Tod von Kaiser Claudius

13. Oktober 54 nach Christus

StichTag WDR 2: ca. 9.40 Uhr

Audio zum StichTag über den Tod von Kaiser Claudius

ZeitZeichen WDR 5: 9.45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Audio zum ZeitZeichen über den Tod von Kaiser Claudius

Im antiken Rom waren Giftmorde schwer nachzuweisen. Beauftragte Agrippina, die Ehefrau des Kaisers, die stadtbekannte Giftmischerin Locusta, eine tödliche Essenz herzustellen? © CF

Kaum eine andere Tötungsart befeuert die Phantasie wie der Mord durch ein zerstörerisches Elixier. Er liefert den Stoff für Gemälde, Romane, Dramen, Comics, gibt der Forschung Rätsel auf und macht den Weg frei für Spekulationen.

Kaiser Claudius feierte ausschweifende Feste, lag zu Tisch, ließ sich exotische Speisen reichen und trank reichlich. © CF

Bis heute ist nicht klar, woran Kaiser Claudius starb. Altersschwäche? Durch den Stich einer Malariamücke, die in Roms Sümpfen lebte? War es Gift, das ihm Agrippina reichte, Claudius’ vierte Ehefrau?

Antike wie aktuelle Quellen schließen einen Gattenmord nicht aus. Denn als Claudius starb, bestieg Agrippinas leiblicher Sohn Nero den Thron. 13 Jahre stand Claudius an der Spitze der Weltmacht. Er galt als Sonderling mit körperlichen Gebrechen und schriftstellerischen Ambitionen. Mitnichten war Claudius der Favorit fürs Prinzipat. Doch nachdem sein kaiserlicher Neffe Caligula einer Verschwörung zum Opfer gefallen war, wurde der 50jährige Privatgelehrte Kaiser. Ein widersprüchlicher Monarch, der klug regierte, jedoch seine Gefühle nicht im Griff hatte. Er liebte Würfelspiele, Wein und Frauen. Er gab große Feste. An seinem letzten Abend speiste Kaiser Claudius ein Pilzgericht. War ein Pilz präpariert, mit Akonitin?

Kaiser Claudius hatte den Politiker, Philosophen und Schriftsteller Seneca verbannen lassen, seine Frau Agrippina holte ihn zurück. Nach Claudius‘ Tod verfasste Seneca eine bitterböse Satire © Reclam

Über Leben und Tod von Kaiser Claudius sprach ich mit den Althistorikern Matthäus Heil und Werner Eck.

Werner Eck (Althistoriker und Buchautor an der Uni Köln) © Privat

Eck, Werner: Augustus und seine Zeit. Verlag C.H.Beck. München 6/ 2014

Kosztolányi, Dezsõ: Nero. Historischer Roman aus der römischen Kaiserzeit. Ü: Stefan J. Klein. Verlag der Nation. Berlin 1979

Meissner, Christoph/ Kaatsch, Hans-Jürgen (Hg.): Gift und Giftmord. Schmidt-Römhild. Lübeck 2015

Die Gerüchteküche kochte bereits kurz nach dem Tod des vierten Princeps des Römischen Reiches © CF
Werbeanzeigen

Erste Kreuzfahrt übers Mittelmeer

Sommer 1844Passage ins Paradies

WDR 2

26. Juli 2019

ca. 9.40 Uhr

Link zu meiner Audio-Miniatur über die erste Mittelmeer-Kreuzfahrt

Kreuzfahrtschiff im Hafen von Piräus (Athen, Griechenland) © CF

Kreuzfahrten boomen. Inzwischen reisen nicht nur Alte und Gut Betuchte per Schiff im Kreis, sondern Familien mit kleinen Kindern haben das Meer für sich entdeckt. Hierzulande buchen die meisten Passagiere eine Route durchs Mittelmeer. 1844 stachen zum ersten Mal Tourist_innen in See. Sie gingen an Bord um des Vergnügens willen. 

Schwimmende Hochhäuser © CF

Im Sommer 1844 brachte ein Dampfschiff der Peninsular and Oriental Steam Navigation Company (P&O) eine Handvoll Luxusreisende übers Mittelmeer und zurück. Die Idee der Kreuzfahrt war geboren. Jahre später entstanden spezielle Kreuzfahrtschiffe, das erste lässt ein britischer Reeder zu Wasser und tauft es auf den Namen einer irischen Prinzessin namens Sunniva

An Bord © CF

Heute begeben sich weltweit knapp 30 Millionen Passagier_innen an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Eines der beliebtesten Ziele ist das Mittelmeer.

