Anna Maria van Schurman

Frommes Genie

1607: Geburtstag der Universalgelehrten Anna Maria van Schurman

5. November 2017

ZeitZeichen

WDR 5 und WDR 3

9.45 Uhr und 17.45 Uhr

Der Link zur Sendung

Portrait über Anna Maria van Schurman

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Im Martena-Haus in Franeker: Manon Borst (Kunsthistorikerin, Museumsdirektorin) mit Selbstbildnis von Anna Maria van Schurman (das erste Pastellgemälde in den Niederlanden) © CF

Sie war ein Multitalent in der Zeit des Barock. Anna Maria van Schurmann beherrschte zwölf Sprachen, studierte Naturwissenschaften, betrieb Musik und Malerei (s. Titelbild, ein Selbstbildnis mit Utrechter Glockenturm). Sie korrespondierte mit Gelehrten wie René Descartes, diskutierte über die Frage, ob einer christlichen Frau wissenschaftliches Studium anstehe.

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Im Dom St. Martin in Utrecht: Pieta van Beek (Literaturwissenschaftlerin, Anna Maria van Schurman-Forscherin) rollt eine rund sechs Meter lange Buchrolle aus, die Leben und Werk der Gelehrten dokumentiert © CF

Anna Marias Mutter war Deutsche, der Vater Niederländer. Sie waren adlig, protestantisch, Glaubensflüchtlinge. Jahrzehnte nach der Kirchenspaltung versank Europa in blutigen Religionskriegen, die beide Familien zur Flucht nach Köln zwangen.

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Pieta van Beek liest aus dem Gedicht über den Unterschied zwischen Utrecht und Köln von Anna Maria van Schurman © CF

Um 1600 war Köln ein liberalerer Ort als Antwerpen oder Neuss, die Heimatstädte der Eltern. Doch zunehmend waren Reformierte auch in Köln Repressalien ausgesetzt, wurden Zielscheibe von Verfolgungswellen und gründeten geheime, calvinistische Gemeinden. In solch einer Gemeinde lernten sich vermutlich Eva von Harff und Frederic van Schurman kennen. Sie heirateten, bekamen zwei Söhne, bevor am 5. November 1607 das dritte Kind geboren wurde: Anna Maria van Schurman. Sie war drei Jahre alt, als die protestantische Familie das katholische Köln verließ und ins liberale Utrecht migrierte, einer Hochburg des Calvinismus..

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In einem römischen Kellergewölbe: Der Ursprung Utrechts liegt in einer Römersiedlung am ehemaligen Flusslauf des Rheins. © CF
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Martena-Haus im friesischen Franeker: Anna Maria van Schurman war ein Teenager, als die Eltern nach Franeker zogen, in der die zweitälteste Universität der Niederlande stand. Das mittelalterliche Schloss im friesischen Stil beherbergt eine einzigartige Anna Maria van Schurman-Sammlung: Gemälde, Schriften, Objekte aus dem Privatbesitz der Gelehrten. © CF

In Franeker lebte die Familie kaum ein jähr, als der Vater plötzlich starb. Einige Jahre später kehrte die Tochter nach Utrecht zurück.

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Wohnhaus achter den Dom, hinter dem Dom: Eine Gedenktafel in der Fassade erinnert an die einstige Bewohnerin Anna Maria van Schurman. Hier besuchte sie Christina von Schweden in Männerkleidern. © CF

Mit knapp 30 Jahren genoss die Privatgelehrte Anna Maria van Schurman internationale Anerkennung. Anlässlich der feierlichen Eröffnung der Universität schrieb Anna Maria van Schurman ein viel beachtetes Poem auf Latein, in dem sie in einem Satz den Ausschluss der Frauen kritisierte. Kurze zeit später saß sie selbst im Vorlesungssaal als erste Studentin Europas.

