290. Todestag von Christian Thomasius

Gelehrter Rebell

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Blick aus der Gruft Nr. 10: Der Stadtgottesacker in Halle (s. auch Titelbild) ist eine archiotektonische Perle aus der Zeit der Renaissance: 94 Grabbogengewölbe umgeben den Friedhof, verziert mit Reliefs, Rankenornamenten, Inschriften. Die Gruft Nummer 10 ist dem Juristen und Philosophen Christian Thomasius gewdimet.  (Foto: CF)

1728: Todestag des Juristen und Philosophen Christian Thomasius

23.September 2018

WDR 5: 9.45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Link zum ZeitZeichen über Christian Thomasius

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Im Löwengebäude der Martin Luther-Universität Wittenberg-Halle: Die beiden Thomasiusforscher Matthias Hambrock (Historiker/ li.) und Martin Kühnel (Philosoph) flankieren die Büste des Frühaufklärers Christian Thomasius. Das Bronzeportait schuf der Berliner Bildhauer Fritz Schaper 1894, anlässlich des 200. Jubiläums der Universitätsgründung. Der Sockel, auf dem der Kopf steht, kann nicht hoch genug sein, denn, dass es in Halle eine Universität gibt, verdankt die Stadt dem charismatischen Juristen Christian Thomasius. (Foto: CF)

Christian Thomasius war Rebell und Reformer, ein Frühaufklärer und Querdenker. Entschieden sprach er sich für die Trennung von Kirche und Staat aus. Den Glauben an den Teufel jagte er zum Teufel und entzog damit dem Hexenwahn sein wichtigstes Fundament. In seinen Augen war der Herr der Hölle kein Wesen. Ergo konnten Menschen nicht mit ihm Bunde sein. Ergo gab es keine Hexen. Aberglauben rechtfertigten weder Folter noch Verfolgung.

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Matthias Hambrock und Martin Kühnel sitzen in der Bibliothek des Internationalen Zentrums für die Erforschung der Europäischen Frühaufklärung (IZEA) auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen. Um 1700 legte der Pietist August Hermann Francke mit einem Waisenhaus den Grundstein für die spätere Schulstadt, die als eine der bedeutendsten protestantischen Bildungseinrichtungen Europas galt. Heute befindet sich hier unter anderem das IZEA. (Foto: CF)

Christian Thomasius appellierte an die Freiheit des Denkens, fast 100 Jahre, bevor Immanuel Kant die Definition von der Überwindung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit formulierte.

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In der IZEA-Bibliothek liegen Originalschriften des Gelehrten Christian Thomasius. Schriften gegen den Hexenwahn, Rechtsgutachten, Fallbeschreibungen aus seiner Tätigkeit als praktizierender Anwalt, die Monats-Gespräche. (Rechte: CF)

Geboren in Leipzig am 1. Januar 1655, wuchs er im Schatten des 30jährigen Krieges auf. Der erbitterte Krieg der Konfessionen hatte abertausende Tote hinterlassen und zutiefst gespaltene Fürstentümer.

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Marktplatz in Halle (Saale) mit Blick auf den Roten Turm und die protestantische Marktkirche Unser Lieben Frauen⁄. In dieser Kirche begann die Reformation Halles, hier predigte Martin Luther, hier spielte der junge Georg Friedrich Händel Orgel. (Foto: CF)

Innerhalb der protestantischen Kirche gab es immer wieder heftige Grabenkämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

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Im Dom zu Halle geht bis heute die Reformierte Gemeinde zu den Gottesdiensten. Auch der Lutheraner Christian Thomasius besuchte die Predigten des reformierten Priesters. Freiheit bedeutete für ihn auch Religionsfrfeiheit. (Foto: CF)

Christian Thomasius, ein bekennender Lutheraner, studierte Philosophie und Jura im Reformierten Frankfurt an der Oder. Als ausgebildeter Anwalt kehrte er ins Lutherische Leipzig zurück. Als Anwalt verdiente er sein Geld, als Hochschulprofessor blieb ihm die Karriere versagt, denn er erteilte der religiösen Vormachtstellung eine Absage. Religion war Privatsache und hatte in der Politik nichts zu suchen.