Geisterschiff Dimitrios an einem Strand bei Gythio (Peloponnes) © CF

Mein Stichtag geht auf hoher See an Bord: zu den  Flaneur_innen, aber auch zu den Fliehenden.

Bernhard Jans (Kreuzfahrtforscher)

FT-Freizeit und Touristik GmbH

Ägäis © CF

MENSCH AUF MOND

PLANETENHOPPING

1969: Neil Armstrong betritt als erster Mensch den Mond

21. Juli 2019

WDR 5 ZEITZEICHEN: 9′ 45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Der Link zum Audio über das ZeitZeichen vom 21.7. 2019

WDR 2 STICHTAG : gegen 9.40 Uhr

Der Link zum Audio über den StichTag vom 21.7.2019

!!!!!!! Es lohnt sich, Beides zu hören !!!!!

Neil Armstrong, Buzz Aldrin, Michael Collins (v. li.) aus dem Comic „Apollo 11“ © Knesebeck Verlag 2019

Der WDR 2 StichTag ist ein kleines, feines Hörstück zum Thema Apollo 11.

Pünktlich zum 50jährigen Jubiläum erscheint beim Knesebeck Verlag eine britische Graphic Novel zum Thema. Titel: Apollo 11. Text: Matt Fitch und Chris Baker. Übersetzung: Ebi Naumann. Zeichnungen: Mike Collins, nicht verwandt mit dem Astronauten Michael Collins. 

Matt Fitch und Chris Baker (v. li) Chris Baker ist im StichTag zu hören © Privat

!!!!!!! Sämtliche Darstellungen stammen aus dem Comic. Dank an den Knesebeck Verlag !!!!!!!

Die Mondlandefähre „Eagle“ kurz vor dem Start gen Mutterschiff © Knesebeck Verlag

Im Stil von Pop Art und Superheldencomic wird die Geschichte der drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin BuzzAldrin und Michael Collins erzählt. Der Text ist eine Montage aus Tonprotokollen und Mythen, aus Fakten und Fiktion vor dystopischer Kulisse. In Rückblenden und inneren Bildern erzählt die Graphic Novel  von den Abgründen, die die Mission begleiten.

Ulrich Köhler (Geologe, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) ist im ZeitZeichen zu hören © Verlag Komet

Das WDR ZeitZeichen ist ein Feature, die die Mondlandung zum Anlass nimmt, über den Mond nachzudenken. Zu Wort kommen der Planetengeologe Ulrich Köhler und Björn Voß, der Leiter des Planetariums in Münster. Was ist der Mond? In welcher Mördergrube hat die Trägerrakete Saturn V ihre Wurzeln? Welche gesellschaftlichen Verhältnisse herrschten auf der Erde? Wer waren die Menschen, die am Gelingen einen erheblichen Anteil hatten und in meinen Augen die wirklichen Stars sind.

Afroamerikanische Wissenschaftlerinnen errechneten die Flugbahn. Den sogenannten Computern in Röckensetzte Margot Lee Shetterly ein Denkmal, mit ihrem Buch Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

© Knesebeck Verlag

Das ganze Apollo 11 Programm ist ein politisches Statement in Zeiten des Kalten Krieges, ist der Beginn der Eroberung des Weltalls, ist eine technische Meisterleistung. 

Am 21.7. 1969 stiegt Neil Armstrong, der Kommandant der dreiköpfigen Apollo 11- Mission von der Leiter der Landefähre Eagle und setzte seinen linken Fuß in die graue Staubschicht des Erdtrabanten. Er war der erste Mensch auf dem Mond. 

Sie sind die populärsten Spaziergänger auf dem Erdtrabanten, Neil Armstrong und Buzz Aldrin, Korea-Veteranen und Testpiloten. Während sie Mondgestein sammeln, fliegt ihr Kollege Michael Collins im Mutterschiff Warteschleifen um den Mond. 