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In der Aula der Universität Utrecht: In eben diesem Saal wurde 1579 die Republik der vereinigten Niederlande gegründet, die das Goldene Zeitalter einläutete, rund 100 Jahre nach der Reformation, die die Kirche des Westens in zwei Konfessionen teilte. © CF
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Anna Maria van Schurman saß neben der Tür, in einer loge gril, einem vergitterten Holzverschlag, mit Stoff überzogen, damit die Studenten nicht abgelenkt werden. © CF

„Schreckliche Zeiten“, sagt Matthys Gras. Absolvent der Uni Utrecht. Nicht vorstellbar für den Kommilitonen aus dem 21. Jahrhundert. Anna Maria van Schurman kennt Matthys Gras durch die Glocke, die im Uniturm hängt. Er nimmt den Weg über die alte Holztreppe auf den Dachboden.

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Auf dem Dachboden der Universität in Utrecht: Matthys Gras absolvierte an dieser Uni sein Studium. © CF
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Der Schlegel führt ins Gebälk zur Glocke, die seit 2010 alljährlich das akademische jähr einläutet. Die Glocke ist Anna Maria van Schurman gewidmet. Am Glockenrand steht ein Zitat „O Utrecht, liebe Stadt hoe sound‘ ick U vergeeten“ © CF
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Dom und Dach der Aula: Hier entwickelte Anna Maria van Schurman ihre Lehren und ihr theologisch wissenschaftliches Hauptwerk mit dem Titel Dissertatio, in dem sie den Beweis erbrachte, dass Frauen ein Wissenschaftsstudium zusteht. © CF
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Im alten Klostergarten zwischen Aula und Dom mit der Bronzestatue des Utrechter Priesters Hugo Wstinc (14. Jhd.): Hier lief Anna Maria van Schurman zu ihren Vorlesungen. © CF

Ende der 1660er Jahre distanzierte sie sich von ihren Studien und führte im Gefolge des radikalen Reformers Jean de Labadie ein Wanderleben. Ihre Freundin Elisabeth von der Pfalz, Äbtissin eines Damenstifts im westfälischen Herford, gewährte der Gruppe für eine Zeit Asyl. Nach weiteren Stationen erreichte die christliche Kommune das friesische Dorf Wieuward und lebte im Schloss Waltha, 15 Kilometer südlich von Franeker.

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Martina-Haus in Franeker: Ein Raum unterm ist Anna Maria van Schurman gewidmet © CF

Als sie im Mai 1678 starb, war sie für viele nicht mehr die gefeierte Forscherin, sondern nur noch eine fromme Närrin. Heute ist Anna Maria van Schurman vergessen. Fast. Das ZeitZeichen widmet sich dem Universalgenie vor der Kulisse der Religionskriege.

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Manon Borst (Martena-Haus Direktorin) spricht über Anna Maria van Schurman. „Sie war eine Frau, die ihren eigenen Weg gegangen ist. Heute wäre sie Professorin, auf jeden Fall.“ In dem Moment fliegt ein junger Vogel durch den Gedenkraum. © CF
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Manon Borst lacht: „Eine kraai. Eine Krähe. Das ist Anna Maria!“ © CF

Literatur

Beek, Pieta van: De eerste studente. Anna Maria van Schurman (Niederländisch) Stichting Matrijs. Utrecht 2/ 2007

Beek, Pieta van: The first female student. Anna Maria van Schurman (Englisch) igitur. Utrecht online (kostenloser Download)

Beek, Pieta van (Hg.): Verbastert Christendom. Nederlandse gedichten van Anna Maria van Schurman (1607 bis 1678). Den Hertog B.V. Houten

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„She was an early bird“, sagt die Forscherin Pieta van Beek. „Heute würde sie wahrscheinlich für eine grüne Umwelt und eine sozialere Gesellschaft einstehen. Sie wäre die Erste gewesen, die Recycling Klamotten trägt.“ © CF

Brouwer, Marjan: Vrouw van de wereld. Het leven van Anna Maria van Schurman. Museum Martena. Franeker 2007

Schurmann, Anna Maria von: Dissertatio de ingenii muliebris ad doctrinam et meliores litteras aptitudine – Abhandlung über die Befähigung des Geistes von Frauen für die Gelehrsamkeit und die höheren Wissenschaften (1641). Herausgegeben, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Michael Spang. Zweisprachige Textausgabe. Verlag Königshausen & Neumann. Würzburg 2009

Schurman, Anna Maria van: Eukleria (Ευκλερια) oder Erwählung des besten Teils. Ü: Paulus Hachenberg. Dessau und Leipzig 1783