Christian Thomasius_MLU Foto Markus Scholz
Das Porträt von Christian Thomasius schuf der Künstler Johann Christian Heinrich Sporleder (Öl auf Leinwand) 1754.  Das Original hängt in der Martin Luther-Universität in Halle an der Saale (Foto: Markus Scholz)

Nicht in schwarzem Talar, sondern in bunten Anzügen und mit Kavaliersdegen stand er vor seinen Studenten, heißt es. Er war der erste Gelehrte, der eine Vorlesungsankündigung auf Deutsch veröffentlichte, statt Latein, die Haussprache der Universitäten.

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1690 ließ sich Christian Thomasius in Halle nieder. Damals war Halles berühmtester Sohn, der Komponist Georg Friedrich Händel (s. Statue) fünf Jahre alt. Als er 17 Jahre alt war, besuchte Händel die Juristische Fakultät, vielleicht sogar die Vorlesungen bei Christian Thomasius. Zeugnisse gibt es nicht. (Foto: CF)

In Leipzig veröffentlichte Christian Thomasius die Monatsgespräche, ein satirisches Journal auf Deutsch, Schertz- und Ernsthaffte/ vernünfftige und einfältige Gedancken/ über allerhand Lustige und Nützliche Bücher. Einige Gelehrte erkannten sich wieder und verklagten den Autoren. Christian Thomasius erhielt Vorlesungs- und Publikationsverbot. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh er nach Halle, das dem Brandenburgischen Kurfürsten unterstand.

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Das Ärztehaus Mitte, ein Haus mit einer wechselvollen Geschichte: 1532 wurde der Renaissancebau errichtet. (Foto: CF)

Der Bau war Wohnhaus und Gasthof. Matthias Hambrock und Martin Kühnel fanden heraus, dass Christian Thomasius in diesem Gebäude zur Miete lebte, bevor sich der Jurist ein eigenes Haus kaufte. Im 19. Jahrhundert gab es hier Konzertveranstaltungen und Ausstellungen. Im Ersten Weltkrieg diente das Haus als Lazarett, bevor es zur Poliklinik umgebaut wurde. Zu DDR-Zeiten wurden politisch anders denkende Frauen grausam misshandelt. Jetzt sollen hier Eigentumswohnungen entstehen.

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Blick durch einen Spalt der verrammelten Fenster (Foto: CF)
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An der Stelle des Kaufhauses (re.) stand das Haus des Juristen Christian Thomasius und seiner Familie. Im Haushalt lebten auch Studenten. Es gab eine Bibliothek mit rund 4000 Bänden und einen Hörsal. (Foto: CF)

In Halle eröffnete Christian Thomasius eine Ein-Mann-Universität, hielt Vorlesungen in der Ratswaage auf dem Marktplatz. Unermüdlich warb er um die Eröffnung einer Universität in Halle. 1694 war es endlich soweit. Im nicht mehr existenten Waagegebäude wurde die Friedrichs-Universität gegründet, benannt nach dem Landesvater Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg.

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Modell der Ratswaage, die bis 1945 an der Ostseite des Marktplatzes in Halle stand. Eine Bombe zerstörte das Gebäude.  (Foto: CF)

Am 23. September 1728 starb Christian Thomasius in Halle. Das ZeitZeichen erinnert an einen bis heute kontrovers diskutierten Pionier der Aufklärung.

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Grabbogen Nummer 10: Auf dem Medaillon ist Christian Thomasius zu sehen. (Foto: CF)

Zu empfehlen ist die kritische Briefedition, die Frank Grunert, Matthias Hambrock und Martin Kühnel herausgeben. Die Korrespondenz gibt einen Einblick in die Sprache und das Denken des ungewöhnlichen Barockgelehrten Christian Thomasius.