© Knesebeck

Baker, Chris/ Fitch, Matt/ Collins, Mike: Apollo 11. Graphic Novel. Knesebeck 2/ 2019

Jaumann, Ralf/ Köhler, Ulrich: Der Mond. Entstehung, Erforschung. Raumfahrt. Komet Verlag

Shetterly, Margot Lee: Hidden Figures. Unerkannte Heldinnen. Harper Collins 2/ 2017

Kaku, Michio: Abschied von der Erde. Rowohlt Verlag 2019

Besuchszone Weltraum

Abgespaced

Modell der Axiom Space Station, der ersten kommerziellen Plattform im All © Axiom Space

21. Juni 2004

Start des ersten privaten Raumschiffs SpaceShipOne

21. Juni 2019

WDR 5 und WDR 3: 9.45 Uhr und 17.45 Uhr

WDR 2: ca. 9.40 Uhr

NDR

Link zum Audio über das ZeitZeichen (WDR 5 und 3) Start der SpaceShipOne

Link zum Audio über den StichTag (WDR 2) Start der SpaceShipOne

Michael Suffredini © Axiom Space

Michael Suffredini verließ die Nasa und gründete mit einem Kollegen das Unternehmen namens Axiom Space. Als einstiger Programmmanager der International Space Station (ISS) weiß Suffredini, auf welchem Weg es hoch hinaus geht, weg von der Erde, hinein ins Universum. Mit einem erfahrenen Team von anderen Nasa-Veteranen und Astronauten arbeitet er an einem fliegenden Labor mit angeschlossenem Hotel und Aussichtskuppel. 

Aussichtskuppel mit Blick zur Erde © Axiom Space

In den 2020er Jahren soll das erste privat finanzierte Modul an die Internationale Raumstation (s. Titelbild) andocken. Sobald die ISS schließt, übernimmt Axiom Space die Funktion einer irdischen Außenstation. Der französische Stardesigner Philippe Starck entwarf für Axiom Space Hotelkabinen.

Michael Suffredini (li.) mit dem Designer der Hotelkabinen Philippe Starck © Axiom Space
Hotelmodul in Axiom Space © Axiom Space/ Design: Philippe Starck

Ein Zwischendeck für Forschende und Reisende. Ohne staatliche Beteiligung. Zeit genug für Raketenbauer_innen, ihren Maschinen den nötigen Schub zu verleihen, um in die erdnahen Umlaufbahnen vorzudringen. 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Bislang wird am Weltall nur „gekratzt“, sagt Volker Schmid, Leiter der Abteilung ISS, Astronautische Raumfahrt und Exploration am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Modell der International Space Station im Foyer des DLR in Bonn © CF

DLR Manager Volker Schmid erinnert sich an den des 21. Juni 2004. In der kalifornischen Mohave-Wüste stehen tausende Besucher_innen, erleben einen Moment, der Raumfahrtgeschichte schreibt. Um 6.47 Uhr Ortszeit startet die SpaceShipOne, das erste private Raketenflugzeug in Richtung Orbit. Entworfen von dem USamerikanischen Luftfahrtingenieur Burt Rutan, gesteuert von dem Testpiloten Michael Melville. In 100 Kilometern erreichte der Flieger den Rand der Atmosphäre. Für drei Minuten erlebte der Mann im Cockpit die Schwerelosigkeit, bevor er auf die Erde zurückkehrte. Ihr Flug befeuerte den Run aufs Universum. Unternehmen wie Axiom Space wollen den Weltraum urbar machen. 

Volker Schmid vor dem Bild, das die Kapsel zeigt, in der der Astronaut Alexander Gerst auf die Erde schwebt. Volker Schmid betreute die zwei Gerst Missionen an Bord der ISS © CF

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Modell eines Moduls der Axiom Space Station © Axiom Space

Axiom Space (Erste kommerzielle Raumstation)

Philippe Starck

Kabine mit Aussicht © Axiom Space/ Design: Philippe Starck

Karambol-Billard

60 Jahre Union Mondiale de Billard

Mit ca. 50 km/h rollt der Spielball über die wohl temperierte Schieferplatte © CF

WDR 2 am 1. Juni 2019

Gegen 9.40 Uhr

Link zum Audio über den Karambolage-Billard

Christian Rudolph (Karambol-Weltmeister und Trainer der Nationalmannschaft) © CF

Billard?! Ist das nicht, was alte Männer in dunklen Hinterzimmern spielen? Wo sie Bier saufen und ne ruhige Kugel schieben? Von wegen. Billard ist Sport für Könner_innen. Die komplizierteste Variante ist Karambolage im Dreiband. Großer Tisch, keine Löcher, drei Kugeln.

