Kleine Kulturgeschichte der Tomaten

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Guerilla Knitting für den großen Wurf: Heike Voss mit ihrer ersten gestrickten Tomate © CF

Mit Tomaten auf die Barrikaden

Sonntag, 22. Juli 2018

SWR 2 Matinee zum Thema Tomaten

9 bis 12 Uhr

kurz nach 10 Uhr läuft meine Miniatur

Link zur Miniatur über die Tomatenkultur

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Glatt Rechts: So heißt das Muster der Kunsttomate, die per Strickmusterapp und mit Baumwolle entsteht © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Fast fertig: Das Fruchtfleisch besteht aus Füllwatte © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Luftmaschen für den Strunk. Harmloses Abbild, gefährliches Vorbild. Der Naturstrunk hat’s in sich, Solanin, ein Gift, das zu Koma und Tod führt. © CF

Tomaten führen explosionsartig zur Rebellion, vorausgesetzt, sie fliegen in einer gewissen Geschwindigkeit auf einer elliptischen Bahn durch den Saal und zerplatzen am intellektuellen Kopf des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. So geschehen im Oktober 1968. Auf dem Delegiertenkongress des SDS hielt die feministische Filmemacherin Helke Sander eine Brandrede über die Ungleichheit der Geschlechter. Nach der Rede gingen die Genossen ohne jede Diskussion zum nächsten Punkt über. Im Publikum saß die hochschwangere Studentin Sigrid Rüger und schoss drei Tomaten Richtung Podium. Der Diskurs wurde eröffnet, der Kongress vertagt, die zweite Frauenbewegung war geboren. Alles wegen überreifer Fruchtgemüse, die es in sich haben. 1995 starb die feministische Tomatenwerferin Sigrid Rüger in Berlin. Weggefährtinnen legten einen Kranz mit Tomaten auf ihr Grab.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Gehäkelte EU-Norm: Die Biostrick-Tomate fiel in den Augen von  Heike Voss durch. Neue Maschen und neues Werkzeug mussten her © CF

Wer sich im Tomaten werfen üben will, fährt am besten in die spanische Provinz Valencia, nach Buñol. Dort gibt es jedes Jahr am letzten Mittwoch im August La Tomatina, eine Tomatenschlacht, die sich gewaschen hat. Punkt 12 Uhr Mittags kippt ein LKW 100 Tonnen Tomaten auf den Marktplatz und geht’s los. Eine Stunde lang bewerfen sich die Einwohner_innen mit den roten Gemüsefrüchten. Da kann es schonmal vorkommen, dass jemand plötzlich Tomaten auf den Augen hat. Und an so mancher treulosen Tomate zerplatzt die bitterrote Rache.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Burkhard Bohne, Leiter des Arzneipflanzengartens der TU Braunschweig und Buchautor Garden your City, pflückt Rote Murmeln, eine Wildtomatenart, die nicht gezüchtet wurde. Sie schmeckt intensiv und süß. . In dieser Form müssen sie die Menschen in den Peruanischen Anden im Norden Südamerikas vorgefunden haben, vor rund 7000 Jahren. In Mittelamerika, im heutigen Mexiko, wurden sie von den Azteken kultiviert, die ihnen auch den Namen gaben: xitomatl. Tomate ist ein Lehnwort aus dem aztekischen Nahuatl. © CF

In meiner Miniatur geht es um neue Maschen und einen sehr langen Stammbaum. Wir bewegen uns zwischen Strickmustern, Pop Art und Nachtschatten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
© CF

Petros Markaris am Tatort Athen

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Arbeitsort: Im Präsidium der Landespolizei am Alexandras Boulevard befindet sich die Athener Mordkommission, für die Kostas Charitos arbeitet. Der 1960er Jahre-Bau ist eine Konstante in den Krimis von Petros Markaris. Hier hat Kostas Charitos sein Büro. In der Kantine kauft sich der Kommissar Espresso und Croissant. Aus der Garage fährt er mit seinem Seat zu den Tatorten. © CF 