Christian Thomasius: Briefwechsel. Historisch-kritische Edition, Bd. 1: 1679–1692. (HG) Frank Grunert, Matthias Hambrock und Martin Kühnel unter Mitarb. von Andrea Thiele. Berlin/Boston 2017

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Ein Angler sitzt an einem Nebenarm der Saale in Halle: Aus vier Brunnen wurde die Sole gewonnen, mit der die Stadt ihren Reichtum begründete. In Fachwerkhäusern siedeten die Halloren das berühmte Salz. Handelsschiffe trugen das Siedesalz auf dem Wasserweg über die Stadtgrenzen hinaus. (Foto: CF)

Bibliothek des IZEA auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen

0611 Halle an der Saale

Franckeplatz 1, Haus 54

Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Frühaufklärung

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Christian Thomasius-Büste im Löwengebäude in der Universität in Halle an der Saale (Foto: CF)

Ping-Pong auf dem Tischtennis-Tisch

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Omar Assar: Borussia Düsseldorf, Bundesligist, ägyptischer Nationalspieler, 17. der Weltrangliste © CF

Abserviert

SWR 2 Matinee über Tische

23.9.2018 (9-12 Uhr)

Meine Miniatur läuft gegen 11 Uhr

Link zum Audio über den Tisch der kleinen Bälle.

Er räumt gerne Tische ab: Omar Assar. Der ägyptische Nationalspieler kehrt nichts unter den Tisch, er legt die Dinge knallhart auf die Platte. Auch schiebt er keine ruhige Kugel, sondern schmettert, dreht und serviert seinem Gegenüber schwere Kost. Zur Zeit belegt er Platz 17 auf der Weltrangliste und spielt beim erfolgreichen Tischtennisteam von Borussia Düsseldorf.

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Den Sport entwickelte ein britischer Major, Mitte des 19. Jahrhunderts. Anfangs war es ein Spiel für die Oberschicht, später entwickelte sich Tischtennis zum Volkssport.

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Regeln, Kunststoffbälle und genormte Platten machten aus dem Volkssport eine Wettkampfdisziplin.

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Als eins der erfolgreichsten Länder gilt China. “Stell Dir vor, der Tischtennisball sei der Kopf deines kapitalistischen Feindes. Schlag ihn mit deinem sozialistischen Schläger, und du hast einen Punkt für Dein Vaterland gemacht.”Das schrieb Mao Tse-tung, Chinas, er erklärte Tischtennis zum Nationalsport Chinas.

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Auf Ping folgt Pong.

In der Zeit der Kulturrevolution (1966) fiel Tischtennis in Ungnade. Erst 1971 traten Chinas Spieler wieder an den WM-Tisch. Danach gab es kein Halten mehr.

Omar Assar begleiten die Tischtennis-Tische von Kindesbeinen an. Wir trafen uns im Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf und tischten auf.

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Borussia Düsseldorf

Borussia Düsseldorf (Tischtennis)

Ernst-Poensgen-Allee 58

40629 Düsseldorf

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Omar Assar und Luca Scherello © CF

 

Kulturgeschichte der Glocken

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Bienenkorbglocken im Glockenspiel: Begleitinstrumente der Gregorianischen Gesänge im Kloster © CF

Der Guss der Harmonie

WDR 3, Kultur am Mittag

18. September, 12 Uhr

Zum Audio über die Kulturgeschichte der Glocken

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Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock (auch Titelbild) in GescherUm 1690 zog Jean Francois Petit, Spross einer Glockengießerfamilie aus Lothringen, ins Münsterland und blieb, des guten Lehms wegen. Seither werden in Gescher Glocken gegossen. Zu sehen ist das Herz der Gießerei, die Glockenstube. An der Stirnseite steht der 100 Jahre alte Schmelzofen. 15 Meter hoch, 10 Meter breit, fünf Meter tief. © CF

Glocken faszinieren seit Jahrtausenden die Menschen rund um den Globus. Aus dem antiken China kamen sie über Arabien, Israel, Byzanz nach Westrom.

