Johann Georg Gichtel

Theosoph und Reformer

1710: Todestag

21. Januar 2020

WDR 5: 9.45 Uhr

WDR 3: 17.45 Uhr

NDR Info: 20.15 Uhr

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TITELBILD

Ritman Library in Amsterdam: Dr. Lucinda Martin (re/ Germanistin, Religionswissenschaftlerin am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt) erklärt mir die Wiedergeburts-Vorstellungen von Johann Georg Gichtel © Katerina Katsatou

Amsterdam © CF

Amsterdam, im 17. Jahrhundert. Die Stadt erlebt ihre Blütezeit. Prächtige Bauten entstehen, das Stadthaus, die portugiesische Synagoge, der Grachtengürtel, ein Netz aus Kanälen, Giebelhäusern und schmalen Brücken.

Grachtengürtel © Katerina Katsatou

In einem der Häuser lebt Johann Georg Gichtel, ein Glaubensflüchtling aus Regensburg. Zusammen mit 30 Brüdern gründete er eine lose Gemeinschaft, die Lohnarbeit ablehnt. Ihre Einnahmequelle sind Spenden.

Embassy of the free mind & Ritman Library in Amsterdam: Dr. Lucinda Martin (li) forscht über Radikalpietismus und Spiritualität. © Katerina Katsatou

Gichtel ist ein scharfer Kirchenkritiker und Theosoph. Er gehört zu jenen radikalen Reformern, die eine individuelle Form der Frömmigkeit leben und die Himmlische Sophia ins Zentrum ihrer Glaubenslehre stellen. Sophia steht für die Weisheit, für die weibliche Seite Gottes.

Ritman Library: Ausstellung über Jacob Böhme, kuratiert von Lucinda Martin, Cecilia Muratori (GB) und Claudia Brink (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) © Lucinda Martin

Sophia ist ein Prinzip, das bereits in Jacob Böhmes Schriften eine tragende Rolle spielt. Im kosmopolitischen Görlitz schreibt der Schuster Jacob Böhme seine Werke, ein Ausnahmedenker, von den Ratsherren und Pastoren argwöhnisch beäugt. Der mystisch inspirierte Weltentwurf zeigt heterodoxe Tendenzen, das heißt, sie sind abweichlerisch von der offiziellen kirchlichen Lesart.

Detail aus der Ausstellung über Jacob Böhme in den Räumen der Riman Library © Katerina Katsatou

Für Gichtel ist Jacob Böhme ein Idol. Im Jahr 1682 veröffentlicht er in den Niederlanden sämtliche Schriften Jacob Böhmes in einer mehrbändigen Ausgabe. Eine monumentale Leistung, sagt die Religionswissenschaftlerin Lucinda Martin. Sein bedeutendstes Lebenswerk, sagt der Theologieprofessor Wolfgang Breul.

Johann Georg Gichtel, eine Randfigur des 17. Jahrhunderts, und doch denkwürdig. Ein misogyner Spiritualist. In Amsterdam lebt er zurückgezogen, betet, singt, streitet viel. Ein Mann voller Widersprüche.

Gichtel führte eine ausgedehnte Korrespondenz. Er schrieb an die 900 Briefe.

Ich interviewte Wolfgang Breul, Professor für evangelische Theologie am Seminar für Krchengeschichte der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Dr. Lucinda Martin schrieb mehrere Bücher über den Grenzgänger Jacob Böhme (1575-1624) © Katerina Katsatou

Die Pietismusforscherin Lucinda Martin besuchte ich in Amsterdam. Sie war gerade dabei, eine umfassende Ausstellung über Jacob Böhmes Werk aufzubauen, in den Räumen der Embassy of the free mind in der Ritman Library.

Lesesaal der Ritman Library & Embassy of the free mind im „Haus mit den Köpfen“ © Katerina Katsatou

Die Ritman Library ist ein museales Kleinod, untergebracht im sogenannten Haus mit den Köpfen, einem Renaissancebau an der Kaizersgracht. Die Bibliothek ist spezialisiert auf „verbotene“ Literatur des Mittelalters. Hier stehen rare Sammlungen aus dem Mittelalter udn der frühen Neuzeit, u.a. Werke zur jüdischen und christlichen Mystik, über Alchemie, das Gesamtwerk von Jacob Böhme.

Teil der Ausstellung über Jacob Böhme © Lucinda Martin

Ritman Library + Embassy of the free mind

Huis met de hoofde – Haus mit den Köpfen

Keizersgracht 123

1015 Amsterdam

Aussage von Jacob Böhme © Katerina Katsatou

Eye for the world (Exhibition – Ausstellung)

The visionary thinker Jacob Böhme

Bis 14. März 2020

Katalog

Staatliche Kunstsammlungen Dresden/ Brink, Claudia/ Martin, Lucinda (Hg.): Alles in Allem. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme. Denken Kontext Wirkung. Sandstein Verlag und Autoren. Dresden 2017

im 17. Jahrhundert war Amsterdam ein Eldorado für Glaubensflüchtlinge wie Johann Georg Gichtel. Ob er homosexuell war, ist nicht belegt, aber auch nicht unwahrscheinlich. © Katerina Katsatou

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