© CF

So einfach die Regeln scheinen, so schwer ist die Umsetzung. Der Spielball berührt Ball Eins, touchiert dreimal die Bande, bevor die Karambolage erfolgt — das Aufeinandertreffen mit der dritten Kugel.

© CF

Dem Karambolage-Billard hat sich die Union Mondiale de Billard (UMB) verschrieben. Am 1. Juni 1959 wurde der Weltverband aus der Taufe gehoben. Er kümmert sich um das Regelwerk, internationale Turniere, Vermarktung. Die Deutsche Billard Union ist Mitglied der UMB.

Christian Rudolph (li.) und Helmut Biermann, Präsident der Deutschen Billard Union © CF

Unter der Federführung des DBU-Präsidenten Helmut Biermann werden jährlich die Weltmeisterschaften in Viersen ausgerichtet. Wer nicht gerade für Billard brennt, bekommt das Treffen der Spitzensportler_innen unter Umständen gar nicht mit.

Christian Rudolph in der Bottroper Billard Akademie © CF

Billard generell und Karambolage im Besonderen kämpfen um mehr Popularität. Olympiade für Olympiade sucht die UMB Karambolage-Billard als neue Disziplin zu installieren. Bislang ergebnislos. Aber der Verband bleibt am Ball. 

Karambolage ist Kunst, Konzentration, Mathematik © CF

Deutsche Billard Union

Union Mondiale de Billard

Bottroper Billard-Akademie

© CF

Reichs-Tierschutzgesetz

24.11.1933

Drittes Reich erlässt Tierschutzgesetz

Bei WDR 5 und WDR 3 läuft mein ZeitZeichen über das Gesetz

24.11. 2018, 9.45 Uhr (WDR 5) und 17.45 Uhr (WDR 3)

Audio: Feature übers Reichs-Tierschutzgesetz

Gegen 9.40 Uhr läuft bei WDR 2 der StichTag, der sich ebenfalls mit dem Reichs-Tierschutzgesetz befasst. Es geht um die langen Schatten, die das Regelwerk bis ins Heute wirft. Der Comic Tierethik greift die Problematik auf.

Audio: Miniatur über Tierethik und Tierschutz

Im Jahr 2017 veröffentlichte der Wilhelm Fink Verlag Tierethik. Der Comic zur Debatte, über die Geschichte der Tierethik von der Antike bis heute. Der Text stammt von Julia Kockel, die Zeichnungen von Oliver Hahn (siehe Titelbild).

Episode aus dem Comic Tierethik: © Oliver Hahn

Demonstrant_innen aus dem rechten Lager nutzen den Tierschutz auch heute als Propaganda und beziehen sich auf die angeblich tierfreundliche Gesetzgebung der Nazis. 

Der Comicstar: Die Mücke weiß Alles besser © Oliver Hahn

Sie gab sich tierlieb, die nationalsozialistische Regierung, so tierlieb, dass sie in Viehwagons Menschen deportieren ließ, dass sie Tierversuche verbot und mit Häftlingen experimentierte, dass sie im Jahr ihrer Machtergreifung das erste deutsche Tierschutzgesetz verabschiedete. „Verboten ist, ein Tier unnötig zu quälen oder roh zu mißhandeln“, so lautet § 1 des Regelwerkes.

Tierstudien © Neofelis
Die Historikerin Mieke Roscher ist Professorin in der Fakultät Human-Animal Studies an der Universität Kassel.

Nach vier Fassungen stand das Reichstierschutzgesetzund brachte den Nationalsozialisten weltweite Anerkennung ein. Ihr juristisches Werk erschien vor der Kulisse einer internationalen Bewegung, die bereits seit einem Jahrhundert um Tierrechte kämpfte. 1822 brachte das britische Parlament das erste Tierschutzgesetz weltweit auf den Weg. 15 Jahre später gründete ein Pfarrer in Stuttgart den ersten deutschen Tierschutzverein.

Tierethik © Wilhelm Fink

Im Oktober 1925 hielt der jüdische Tierschützer Heinrich Zimmermann im Sportpalast in Berlin einen Vortrag über Tierquälerei und initiierte die Einführung des Internationalen Tierschutztages. Der Boden war bereitet, Tier- und Naturschützer_innen begrüßten das Gesetz. Doch neben dem Zeitgeist wehte ein anderer Geist, eiskalt und verstörend. Das Gesetz bedeutete nicht nur juristischer Beistand für die Fauna.