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Glockenturm in Dimitsana in Arkadien (Peloponnes, Griechenland) © CF

Jede Glocke ist einzigartig in Form, Klang und Funktion. Sie warnt, mahnt, musiziert. Die Klangkörper erzeugen Gefühle zwischen schön und schaurig.

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Schiffsglocke © CF

Glocken begleiten die christliche Kirche seit ihren Anfängen. Spätestens, seit Karl der Große Kirchen und Klöstern empfahl, Glocken zu gießen, gehören sie in die christlichen Dachstühle. Glocken sind ein Kompass im Alltag. Ihr Klang definiert Zeit und Raum.

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Sechs Türme und zwölf Glocken: Die Benediktinerabtei Maria Laach © CF

In den Klosterkirchen erlebt der Gregorianische Choral eine ungebrochene Tradition. Ohne diese Gesänge gäbe es keinen Beethoven, keinen Mozart, keine Beatles. 1200 Jahre nach ihrer Blütezeit feiert die mittelalterliche Kunst Comeback. In Choralscholen werden sie gesungen.

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Meisterin der Glocken und des Gesangs: Maria Jonas (Trobairitz, Leiterin der FrauenscholaArs Choralis Coeln.© CF

Zehn Bronzeglocken erzeugen Töne, gemäß der Pythagoreischen Stimmung. Dem antiken Ordnungsprinzip folgte die Musik des Abendlandes bis zum 16. Jahrhundert. Eine Hilfe zum Einsingen.

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Eine Stunde dauert die Schmelze in einem Tiegel aus Graphit. 160 Kilo Bronze brodeln im Topf. Am Ende beträgt die Temperatur rund 1200 Grad Celsius. © CF

In der Bundesrepublik existieren noch sechs Glockengießereien, unter anderem die Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher. Ich blieb einen Tag und erlebte einen Bruchteil der Arbeitsschritte, die nötig sind, um eine Glocke herzustellen.

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Mit Sicht- und Wärmeschutz nähern sich die Arbeiter der 1200 Grad heißen Suppe. Mit einer eisernen Haltervorrichtung kippen sie den Schmelztiegel in eine der beiden Öffnungen der Stahlform. Die Bronze fließt über in den steinharten Formsand eingeritzte Gießkanäle in den Hohlraum zwischen Mantel und Kern. © CF

Das Handwerk braucht vor allem eins: Zeit. Am Schluss werden die Glocken abgehört. Mit Stimmgabel und einem absoluten Gehör studieren die Prüfer Unterton, Prime, Mollterz, Quinte, das heißt, sämtliche Teiltöne, die den Klang der Glocke bestimmen.

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Der Elektriker, Glockenprüfer und Musiker Wolfgang Nieland testet die Glocken.  (© CF)

Das hat es noch nie gegeben, dass europaweit gemeinsam Glocken läuten. Am 21. September (18 bis 18.15 Uhr) werden mehr als tausend Instrumente über Ländergrenzen hinweg zeitgleich in sakralen und säkularen Dachstühlen schwingen und den Klang verbreiten, der Europa fast zwei Jahrtausende lang prägte.

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St. Paulus Dom in Münster © CF

Petit & Gebrüder Edelbrock

Glocken- und Kunstguss-Manufaktur

Hauptstraße 5

48712 Gescher

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Glockengießerei in Gescher © CF

Westfälisches Glockenmuseum Gescher

Lindenstraße 2, 48712 Gescher

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Die Trobairitz Maria Jonas mit Stefan Klöckner (Leiter des Instituts für Gregorianik) an der Folkwang Universität der Künste in Essen. © CF

Maria Jonas (Leiterin der Frauenschola „Ars Coralis Coeln“)

Neue CD

Hildegard von Bingen. Ordo Virtutum. Die Ordnung der Kräfte.