Ein Fall für Kommissar Kostas Charitos

Scala Sommerreihe über Literarische Orte und Orte der Literatur

WDR 5, Scala

16. Juli, 14 Uhr (Wiederholung: 21 Uhr)

Der Link zum Audio auf meiner Soundcloud

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Tatort I: Die erste Leichte wird aus Chalandri gemeldet, im Roman „Offshore“ von Petros Markaris. © CF

Die Scala Sommerreihe widmet sich literarischen Orten und ihren realen Vorbildern. Innerhalb der Reihe werde ich drei Orte vorstellen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Chalandri ist eines der neueren Stadtteile im Norden Athens. © CF

In meinem ersten Stück geht es um Tatorte in Athen. Niemand kennt sie so gut wie der Kommissar Kostas Charitos und sein Schöpfer Petros Markaris.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Linie 1: Auf dieser Strecke verkehrte die erste U-Bahn Athens. Sie verbindet Kifissia im Norden mit Piräus im Süden. © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Endstation: Die Bahnhofshalle aus den 1920er Jahren führt direkt ins Herz der Hafenstadt Piräus © CF 

Petros Markaris schickt seinen Helden quer durch die Stadt. Auch im zehnten Fall muss Charitos in sämtlichen Himmelsrichtungen ermitteln. Ich heftete mich an seine Fersen und fand…….. keine Leichen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Tatort II: Ein aus dem Ausland zurück gekehrter Reeder wird ermordet. Nicht nur der Mord, auch die Rückkehr lässt Fragen offen. © CF

Klar, literarische Orte sind erschriebene Orte, sind Kulisse für Geschichten oder sie sind die Geschichte selbst.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Schönster Balkon: Ein Saxophonspieler unterhält sein Publikum in einem Café, in der Nähe des Hafens. Früher boten Prostituierte ihre Dienste an, bis sie die Junta vertrieb. Flüchtlinge aus Kleinasien lebten in ebenerdigen Häusern, bis die Nachkommen Mehrgeschosser bauten. Matrosen hatten hier ihr Zuhause, bis die Mieten stiegen. © CF

Räume wecken Träume, hinterlassen Traumata, wandeln Erfahrungen in Erinnerungen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Welcome in Paradise. Kostas Kokkotis sitzt vor der mehrspurigen Hafenstraße, mitten in Hitze, Lärm und Staub. Er schwärmt für Petros Markaris und die direkte Demokratie. © CF 

Literarische Orte sind Seelenspiegel, Schauerkulissen, Scheinfassaden. Sie mögen nicht wahr sein, dafür aber wahrhaftig. Petros Markaris ist ein Meister der Wahrhaftigkeit.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der Platz der Verfassung: Auf dem Syntagmaplatz beginnt der Roman „Offshore“. Auf dem Platz, auf dem einst Offiziere eine Verfassung forderten, auf dem die erste Republik ausgerufen wurde, auf dem Flüchtlinge aus Kleinasien zelteten, auf dem Proteste und Prozessionen stattfinden, an dem Präsidialgardisten ihren Dienst versehen, im Stil der griechischen Unabhängigkeitskämpfer, mit Faltenrock, Fez und Schnabelschuhen. © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Taverne des Kommissars: Platanos in Plaka ist die Lieblingstaverne des Autors und seiner Hauptfigur. © CF

Literatur

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der Ort des griechischen Verlegers: Die Bücher im griechischen Original erscheinen bei Poems & Crimes. Hier trafen wir Petros Markaris für das Interview. © CF 

Markaris, Petros: Offshore (Roman. Ü: Michaela Prinzinger). Ein Fall für Kostas Charitos. Diogenes Verlag. Zürich 2017

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul. Väterlicherseits ist er Armenier, mütterlicherseits Grieche, besuchte ein deutschsprachiges Gymnasium. © CF

Markaris, Petros: Drei Grazien. (Roman. Ü: Michaela Prinzinger). Ein Fall für Kostas Charitos. Diogenes Verlag. Zürich 2018 (ERSCHEINT AM 25.7.)