Animal Spa © Portmann Verlag

Das Regelwerk aus dem Jahre 1933 war subtile Propaganda; es stand für deutsche Tierliebe und jüdischen Blutkult, fürs Schächten. Es stand für edle Hunde, Wölfe, Hirsche und niedere Ratten, für „Untermenschen“, Herrenrassen und Opferlämmer.

Mieke Roscher hat die Professur für die Geschichte der Beziehungen zwischen Tieren und Menschen inne, an der Uni Kassel © Sonja Rode

Nach 1945 wurde das Reichs-Tierschutzgesetz in beiden deutschen Staaten übernommen. Das erlebte der jüdische Tieraktivist Heinrich Zimmermann nicht mehr. Er starb im KZ.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Antoine F. Goetschel: Jurist, Buchautor, Präsident des Global Animal Law GAL Vereins. Animal Spa ist sein 13. Buch © CF
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Julia Kockel: Philosophin, Lektorin und Autorin von Tierethik. Der Comic zur Debatte © CF
© Oliver Hahn

Orient Express

Mit Dampf in den Luxus

WDR 5 ZeitZeichen & WDR 2 StichTag vom 4. Oktober 2018

1883 – Offizielle Jungfernfahrt des Orient Express

ZeitZeichen – WDR 5: 9.45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Audio zum ZeitZeichen über Orient Express

StichTag – WDR 2: 9.40 Uhr

Audio zum WDR 2 StichTag über Orient Express und heutige Nachbauten

Fotogalerie im Netz von WDR 5 mit Raritäten und wahren Fundstücken

WDR 5 INTERNET – FOTOSTRECKE

Orient Express Litho Rafael de Ochoa y Madrazo 1891 © Dt Plakatmuseum
Plakatentwurf: Raphael de Ochoa y Madroza (1895) © Museum Folkwang/ Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Orient Express! Allein der Name befeuert die Fantasie. Gilt er doch bis heute als der König der Züge und als der Zug, mit dem Könige reisten. Der Orient Express machte die Eisenbahn zum Hotel, den Wagon zur Lounge, den Speisewagen zum Fünf-Sterne Restaurant, das Abteil zur Suite, das Zugfenster zur Leinwand, zu sehen im Titelbild, einer Lithographie aus einem Prospekt aus dem Jahre 1898.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Logo der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) an einem ausrangierten Speisewagen des Orient Express im Eisenbahnmuseum in Bochum © CF

1872 wurde die CIWL von Georges Nagelmackers gegründet. Bei einem längeren Aufenthalt in den USA erlebte der belgische Ingenieur die sleeping cars des Schlafwagen-Erfinders George Mortimer Pullman. Zehn Monate später kehrte Georges Nagelmackers nach Europa zurück. Er verhandelte mit Politikern, Herrschern und acht verschiedenen Eisenbahngesellschaften. Schließlich stellte er den ersten Luxuszug Europas auf die Schienen.

Gare de l'Est © Sammlung Klein
Aus dem Gare de l’Est rollte der erste Orient Express. Der Kopfbahnhof wurde 1852 fertig gestellt und galt als richtungsweisend für die Architekturen jener Zeit. Standen Bahnhöfe doch für das modernste Transportmittel, das die Welt zu bieten hatte. Per Pferdekutsche begaben sich die Passagiere zu den Stahlrössern.

Am 4. Oktober 1883 begaben sich Diplomaten, Bahnbeamte, Schriftsteller, Journalisten zum Ostbahnhof in Paris. Mit einer Dampflok (Typ 120) der französischen Ostbahn an der Spitze begab sich die geladene Gesellschaft auf Premierenfahrt gen Konstantinopel, wie Istanbul bis 1924 hieß. 40 Männer, keine Frau. Zu gefährlich, hieß es. Die Herren sollten Revolver bei sich tragen, denn die Reise führte durch Krisengebiete, befand der Gastgeber und Direktor der Internationalen Schlafwagengesellschaft Georges Nagelmackers.

Speise- und Abteilwagen © Sammlung Klein
Die französische Wochenzeitung l’Illustration zeigt die älteste Darstellung des Orient Express.des Interieurs von Abteil- und Speisewagen.