Leitung: Maria Jonas. Raumklang. RK 3701. LC05068. Schloss Goseck 2018

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Kölner Dom und St. Martin (re.) © CF

Europäisches Glockenhappening

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Der Kölner Dom läutet mit © Drohne über CF

Europa läutet

17. September 2018

WDR 3, Kultur am Mittag

12 Uhr

Gespräch mit Matthias Wemhoff

Prof. Dr. Matthias Wemhoff © Staatliche Museen zu Berlin-Foto- Achim Kleuker
Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Vorsitzender des Nationalen Programmbeirates für das Kulturerbejahr 2018, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin © Staatliche Museen zu Berlin-Foto- Achim Kleuker

In ganz Europa läuten Glocken. Am 21. September werden mehr als tausend Instrumente über Ländergrenzen hinweg zeitgleich in ihren Dachstühlen schwingen und den Klang verbreiten, der Europa fast zwei Jahrtausende lang prägte.

Glockengußgrube in Dülmen © Jentgens & Partner Archäologie-R. Machhaus
Rarer Fund (2015/ 2016) aus der Karolingerzeit (8. Jahrhundert): Die Glockengussgrube in Dülmen gilt als eine der ältesten in Europa. Sie ist ein Zeugnis für die Christianisierung Westfalens. Das Foto stammt aus dem Begleitband der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ in Berlin © Jentgens & Partner Archäologie/R. Machhaus

Kultur am Mittag widmet den Glocken eine fünfteilige Reihe. Beim ersten Glockenschlag ist der Mittelalterarchäologe Matthias Wemhoff zu Gast.

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In der 12. Generation entstehen in der Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher Glocken (s. Titelbild). Eine Familientradition, die 1690 begann. © CF

Gemeinsames Läuten von sakralen und säkularen Glocken

21.9. Weltfriedenstag

18 bis 18.15 Uhr

Zeichen für den Frieden

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Kapelle auf dem Stadtgottesacker in Halle an der Saale © CF

Katalog zur Ausstellung Bewegte Zeiten

Wemhoff, Matthias/ Rind, Michael M. (Hg.): Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Michael Imhof Verlag. Petersberg 2018

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Katholische Pfarrkirche St. Baptist in Borgentreich (Westfalen) © CF

Link zur Ausstellung „Bewegte Zeiten“

21.9.2018 bis 6.1.2019

Martin Gropius Bau

Niederkirchnerstr. 7

10963 Berlin

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St. Pieters Church in Utrecht (NL) © CF

Europäisches Kulturerbejahr 2018

Europäisches Kulturerbejahr 2018 „Sharing Heritage“

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Kloster Arenberg © CF

Papier – Objekt und Medium

Seiten mit Sinn

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Pop Up Papier. Feine Dinge aus und auf Papier heißt der Laden, den Nicola von Velsen in den Räumen der Manufaktur des Buchbinders und Prägers Dirk Jachimsky unterhält. Blumenvasen aus Papier gehören zu den Fundstücken, die die Lektoren und Buchautorin präsentiert. © CF

WDR 5, Scala Schwerpunkt

10. September, 14 Uhr, (21 Uhr: Wiederholung)

Link zum Audio meines Features über Papier

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Wenn Papier Blüten treibt: Nicola von Velsen hängt selbst gefertigte Blumen in ihren Papierladen Pop Up Papier. Auch die Girlanden aus den Fasern von Maulbeerbäumen (s. Titelbild) zieren eines der Schaufenster. © CF

Papier ist ein Medium, ist Träger von Informationen, Gefühlen, Literatur. Vom kostbaren Gut wandelte es sich zur Massenware. Seine Herstellung war ein Handwerk, später eine Industrie. eReader und Touchscreens sind die Medien der Zeit, Papier wiederum der Baustoff der Zukunft.