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Petros Markaris lebte in Wien und Stuttgart, bevor er sich in Athen niederließ.  © CF

Markaris, Petros: Quer durch Athen. Eine Reise von Piräus nach Kifissia (Reiseliteratur. Ü: Michaela Prinzinger). Diogenes Verlag. Zürich 2013

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Berühmt wurde Petros Markaris mit seinen Kostas Charitos-Romanen. © CF

Weitere Romane von Petros Markaris: Diogenes Verlag. Zürich

http://www.diogenes.ch/leser/autoren/m/petros-markaris.html

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
© CF

Vom Upcycling alter Tankstellen

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Dida Zende an der Freien Internationale Tankstelle in Berlin Mitte. Die Fassaden gestaltete das Künstlerkollektiv Klub 7 in Halle an der Saale. © CF

Anders befüllt

SWR 2 Matinee über Tankstellen

8.7. 2018, 9 bis 12 Uhr

Meine Miniatur läuft nach 11 Uhr

Link zum Audio über umgewidmete Tankstellen

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
1926 wurde die Tankstelle als eine der ersten in Berlin erbaut. Seit 2003 liefert sie Energie in anderen Dimensionen. Spirit statt Sprit, Kunst statt Kapital. Hier legen Reisende einen Zwischenstopp ein, Nachbar_innen sind Dauergäste. Alle dürfen tanken und Tanks auffüllen. © CF

Dida Zende ist Bildender Künstler und Tankwart der Zukunft. In Berlin Mitte betreibt er die FIT, die Freie Internationale Tankstelle, ein „Open Source Kunstwerk“, wie er selber sagt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Hinter der Sauna: Das alte Feuerwehrauto im Hof bringt alle zum Schwitzen. © CF© CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
In der Sauna: Pyromantiker Tobi Jackson feuert den Saunaofen an. © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Betanken: Das Aufgusswasser wird im Mantel des Saunaofens vorgewärmt © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
© CF

Seit 2003 wird in der FIT alles getan, nur kein Sprit abgefüllt. An der ältesten Tankstelle kommt die Energie von den Leuten, die sie ansteuern.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Tankstellenfotograf Joachim Gies sitzt am Schaufenster einer ehemaligen Tankstelle. © CF

Joachim Gies ist Fotograf und Tankstellensucher. Tausende Kilometer hat er bereits hinter sich, um Tankstellen zu finden, die keine Tankstellen mehr sind, wie die im Titelbild.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
1935 entstand im Kölner Norden, an der Neusser Landstraße, eine Tankstelle. Sie erlebte  Nationalsozialismus, Wirtschaftswunder, Ölkrise, Energiewende, Umwidmung. Heute werden hier Autos repariert und Reifen gehandelt. © CF

Ihm bleiben zehn Minuten für den magischen Moment des Ablichtens. Denn er fotografiert die bizarren Architekturen im Zwielicht, in der Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit. Eines Tages stieß Joachim Gies in Berlin Mitte auf die Fit und lichtete sie ab für sein aktuelles Projekt: Umgewidmete Minoltankstellen der DDR.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der erste Fotoband entstand 2014 und zeigt ehemalige Tankstellen in NRW. Titel: Abgetankt. Sorgsam komponierte Momentaufnahmen jener Orte, die es in naher Zukunft vielleicht gar nicht mehr geben wird.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Dida Zende an der mobilen Sauna © CF

Ich traf mich mit Dida Zende in einem Kiez in Berlin Mitte und mit Joachim Gies an einer Landstraße zwischen Köln und Neuss.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Mongolische Jurte und geodätische Bühne: Im Hof der Freien Internationalen Tankstelle © CF

Freie Internationale Tankstelle

Link zur Freien Internationalen Tankstelle

Schwedter Str. 262

10119 Berlin

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ausgediente Zapfsäule: Monument und Dokument © CF

Reifen Kluth

Neusser Landstr. 131

50769 Köln Fühlingen

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Gies, Joachim: [Abgetankt] Selbstverlag. Köln 2014 © CF

Link zur Fotoserie [Abgetankt]