Im 17. Jahrhundert hielt eine niederländische Erfindung Einzug an der Weser: die Technik des Gierens, an der sich bis heute nichts geändert hat.
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Das Hochseil ist eine spätere Tradition. An dieser Fährstelle wurde 1928 das erste Stahldrahtgeflecht über die Weser gespannt. © CF

Der Fährmann hört zu, wird zum Mitwisser, manchmal auch zum Opfer wie im Nibelungenlied, in dem der düstere Hagen den Fährmann erschlägt, als dieser sich weigert, das Burgunderheer überzusetzen. Benjamin Bolte fürchtet sich nicht. Selten ist er allein. Ferge! Hol über!

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Der Soundartist Alex Hardt fing sie alle, die Klänge, Töne, Sounds, Geräusche und brachte meine Reportage auf eine ganz eigene Spur. © CF

Gierseilfähre Veckerhagen

Betreiber: Reinhard und Benjamin Bolte

Obere Weserstraße. 34359 Reinhardshagen (Veckerhagen)

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Benjamin Bolte (r.) mit einem guten Freund, dem Tischler Heiko Beuermann © CF

Gedenken an Verena Stefan

Heimat ist an Sprache gebunden

Ein Gespräch über die Autorin des feministischen Klassikers Häutungen 

Verena Stefan starb im November 2017. Jetzt lesen Weggefährtinnen an verschiedenen Orten der Welt aus ihrem Werk. Bei WDR 3 spreche ich über meine Begegnung mit Verena Stefan anlässlich der achten LitCologne in Köln.

22. März 2018

12 Uhr

WDR 3, Kultur am Mittag

Verena Stefan bei LitCologne 2008
Verena Stefan in der Kulturkirche in Köln im März 2008 © CF

1975 verfasste Verena Stefan Häutungen, ein Gegenprojekt zu einer Jahrtausende währenden Männerdomäne, der Autobiographie. Mit 300 000 Exemplaren avancierte Häutungen zum feministischen Bestseller. Sechs weitere Romane folgten. Der Liebe wegen zog die Deutsch-Schweizerin nach Kanada, engagierte sich in der Frauen- und Lesbenszene, erkrankte an Krebs. 2007 entstand ihr Roman Fremdschläfer, in der eine DU-Erzählerin ihr Leben in verschiedenen Räumen beschreibt, in Erinnerungsräumen, Sprachräumen, Zeiträumen. Kanada, das Land der Migration. Das Land der Krankheit, an einem anderen Ufer. Nah beim Tod, mitten in der Panik. Ende 2017 starb Verena Stefan. Sie wurde 70 Jahre alt. Weggefährtinnen in Kanada, der Schweiz und Deutschland lesen aus ihren Texten.

Veranstaltungen

Wir erinnern an Verena Stefan (gestorben: 29.11.2017)

Lesung mit Heidrun Grote und Monika Mengel

22.3.2018, 18.30

Frauenbildungshaus Zülpich, Prälat-Franken-Str. 22, 53909 Zülpich-Lövenich

Gedenkfeier im Frauenmuseum Wiesbaden

mit Monika Mengel, Maria Zemp, Heide Weller und Gabriele Meixner,

24.3. 2018, 15 Uhr

Frauenmuseum Wiesbaden, Wörthstr. 5, 65185 Wiesbaden

Literatur

Verena Stefan. Vier Neuauflagen bei Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2015

http://www.fischerverlage.de

Häutungen (1975)

Es ist reich gewesen. Bericht vom Sterben meiner Mutter (1993)

Rauh, wild & frei. Mädchengestalten in der Literatur (1997)

Fremdschläfer (2007)

Andere Verlage

Mit Füßen und Flügeln. Gedichte und Zeichnungen. Verlag Frauenoffensive. München 1987

Wortgetreu ich träume. Geschichten & Geschichte. Arche Verlag. Zürich 1987

Als sei ich von einem anderen Stern. Jüdisches Leben in Montréal. (mit Chaim Vogt-Moykopf) Verlag Das Wunderhorn. Heidelberg 2011

180322 Befragung der Zeit_kleines Cover

Die Befragung der Zeit. Nagel & Kimche Verlag. München 2014

Verena Stefan bei LitCologne 2008 Wasserturm 2
Verena Stefan im Hotel im Wasserturm (Köln) © CF

Quellnymphen

Geliebt und Gefürchtet

Nymphe des geweinten Quells

Rainer Maria Rilke. Sonette an Orpheus 

SWR 2 Matinee zum Thema „Quellen“

Sonntag, 18. März 2018, 9 bis 12 Uhr

Gegen 9.40 Uhr läuft meine Miniatur über Quellnymphen

Lifestream und Podcast zu Quellnymphen

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Delphi, die Heimat der Quellnymphe Kastalia © CF

Nymphen hüten Quellen und stiften Wasser. Nymphen sind schön und lieben die Liebe. Salmakis liebte Hermaphroditos und wurde eins mit ihm, ein Zwitterwesen. An der Küste von Mysien begehrten Nymphen den Hylas, Herakles Geliebten, und zogen ihn in ihren Teich und damit in den Tod.

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Eine Silbermünze aus Syrakus (rund 500 v.Chr.) zeigt die Quellnymphe Arethusa. Sie war die Stadtgöttin der antiken Siedlung auf Sizilien © CF

Menschen verehren sie, bringen Opfergaben an ihre Quellen. Götter vergewaltigen sie mitunter, wie der Flussgott Kephisos die Wassernymphe Leiriope. Nymphen sind Wassergeister, Undinen, Rusalken, Jungfrauen, die ertranken. Das Gelächter der Rusalken ist tödlich, der Gesang der Lore Lay raubt den Verstand.

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In der Ilias und Odyssee beschreibt der antike Rhapsode Homer (Marmorkopf Glyptothek München) das Schicksal verschiedener Wasserfrauen wie das der Thetis, die Mutter des griechischen gHelden Achill. © CF

Quellnymphen ziehen durch die Kunstgeschichte, inspirieren Architektur, Literatur, Musik, Malerei. Sie genießen einen ambivalenten Ruf, sind schön, aber gefährlich, wie die Nymphen, die Hylas locken, auf dem Gemälde des englischen Präraffaeliten John William Waterhouse.

Jüngst war dieses Werk Gegenstand eines Happenings in der Manchester Art Gallery. Für kurze Zeit wurde das Gemälde abgehängt. Eine streitbare Geste vor der Kulisse von MeToo, Missbrauch und männlicher Dominanz.

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Die Archäologin und Museumskuratorin Astrid Fendt vor einem Weihestein des Hirtengottes Pan. Über der Grotte sind tanzende Najaden zu sehen. © CF

Wer sind sie wirklich, diese Wasserfrauen? Worin liegt ihr Zauber, ihr verstörendes Potenzial? Ich sprach mit der Archäologin Astrid Fendt, folgte alten Mythen und modernen Auslegungen.

ADRESSE

Glyptothek und Staatliche Antikensammlungen München

Königsplatz

80333 München

Glyptothek und Staatliche Antikensammlung in München

LITERATUR

Knauss, Florian: Die Kunst der Antike. Meisterwerke der Münchner Antikensammlungen Verlag C.H. Beck. München 2017
Wünsche, Raimund: Glyptothek München. Meisterwerke griechischer und römischer Skulptur. Verlag C.H. Beck. München 2016