Spang, Michael: Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann 1607-1678. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2009

Rullmann, Marit: Anna Maria von Schurmann (IN: Philosophinnen von der Antike bis zur Aufklärung. Bd 1/ S. 166.171) Surkamp Verlag. Frankfurt am Main 1998

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Matthys Gras auf dem Dach der Universität: „Ich kannte ihren Namen nur durch die Uniglocke, die ihr gewidmet ist.“ © CF

Museum Martena
Voorstraat 35
8801 LA Franeker
T (0517) 39 21 92
Museum Martena Haus in Franeker

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St. Pieter in Utrecht: In dieser Kirche saß Anna Maria van Schurman, als Jean de Labadie vor der wallonischen Gemeinde predigte. © CF

Skulptur 57 am Historischen Rathaus in Köln

Anna Maria van Schurman (1607-1678)

Westseite des Turms: zweiter Stock

Bildhauerin: Elisabeth Perger (Übergeben 4.3.1991)

Rathausplatz 2

50667 Köln

Kölner Frauengeschichtsverein (Initiator der Figur)

Kölner Frauengeschichtsverein

Marienplatz 4
50676 Köln

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Im Martena-Haus: Anna Maria van Schurman – Ausschnitt eines Gemäldes von Michiel Janusz. van Mierevelt © CF
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Täuferreich in Münster

Landmarke III: Tödliches Ideal – Gotteskrieger

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Der Zeichner Lukas Kummer: Mein Stil steht in der frankobelgischen Tradition. Das heißt: klare Linien, klare Farben, große Flächen. Ich zeichne auch ein wenig schludrig und schnell, arbeite nicht alles bis ins letzte Detail aus. Der flüchtige Strich sorgt für die Dynamik, die den Stil bestimmt. © CF

Landmarken in Graphic Novels

11. August 2017

WDR 3: 8 Uhr

Der Link zu meinen Audios und mehr

http://www1.wdr.de/kultur/buecher/comic-zeichnungen-und-reale-vorbilder-100.html

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Alexander Hogh schrieb die Texte für die Graphic Novel Gotteskrieger. Der Comic beruht auf einer wahren Geschichte zur Zeit der Reformation. Im Zentrum steht der junge Schreiner Heinrich Gresbeck. Sein historisches Vorbild hatte nach dem Fall des Täuferreichs eine Schrift über das eine Jahr verfasst. Der Augenzeugenbericht diente Alexander Hogh als wichtige Quelle. © CF

Lukas Kummer und Alexander Hogh erzählen die wahre Geschichte eines jungen Mannes in der Zeit der Reformation. In Münster erlebt der Schreiner Heinrich Gresbeck, wie ein Glaubenskrieg Menschen in den Terror treibt. Mit klaren Bildern und kurzen Dialogen umreißt der Comic das Täuferreich zu Münster, das in einem theokratischen Regime endet.

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In der Zeit zwischen 1534 und 1535 war das Rathaus ein wichtiger Schauplatz für die Täufer, die in Münster für ein Jahr die Macht übernommen hatten. Die Kirche war gespalten, die Konfessionen ausdifferenziert. Neue Gruppen entstanden wie die Täufer. Vor allem in den Niederlanden gab es viele Anhänger. Die radikalen Reformer zogen ins westfälische Münster und erreichten im Rat eine Mehrheit. Sie etablierten ihre Macht, hielten Brandreden vor dem Rathaus und fassten Beschlüsse wie die Einführung der Polygamie. Für ein Jahr bestand das sogenannte Täuferreich. © CF

Den Titel Gotteskrieger, sagt Alexander Hogh, sei mit Bedacht gewählt, um die Parallelen zur Gegenwart zu verdeutlichen. Münster sei nicht Mossul, dennoch sieht Alexander Hogh Parallelen zwischen der mittelalterlichen Stadt an der Münsterschen Aa und Iraks zerfetzter Sunnitenhochburg am Tigris. In dem Moment, in dem der Comic beendet wurde, begannen die Angriffe auf Mossul, das sich in den Händen des sogenannten Islamischen Staates befand.“