Im Restaurant hingen vierarmige Kristallleuchter von der Decke, mit Gas betrieben. Gobelins an den Wänden. Die Stühle mit Cordobaleder bezogen. Auf den Tischen weißer Damast. Das Top-Transportmittel der Belle Epoque feierte den Luxus auf dem Schienenstrang und eröffnet eine neue Ära des Reisens.

Menükarte der ersten Reise © Sammlung Klein
Gourmets buchten Ticktes, allein der Kochkunst wegen.

Abgesehen von der luxuriösen Ausstattung und den extravaganten Küche lebten die Reisenden des Orient-Express in einem Komfort, der für die normale Bevölkerung alles andere als selbstverständlich war. Auf ihrer Passage durch die Fürstentümer und Königreiche Europas, über sämtliche Ländergrenzen hinweg, hatten die Gäste stets fließendes, warmes Wasser, kühle Getränke, frische Speisen, Heizung, Licht.

Konstantinopel HBF © Sammlung Klein
Sirkeci-Hauptbahnhof Konstantinopel. Postkarte um 1890

Seit August 1888 war der Sirkeci-Hauptbahnhof im Stadtteil Stamboul die Endhaltestelle des Orient Express. Für das Premierenpublikum im Oktober 1883 endetet die Fahrt mit dem Luxuszug in der rumänischen Stadt Giurgiu, am Hafen der Donau. Mit einer Dampfbarkasse setzte die Gesellschaft über, fuhr mit einem Zug nach Warna ans Schwarze Meer und bestritt die letzte Strecke mit einem Dampfschiff, das sie in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches brachte. Als das Streckennetz vollendet war, erfüllte sich die Vision einer Direktverbindung von Westeuropa bis an die Ostgrenze des Kontinents.

anonym 1888 © DT Plakatmuseum
Anonym 1888 © Museum Folkwang / Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Auch wenn der Orient Express nie in den Orient fuhr, bediente er die Erwartungen seiner Gäste nach fernen Ländern. Plakate warben mit Exotik pur. Das Plakat lockt in die Fremde, zur Hagia Sophia, zum Goldenen Horn. Für die meisten blieb die Reise ein Traum auf dem Plakat. Vier durchschnittliche Monatsgehälter kostete ein One Way Ticket.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
„Plakate an sich galten als Sensation, sie bildeten die größten Farbflächen im öffentlichen Raum, zeigten diese exotische Ferne.“ (René Grohnert. Leiter des Plakatmuseums im Museum Folkwang in Essen vor der historischen Zigarettenwerbung für Manoli. Plakat: Lucian Bernhard) © CF

In den Beständen des Plakatmuseums bilden Zugplakate ein eigenes Genre. Im Stil von Impressionismus und Art Deco entstanden im ausgehenden 19. Jahrhundert schillernde Bildergeschichten über ein mobiles Europa. „Diese Reiseplakate wurden sehr aufwendig produziert; sie waren auch nicht für den Außenraum bestimmt, sondern für Hotels, Passagen, Kaufhäuser, Theater. Sie trugen entschieden zur Imagebildung von bestimmten Orten und Zügen bei.“ Nach dem Ersten Weltkrieg war auf vielen dieser Reiseplakate ein neuer Titel zu lesen: Simplon Orient Express.

Simplon Orient Express © DT Plakatmuseum
Plakatentwurf: Robert-Antoine Pinchon (1922) © Museum Folkwang/ Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Der Simplon Orient Expressstand für die zweite Blüte der Luxusreisen. Seinen Namen verdankt der Zug einem der längsten Tunnel der Welt, dem Simplon Tunnel, der die Walliser Alpen unterquert. Die Passage folgte einer politischen Entscheidung. Die CIWL vermied eine Reise über München und Wien, durch das Gebiet der einstigen Kriegsgegner. Ab 1928 gab es auch wieder eine Route durch Deutschland.

i'Illustration 1929 © Sammlung Klein
Simplon Orient Express IN: l’Illustration 23. Februar 1929. Foto: Boursky

Im Februar 1929 berichtete die französische Wochenzeitung l’Illustration von einem heftigen Zwischenfall. Rund 80 Kilometer nördlich von Istanbul, bei Tscherkessköy, steckte der Simplon Orient Expressfür fünf Tage in gewaltigen Schneemassen. Angeblich inspirierte der Zwischenfall die Krimischriftstellerin Agatha Christie zu ihrem Roman Mord im Orient Express. Sie selbst war eine begeisterte Passagierin.