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Nachbarn: Das neue Papiermuseum Düren und der Kubus an der Rückseite des Leopold-Hösch-Museums © CF

Papier liegt eine Jahrtausende alte Kulturtechnik zugrunde, die die Menschheit revolutioniert hat.

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Schweres Gerät für zarte Bögen: Die 500 Kilo schwere Papierpresse wird gerade auf die Wertschöpfungsinsel montiert. In diesem Raum werden künftig die Gäste selbst Papier herstellen. © CF

Um Papier dreht sich auch eine Neuerscheinung aus dem Prestel Verlag. Titel: Papier. Material, Medium und Faszination. Mitherausgeberin ist Nicola von Velsen, Lektorin und Inhaberin des Papierladen POP UP Papier. Feine Dinge aus und auf Papier.

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Offenlegung: Die Macher_innen des Papierbuches verzichten auf einen Buchrücken und geben den Blick auf die Fadenheftung frei. © CF

Das Papier-Buch ist ein buchbinderisches Kleinod. Fadenheftung, edler Pappeinband, unterschiedliche Papiersorten, ein Füllhorn an Informationen, Bildern, Farben, Typographien und Randnotizen.

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Das Papiermuseum. Der Um- und Neubau entstand nach den Entwürfen des Architekten Klaus Hollenbeck. © CF

Der Neubau des Papiermuseums in Düren wirkt wie ein gefaltetes Objekt in Weiß, eine Art Origami.

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Eine schmale, schwarze Fuge umläuft das weiß verputzte Museum. Ein architektonisches Detail, das den Eindruck erwecken soll, als ließe sich die Skulptur einfach wegpusten. © CF

Im Schatten des Leopold-Hoesch-Museums schuf der Kölner Architekt Klaus Hollenbeck eine Bühne für die Stars des Papiermuseums in Düren. Dürener Papier trägt Texte wie das Grundgesetz oder die Urkunde zur Deutschen Einheit. Doch ist Papier noch tragbar? Eine Frage, die unter anderem im Papiermuseum Düren diskutiert wird.

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Der Architekt Klaus Hollenbeck steht vor der Fassade. Das erhabene Muster ist ein Zitat auf die Wasserzeichen in Büttenpapieren. © CF

Ist Papier endgültig reif fürs Museum? Ja und nein. Jedes Blatt hat mehr als zwei Seiten. Ein Feature zum Blättern.

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Schräge Linien, klarer Blick: Die Paperwork-Lounge im Papiermuseum in Düren © CF

Adressen

Papiermuseum Düren

Wallstr. 2-8. 52349 Düren

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© CF

Pop Up Papier. Feine Dinge auf und aus Papier

Inhaberin: Nicola von Velsen

(in den Räumlichkeiten der Buchbinderei und Prägerei Edmund Schäfer

Inhaber: Dirk Jachimsky)

Maastrichter Str. 24. 50672 Köln

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Montage der Bibliothek im Papiermuseum Düren © CF

Buch

Holt, Neil/ Velsen von, Nicola (Hg.): Papier. Material, Medium und Faszinosum. Prestel Verlag. München London New York 2018

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© CF

Weiß in Weiß: Papiermuseum Düren

Nach acht Jahren wiedereröffnet

WDR 3 MOSAIK

10. September 2018, 9 Uhr

Link zum Audio meiner Miniatur über das Papiermuseum Düren

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Benachbart: Beigefarbener Naturstein neben grauen Ziegelsteinen neben weiß verputztem Beton: Das Leopold-Hösch-Museum (1905) mit dem Anbau von Peter Kulka (2009) steht direkt neben dem komplett umgebauten Papiermuseum (2018), einem Bau mit Falten. © CF

1990 bekam Düren sein erstes Papiermuseum. In einer mehrfach umgebauten Tankstelle kämpfte das Museum gegen das ungleich größere und bedeutendere Leopold Hoesch-Museum an.