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Der Bildersturm im Paulusdom war eine der ersten Amtshandlungen des selbst ernannten Täuferkönigs Jan van Leiden. Seine Anhänger zerhackten die Dompforte, zerstörten Marienskulpturen, Jesuskreuze und Taufbecken, bis die Insignien des Glaubens in Scherben lagen. In klaren Bildern beschreibt Lukas Kummer den Ikonoklasmus. In die Szenerie montiert er Motive aktueller Bilderstürme des Islamischen Staates. © CF

Literatur

Hogh, Alexander/ Kummer, Lukas: Gotteskrieger. Eine wahre Geschichte aus der Zeit der Reformation. Graphic Novel. Tintentrinker Verlag. Köln 2017

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Im Sommer 1535 zogen die Belagerer, Landsknechte Fürstbischofs, siegreich in die Stadt, nahmen Jan van Leiden und zwei seiner Mitstreiter gefangen. Über Monate wurden die Täufer gefoltert und schließlich öffentlich hingerichtet. Zur Abschreckung stellten sie die Leichen in Käfigen zur Schau. Heute hängen die Eisenkörbe am Turm der St. Lambertikirche.

Link

Lukas Kummer

http://kummersblog.blogspot.de

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Zierteiche, Wiesen und Fahrradwege säumen die Altstadt an der Stelle, an der die Stadtbefestigung stand. © CF

GETEILTES KREUZ

Kirche(n) in der Stadt – Evangelisch im Rheinland

Neujahrsempfang des Rheinischen Vereins für Denkmalschutz und Landschaftspflege

4. Februar, 2017

Christuskirche, Koblenz

11 Uhr

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Wittenberg © CF

Iß, was gar ist,

trink, was klar ist,

red, was wahr ist.                            Martin Luther

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Martin Luther- Skulptur in Eisleben, der Geburtsstadt des Theologen. Bei einem Besuch in Eisleben starb Martin Luther 1546. (Bronzestatue von Rudolf Siemering, 1883) © CF

Altardiskussion 

Präses Manfred Rekowski (Evangelische Kirche im Rheinland)

Roswitha Kaiser (Leiterin der Direktion Landesdenkmalpflege der Generaldirektion Kulturelles Erbe – GDKE)

Moderation: Claudia Friedrich

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Wittenberg: Katharina von Bora – Ordensschwester, Ehefrau von Martin Luther, Mutter von sechs Kindern, Verwalterin, Gutsherrin, Bierbrauerin (Bronze-Skulptur von Nina Koch, 1999) © CF

Martin Luther musste es ja wissen. Der hat den Leuten aufs Maul geschaut und die Religion gespalten. Natürlich nur aus Versehen. Im Oktober 1517 klebte er 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg. „Die Schätze der Ablässe sind Netze, mit denen nun die Reichtümer der Menschen gefischt werden.“ Thesen gegen die Missstände der Institution, in der er selbst als Mönch arbeitete. Martin Luther wollte reformieren, nicht rebellieren. Doch es kam anders. Es folgten Religionskriege und schließlich zwei Konfessionen.

500 Jahre später ist der Reformationstag ein Jahresfest. Was es zu feiern gibt? Die Spaltung?  Gottes Gnade?  Es gibt Lutherkekse, Lutherweingummis, Lutherspiele, Lutherbücher, Luthermusik, Lutherhäuser, Lutherplakate, Lutherpartys. Es gibt Lutherstreit über die Luthertat. Ist der Anschlag der Thesen an die Kirchentür Legende oder Wirklichkeit? Egal.

Wie viel Luther steckt überhaupt in der Reformation. Und ist sie wirklich so ein Feuerwerk? Vielleicht steht die Reformation nur in einer langen Tradition verschiedener Reformströmungen. Es bleibt auch die Frage nach dem Erbe der Reformation, nach Differenz, Pluralismus und Moderne, nach der Architektur der Gemeinden. Eine Altardiskussion über Konfessionen, Kirche und Kultur.

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Die Reformation hinterließ ein geteiltes Friedhofwesen. Die Katholik_innen hatten weiterhin ihre Kirchhöfe, die Protestant_innen begruben ihre Toten außerhalb, zum Beispiel auf dem Campo Santo (Heiliger Acker), dem Alten Friedhof in Eisleben ( 1533-1876) © CF