Agatha Christie © Hoffmann und Campe
Aus dem Engl.: Hans Erik Hausner © Hoffmann und Campe. Hamburg 2017

„Schon immer hatte ich einmal mit dem Orient-Express fahren wollen“, schrieb Agatha Christie in ihrer Autobiographie. „Am nächsten Morgen eilte ich zu Cooks, gab meine Tickets für Westindien zurück und besorgte mir stattdessen Fahr- und Platzkarten für den Simplon Orient Express nach Istanbul (…) Ich war schrecklich aufgeregt.“

Pera Palace
Pera Palace Hotel. Postkarte um 1900

Auf ihren Reisen nahm Agatha Christie immer wieder den Orient Express. Vom Palast auf Rädern zog sie ins Pera Palace Hotel, mitten im Villen- und Diplomatenviertel von Konstantinopel. Ganz sicher genoss sie den Blick auf den Bosporus und die Hagia Sophia, so wie es die Postkarte zeigt. Das Pera Palace Hotel war Teil der ersten Hotelkette der Welt, die die Internationale Schlafwagengesellschaft in den 1890er Jahren ins Leben rief. Die Hotels garantierten Luxus, modernste Ausstattung, besten Komfort. Das Pera Palace Hotel existiert heute noch. Ein Zimmer ist dem berühmten Gast Agatha Christie gewidmet. Hier habe sie ihren Krimi Mord im Orient Express geschrieben, der 1934 erschienen ist.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Hans-Jörg Stiegler. Gründer und Inhaber von Modellbahn Wiehe. Kultur mit Pfiff in Wiehe an der Unstrut (Thüringen) © CF

Hans-Jörg Stiegler nahm den Krimi zum Anlass, die Trasse als Kunstlandschaft nachzubauen. Mit dem ersten europäischen Luxuszug begann er vor 25 Jahren sein Lebenswerk in Wiehe in Thüringen- Inzwischen ist der Orient Expresseiner unter vielen Eisenbahn-Legenden im Miniaturformat auf dem 12 000 Quadratmeter großen Areal.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Auf der Trasse des Orient Express in Wiehe an der Unstrut © CF

Rund 15 Minuten dauert die Fahrt von Paris bis Istanbul, in der Modellbahn-Ausstellung in Wiehe in Thüringen, in der eigens für den Orient Express gebauten Industriehalle. Das Original brauchte um die drei Tage, bis es sein Ziel erreichte, den Hauptbahnhof in Konstantinopel.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein ausrangierter Speisewagen des Orient Express im Eisenbahnmuseum Bochum Dahlhausen © CF

Nicht einmal 100 Jahre nach seiner Jungfernfahrt endete der Traum. Mit dem ersten Weltkrieg starb die erste, große Blüte des Luxuszuges. Zwischen den Kriegen erlebten der Orient Express und seine Abkömmlinge die zweite Blüte. Blau lackierte Stahlwagons und schnelle Loks fuhren Diplomaten, Schmuggler_innen, Künstler_innen durch den Kontinent Europa. Wer wollte, nahm ein Schiff auf die asiatische Seite Europas und fuhr weiter nach Kairo oder Bagdad.

Simplon Orient Express Litho Roger Broders 1931 © Dt Plakatmuseum
Plakatentwurf: Roger Borders (1931) © Museum Folkwang / Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Mit dem Zweiten Weltkrieg starb die zweite Blüte.

Konrad Koschinski © Konrad Koschinski
Konrad Koschinski (Journalist und Fachautor) © Konrad Koschinski

„Nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten die klangvollen Namen und die blauen Stahlwagons aus den 1920er Jahren an die Glanzzeit. In den 1970er Jahren hingen verschiedene Wagen diverser Staatsbahnen hinter der Lok. Die einstigen Luxuszüge mutierten zu gewöhnlichen Schnellzügen. Ein Zug namens Direkt Orient stellte die letzte umsteigefreie Verbindung Paris – Istanbul her. Bis Ende Mai 1977.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der Speisewagen diente einem Hobbyhandwerker als Gartenhaus, bevor ihn das Eisenbahnmuseum Bochum rettete. Im Museum wartet er auf eine Komplettüberholung. Doch das braucht Zeit, Geld und Know How. © CF

Mit dem Ende des Originals beginnt die Ära der Nostalgiezüge.