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Entworfen: Der Architekt Klaus Hollenbeck © CF

Das soll nun anders werden. Der Kölner Architekt Klaus Hollenbeck schuf das neue Gewand für einen 2000 Jahre alten Star: Papier.

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Aufgebaut: Die Papierpresse ist ein Herzstück der Schöpfinsel. Das 500 Kilo-Objekt erhält ein eigenes Fundament © CF
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Gepresst: Die Gäste legen Hand an, quetschen Wasser und überschüssigen Leim aus den geschöpften Bögen © CF

Papiermuseum Düren

https://www.papiermuseum-dueren.de

Wallstr. 2-8, 52349 Düren

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Eingeschlossen: Wie Pflanzenfasern im Papier liegen, liegt die Beleuchtung im Putz. © CF

Mit Homer auf der Peloponnes

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Homer beschreibt im dritten Gesang der Odyssee, wie Odysseus‘ Sohn Telemachos in der Bucht von Navarino vor Anker geht. Der junge Mann suchte den verschollenen Helden, zehn Jahre nach dem Krieg gegen Troja. Am Horizont liegt die Insel Sfaktiria. © CF

Der blinde Rhapsode besingt den Palast des Nestor

3.September 2018

WDR 5, Scala

14 Uhr und 21 Uhr

Link zum Audio über den Palast des Nestor

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Die Ochsenbauchbucht ist Teil der Navarinobucht. Hier ging Telemachos an Land, heißt es in der Odyssee. © CF

Keine Literatur ohne Verortung und kaum ein Ort ohne Literatur. In der Scala SommerReihe geht es um Passagen von der Realität in die Fiktion und zurück.

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Als sie die Fremden erblickten, da strömten sie alle zusammen,
grüßten mit Handschlag sie und wiesen sie an, sich zu setzen (Homer. Odyssee. Dritter Gesang. Ü: Kurt Steinmann). An diesem Strand vermutlich saßen Nestor und die Pylier mit ihren Gästen beim Festessen, bevor sie auf den Hügel ins Landesinnere zogen, zum Palast des Nestor. © CF

Der Palast des Nestor auf der Peloponnes ist ein zweifacher Twist. Die Realität liegt in der Frühgeschichte Europas, in der Bronzezeit, die Fiktion entstand viele Jahrhunderte später. Homers Odyssee entstand um 700 v.Chr..

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Palast des Nestor in Messenien bei Pylos (Peloponnes): Treppenaufgänge, Mauerreste, Andeutungen von vielen Räumen. In den 1950er und 60er Jahren wurde die archäologische Stätte ausgegraben. In Homers Beschreibung lebt die Familie allein im Palast, mit ein paar Bediensteten und ihrem Gast Telemachos. Das ist eine Vorstellung, die in Homers Zeit passt, aber nicht in die Zeit der mykenischen Kultur, sagt Martin Boß: „Diese Ruinen verweisen auf eine Welt des zweiten Jahrtausends v. Chr. mit großen Palastarealen und einer komplexen Infrastruktur, die zentralistisch organisiert ist. Hier werden Waren verwaltet und verschickt. Hier wird auch produziert. All das hat es in geometrischer Zeit nicht gegeben.“ © CF
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Das Publikum bewegt sich über der Ausgrabungsstätte. Katerina Katsatou nutzt den Steg als Bühne und liest aus dem dritten Gesang in der neugriechischen Übersetzung von Nikos Kazantzakis. © CF

Jahrtausende später lesen wir die Gesänge und betrachten die Reste des einstigen Geschehens. Wir stehen vor Ruinen und Rätseln, auf einem Ausgrabungsfeld bei Pylos, im Palast des Nestor, mit Homers Odyssee in der Hand.

