Klöster

Zwischen Aufbruch und Abriss

Die Zukunft der monastischen Kultur

WDR 5, Scala

28. Januar 2020, 14 Uhr (Wiederholung: 21 Uhr)

Link zum Audio über die Klöster

Klöster kämpfen ums Überleben. Die Bewohnerschaft wird älter, der Nachwuchs bleibt aus. In vielen Ordensgemeinschaften ist das Durchschnittsalter jenseits der 70.

Euthymia-Gedenkstätte am Mutterhaus der Clemensschwestern in Münster: Figur im neugotischen Altar der sieben Schmerzen Mariens © CF

Vielerorts schließen die Kloster-Pforten für immer oder öffnen sich für andere Zwecke. Anlagen werden umgewidmet, sind Flüchtlingsunterkünfte, Kosmetikfirmen, Eigentumswohnungen. Im besten Falle bleiben die Immobilien erhalten wie das westfälische Kloster Dalheim, in dem sich heute ein Museum und eine Forschungsstelle für monastische Kultur befindet.

Jörg Kraemer an der Barockorgel
in der Katholischen Pfarrkirche in Borgentreich © CF

Die Barockorgel in Borgentreich wäre beinahe der Säkularisierung zum Opfer gefallen. Ihren ersten Platz hatte sie im Kloster Dalheim. Als sich 1803 das Kloster auflöste, kaufte die Stadt Borgentreich das wertvolle Blasinstrument und karrte es auf 32 Pferdewagen in die Kirche der Stadt. Erst fiel die Orgel dem Vergessen anheim, später dem Verfall. Dank des engagierten Organisten Jörg Kraemer und Leiter des Orgelmuseums erstrahlt das Juwel in neuem Glanz.

Jörg Kraemer (Kirchenmusiker, Orgelbeauftragter in der Erzdiözese Paderborn) © CF

Doch nicht selten verschwinden die Klosteranlagen spurlos und mit ihnen ein Teil der 1500 Jahre alten Klostergeschichte. Dafür boomen TV-Serien mit monastischen Stars.

Thomas Karas (Musiker)

Klöster sind soziale und kulturelle Zentren. In Köln Mülheim zum Beispiel war das Redemptoristenkloster solch ein Ort.


Einschwingen auf den Klang der Stille, einem monatlichen Meditationsabend im Kapellche in Köln: (v.li) Claudia Sledz (Gesang), Rosi Mager (Keyboard, Gesang), Thomas Karas (Oud, Gitarre)

Menschen aus der Nachbarschaft die Kölner Redemptoristen-Kapelle mit dem Kupferkreuz (s. Titelbild), um zu beichten, zu heiraten oder einfach nur zu reden. 2014 schlug die Abrissbirne gegen den Backsteinbau. Die Nachbarschaft kämpfte: Et Kapellche muß blieve! (s. Titelbild).

Waffelbacken ist ein Mosaikstein des Programms vom Et Kapellche e.V. in Köln Mülheim © CF

Nachbar_innen sammelten 2000 Unterschriften für den Erhalt des Hexagons. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft GAG sanierte die Kirche; et Kapellche e.V. dankt es mit einem durchdachten Konzept und einem hoch ambitionierten Programm.

Jede Woche Waffeln für die Nachbarschaft, gegen Spende © CF

Einige Ordensgemeinschaften nehmen den Wandel selbst in die Hand, um ihre Einrichtungen zu erhalten. Zum Beispiel das Kloster Arenberg auf einem Hügel über Koblenz, eine weitläufige Anlage, gebettet in Parks, Streuobstwiesen, Kräutergärten.

Koblenz Arenberg: Kloster der Schwestern der heiligen Katharina von Siena im Orden des heiligen Dominikus © CF

Seit 2000 geht der Frauenorden einen ungewöhnlichen Weg. Mit einer Vision und viel Geld ließen sie ein Gästehaus aus hellem Sandstein bauen.

Tradition und Moderne: Klinker neben Sandstein, Kneipp-Sanatorium neben Gästehaus. © CF

Für ihr hoch modernes Vitalzentrum holten sie sich Therapeut_innen ins Haus, die verschiedene Techniken aus vielen Kulturkreisen anbieten: Klangmassage, Shiatsu, japanisches Heilströmen, Qui Gong. Tourist_innen pilgern auf den Hügel, suchen Heilung, Seelsorge oder einfach nur Wellness.

Die Abtei in Boppard ist das größte Ensemble im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal © CF

Ein völlig anderes Schicksal ereilte die Benediktinerinnen-Abtei in Boppard. Das denkmalgeschützte Barockensemble steht seit den 1980er Jahren leer. Ein Österreichischer Architekt plant ab 2020 den Bau von Luxuswohnungen in der vorhandenen Architektur.

Die Abtei am Rhein ist ein Lost Place: Zimmerflucht im zweiten Stock © CF

Warum keinen öffentlich zugänglichen Raum? Kulturzentrum, Begegnungsstätte, ein Wissenshort, der von der wechselvollen Geschichte erzählt, zum Beispiel die Legende vom Bauherrn Grafen Konrad Beyer von Boppard, der im Duell einen Mann tötete und danach in tiefer Trauer das Kloster Marienberg errichten ließ, um 1200. Denn der Getötete war kein Mann, sondern eine Frau, Maria, Konrads Geliebte. Oder die Geschichte der ersten Bewohnerinnen, Benediktinerinnen, die durch die Napoleonischen Truppen vertrieben wurden. Oder die Geschichte der Internatsschülerinnen des Ursulinenordens, die im Mai 1941 vertrieben wurden, als nationalsozialistische Beamte das Gelände beschlagnahmten und eine Reichsfinanzschule einrichteten.

Abtei in Boppard: Der Turm des Klosters Marienberg. Ein Lost Place, der unter Denkmalschutz steht © CF

Vielleicht wäre sogar der Verfall besser als das Entkernen für den Luxus. „Manchmal muss man auch den Mut haben, etwas einfach stehen zu lassen. Nur deshalb konnte Franziskus die renovierungsbedürftige Kapelle in San Damiano finden“, sagt der Mittelalterarchäologe Matthias Wemhoff.

In meinem Feature kommen zu Wort:

Dirk Weingarten © CF

Vereinsvorsitzender et Kapellche in Köln Mülheim

Pater Ulrich Behlau © CF

Ordenspriester der Kongregation des Heiligsten Erlösers, kurz, des Redemptoristenordens, ehemaliger Bewohner des Klosters in Köln Mülheim; als einziger verbrachte er die letzte Nacht im Gebäude.

Scholastika Jurt © CF

Generalpriorin der Arenberger Dominikanerinnen, die mit ihrem Orden ausgetretene Pfade verließ und sich der Kritik aus anderen Klöstern widersetzt

Claudia Rüech © CF

Physiotherapeutin und Leiterin des Vitalzentrums im Kloster Arenberg

Prof. Matthias Wemhoff © Staatliche Museen zu Berlin/ Foto: Achim Kleuker

Mittelalterarchäologe. Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin/ Gründungsdirektor der Forschungsstelle und des Museums für Klosterkultur im ehemaligen Chorherrenstift Dalheim.

Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger © CF

Archäologin, Landesrätin für Kultur beim Landschaftsverband Westfalen Lippe); sie entwickelt in Dalheim ein Kompetenznetzwerk für Klosterkultur.

Redemptoristenkloster an der Kölnstr. in Bonn © CF

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