Venice Simplon Orient Express © Belmond
Venice Simplon Orient Express © Belmond und Lernidee Reisen

Seit 1982 fährt der Venice Simpson Orient Express der auf zum Teil klassischen Trasse. Im Stile der Belle Epoque reisen gut betuchte Gäste durch bezaubernde Landschaften. 2014 ließ die Französische Staatsbahn verlauten, dass sie den Orient Express als regulären Zug wiederbeleben wolle. Heute ist davon nichts mehr zu lesen.

Rainer Mertens © Rainer Mertens
Rainer Mertens vor einer Dampflok in Pennsylvania. Stellvertretender Leiter des DB Museums Nürnberg © Rainer Mertens

„Der Orient Express als regulärer Zug ließe sich vielleicht als Hochgeschwindigkeitszug wieder beleben. Das Projekt von Hochgeschwindigkeitstrassen existiert ja bereits. Eine dieser Trassen führt von Paris über Straßburg, Stuttgart, München, Wien bis nach Bratislava, läuft also zum Teil auf der klassischen Strecke des Orient Express. Stuttgart 21 liegt auch auf dieser Strecke. Der Plan ist, dass die Hochgeschwindigkeitszüge mit 250 bis 300 km/h fahren. Bis Istanbul dauerte die Reise nicht mehr vier oder fünf Tage, sondern einen Tag. Insofern hätte der Orient Express eine Chance.“ 

Mord im Orient Express © Hoffmann und Campe
Aus dem Engl. Otto Bayer) Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 5/ 2017

Christie, Agatha: Die Autobiographie (Ü: Hans Erik Hausner). Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2017

D’Arvor, Patrick Poivre: Legendäre Eisenbahnreisen. Verlag Fredeking & Thaler. München 2007

Franzke, Jürgen (HG): Orient-Express. König der Züge. DB Museum Nürnberg. Komet Verlag. Köln 1998

Mit dem Zug durch Europa © Steidl
Grohnert, René (Hg.) Steidl Verlag. Göttingen 2010

Monique Morvan-Nagelmackers und Jürgen Klein © Sammlung Klein
125 Jahre nach der Gründung der Internationalen Schlafwagengesellschaft saßen geladene Gäste am Pariser Gare de l’Est im Pullman Orient Express, einem sogenannten Nostalgie-Zug, unter ihnen Monique Morvan-Nagelmackers (Enkelin des CIWL-Gründers und Orient Express Initiators Georges Nagelmackers) mit Buchautor und Sammler Jürgen Klein am 4.12.2001. (Foto: Privat)

Klein Jürgen: Die Grandhotels der Internationale Schlafwagen-Gesellschaft. B. Kühlen Verlag. Mönchengladbach 2012

Klein, Jürgen/ Mühl, Albert: Reisen in Luxuszügen. Die Internationale Schlafwagen-Gesellschaft. EK Verlag. Freiburg 2006

Klein, Jürgen/ Mühl, Albert: 125 Jahre Internationale Schlafwagen-Gesellschaft. Die Luxuszüge – Geschichte und Plakate. EK Verlag. Freiburg 1998

Koschinski, Konrad: 125. Jahre Orient-Express. Eisenbahn Journal. Sonderausgabe. 2/ 2008. Verlagsgruppe Bahn GmbH. Fürstenfeldbruck 2008

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
© CF

Eisenbahnmuseum Bochum

Dr.-C.-Otto-Straße 191. 44879 Bochum

DB Museum Nürnberg, Koblenz, Halle

Simplon Orient Express 2 © DT Plakatmuseum
Plakatentwurf: Joseph de la Nézière (1927) © Museum Folkwang / Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Plakatmuseum im Museum Folkwang

Museumsplatz 1. 45128 Essen

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Kunstlandschaft in Wiehe am Zielort des Orient Express in Wiehe (Thüringen) © CF

Modellbahn Wiehe

Am Anger 19. 06571 Wiehe

Venice Simplon Express © Belmond
Suite im Venice Simplon Orient Express © Belmond und Lernidee Erlebnisreisen

Lernidee Erlebnisreisen

Nostalgiezug-Veranstalter (u.a. Venice Simplon Orient Express)

Eisenacher Straße 11, 10777 Berlin

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Dem Soundartisten Alex Hardt danke ich für die raren Eisenbahnaufnahmen, die das ZeitZeichen auf eine einzigartige Tonreise schicken © CF