palast des Nestor Obergeschoss © Martin Boß
Der „Palast“ war ein komplexes Gebilde aus Gevierten in sämtlichen Größen. Das 3D Bild, das Martin Boß erstellte, zeigt einen fast modern anmutenden Bau: zwei Geschosse, Innenhöfe, Flachdächer, Räume, die wie Module aneinander gesetzt sind. Martin Boß: „Die Aglomeratbauweise erlaubt beliebig viele Anbauten, die allen Zwecken gerecht werden, dem Kultischen, der Verwaltung Registratur, der Machtzentrale für Politik und Recht, der Produktion von Tongefäßen, der Lagerung von Wein und Öl. © Martin Boß
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Martin Boß (auf der Leiter) in der Gipsgussgalerie der Antikensammlung der Uni Erlangen-Nürnberg, vor ihm steht der Zwei-Meter Mann Augustus von Primaporta © Harald Sippel

Der Klassische Archäologe Martin Boß (Friedrich-Alexander-Universiät Erlangen-Nürnberg) hatte sich die Fundstücke seines amerikanischen Kollegen Carl Blegen genau angesehen und ein Bild gemacht. Aus den Ausgrabungen, Wissen und Vorstellung gestaltete er mehrere Modelle in 3D.

Innengestaltung © Martin Boß
„Hier lebte nicht nur der Herrscher, der Wanax“, sagt Martin Boß: „Hier gab es Handwerker, Spezialisten für Landwirtschaft, Priester, Schmiede, Töpfer.“ © Martin Boß
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Auf dieser Tontafel (zu sehen in dem kleinen Ausstellungsraum an der Ausgrabungsstätte)  stehen keine Gebete oder Gesänge, sondern Güter, Zölle, Steuern. Auf hunderten solcher Tontafeln befindet sich die Buchhaltung des Palasts, die zeigt, dass die Anlage Wohnort und Wirtschaftsbetrieb war. verfasst in der der sogenannten Schrift Linear B, 1952 entziffert 1952. Die Tafeln waren sowas wie Rechnungsbücher. Doch darüber schweigt das Epos. © CF
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Doch den Telemachos badet’ derweil Polykaste, die schöne,
Nestors, des Sohnes des Neleus, jüngste Tochter;
Und als sie ihn gebadet hatte und glänzend gesalbt mit dem Öle
und um ihn einen schönen Mantel geworfen und Leibrock,
stieg er, Unsterblichen ähnlich an Gestalt, aus der Wanne
und ging und setzte zu Nestor sich hin, dem Horten der Völker. (Homer. Odyssee. Ü: Kurt Steinmann). Dass Telemachos in dieser Wanne lag, sei reine Fiktion, sagt Martin Boß. © CF

Viele Fragen bleiben offen, nur eins ist klar, Homers Palast im dritten Gesang der Odyssee gibt ein völlig anderes Bild als es die Funde bei Pylos zeigen. Die mykenischen Palastareale aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. müssen sehr viel größer gewesen sein als die Bauten im geometrischen Stil, zu Homers Zeiten.

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In den mykenischen Palastanlagen existierte stets ein Megaron, ein großer Hauptraum mit Thron und  Feuerstelle (im Bild). © CF

Homer Odyssee © CF

Homer. Odyssee. Ü: Kurt Steinmann. Manesse Verlag. Zürich/ München 2011

Palast des Nestor © Martin Boß
Der Palast des Nestor in 3D © Martin Boß

Martin Boß (Klassischer Archäologe)

Antikensammlung Erlangen Internet Archiv (AERIA)

Martin Boß © Julia Beeck
Martin Boß betrachtet einen Hafenschlepper amerikanischer Bauart aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts © Julia Beeck
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Vermutlich bestand der Bau aus Ziegeln, Steinen, Holz. Hier könnte sich die Vorhalle befunden haben, gestützt durch eine Säule © CF

 

Palast des Nestor

Ano Englianos von Messenien

Ethniki Odos Kiparissias Pilou

Nestor 246 00

Griechenland

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Blick vom Palast des Nestor auf die Bucht von Navarino © CF