Ping-Pong auf dem Tischtennis-Tisch

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Omar Assar: Borussia Düsseldorf, Bundesligist, ägyptischer Nationalspieler, 17. der Weltrangliste © CF

Abserviert

SWR 2 Matinee über Tische

23.9.2018 (9-12 Uhr)

Meine Miniatur läuft gegen 11 Uhr

Link zum Audio über den Tisch der kleinen Bälle.

Er räumt gerne Tische ab: Omar Assar. Der ägyptische Nationalspieler kehrt nichts unter den Tisch, er legt die Dinge knallhart auf die Platte. Auch schiebt er keine ruhige Kugel, sondern schmettert, dreht und serviert seinem Gegenüber schwere Kost. Zur Zeit belegt er Platz 17 auf der Weltrangliste und spielt beim erfolgreichen Tischtennisteam von Borussia Düsseldorf.

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Den Sport entwickelte ein britischer Major, Mitte des 19. Jahrhunderts. Anfangs war es ein Spiel für die Oberschicht, später entwickelte sich Tischtennis zum Volkssport.

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Regeln, Kunststoffbälle und genormte Platten machten aus dem Volkssport eine Wettkampfdisziplin.

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Als eins der erfolgreichsten Länder gilt China. “Stell Dir vor, der Tischtennisball sei der Kopf deines kapitalistischen Feindes. Schlag ihn mit deinem sozialistischen Schläger, und du hast einen Punkt für Dein Vaterland gemacht.”Das schrieb Mao Tse-tung, Chinas, er erklärte Tischtennis zum Nationalsport Chinas.

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Auf Ping folgt Pong.

In der Zeit der Kulturrevolution (1966) fiel Tischtennis in Ungnade. Erst 1971 traten Chinas Spieler wieder an den WM-Tisch. Danach gab es kein Halten mehr.

Omar Assar begleiten die Tischtennis-Tische von Kindesbeinen an. Wir trafen uns im Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf und tischten auf.

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Borussia Düsseldorf

Borussia Düsseldorf (Tischtennis)

Ernst-Poensgen-Allee 58

40629 Düsseldorf

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Omar Assar und Luca Scherello © CF

 

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Kulturgeschichte der Glocken

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Bienenkorbglocken im Glockenspiel: Begleitinstrumente der Gregorianischen Gesänge im Kloster © CF

Der Guss der Harmonie

WDR 3, Kultur am Mittag

18. September, 12 Uhr

Zum Audio über die Kulturgeschichte der Glocken

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Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock (auch Titelbild) in GescherUm 1690 zog Jean Francois Petit, Spross einer Glockengießerfamilie aus Lothringen, ins Münsterland und blieb, des guten Lehms wegen. Seither werden in Gescher Glocken gegossen. Zu sehen ist das Herz der Gießerei, die Glockenstube. An der Stirnseite steht der 100 Jahre alte Schmelzofen. 15 Meter hoch, 10 Meter breit, fünf Meter tief. © CF

Glocken faszinieren seit Jahrtausenden die Menschen rund um den Globus. Aus dem antiken China kamen sie über Arabien, Israel, Byzanz nach Westrom.

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Glockenturm in Dimitsana in Arkadien (Peloponnes, Griechenland) © CF

Jede Glocke ist einzigartig in Form, Klang und Funktion. Sie warnt, mahnt, musiziert. Die Klangkörper erzeugen Gefühle zwischen schön und schaurig.

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Schiffsglocke © CF

Glocken begleiten die christliche Kirche seit ihren Anfängen. Spätestens, seit Karl der Große Kirchen und Klöstern empfahl, Glocken zu gießen, gehören sie in die christlichen Dachstühle. Glocken sind ein Kompass im Alltag. Ihr Klang definiert Zeit und Raum.

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Sechs Türme und zwölf Glocken: Die Benediktinerabtei Maria Laach © CF

In den Klosterkirchen erlebt der Gregorianische Choral eine ungebrochene Tradition. Ohne diese Gesänge gäbe es keinen Beethoven, keinen Mozart, keine Beatles. 1200 Jahre nach ihrer Blütezeit feiert die mittelalterliche Kunst Comeback. In Choralscholen werden sie gesungen.

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Meisterin der Glocken und des Gesangs: Maria Jonas (Trobairitz, Leiterin der FrauenscholaArs Choralis Coeln.© CF

Zehn Bronzeglocken erzeugen Töne, gemäß der Pythagoreischen Stimmung. Dem antiken Ordnungsprinzip folgte die Musik des Abendlandes bis zum 16. Jahrhundert. Eine Hilfe zum Einsingen.

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Eine Stunde dauert die Schmelze in einem Tiegel aus Graphit. 160 Kilo Bronze brodeln im Topf. Am Ende beträgt die Temperatur rund 1200 Grad Celsius. © CF

In der Bundesrepublik existieren noch sechs Glockengießereien, unter anderem die Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher. Ich blieb einen Tag und erlebte einen Bruchteil der Arbeitsschritte, die nötig sind, um eine Glocke herzustellen.

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Mit Sicht- und Wärmeschutz nähern sich die Arbeiter der 1200 Grad heißen Suppe. Mit einer eisernen Haltervorrichtung kippen sie den Schmelztiegel in eine der beiden Öffnungen der Stahlform. Die Bronze fließt über in den steinharten Formsand eingeritzte Gießkanäle in den Hohlraum zwischen Mantel und Kern. © CF

Das Handwerk braucht vor allem eins: Zeit. Am Schluss werden die Glocken abgehört. Mit Stimmgabel und einem absoluten Gehör studieren die Prüfer Unterton, Prime, Mollterz, Quinte, das heißt, sämtliche Teiltöne, die den Klang der Glocke bestimmen.

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Der Elektriker, Glockenprüfer und Musiker Wolfgang Nieland testet die Glocken.  (© CF)

Das hat es noch nie gegeben, dass europaweit gemeinsam Glocken läuten. Am 21. September (18 bis 18.15 Uhr) werden mehr als tausend Instrumente über Ländergrenzen hinweg zeitgleich in sakralen und säkularen Dachstühlen schwingen und den Klang verbreiten, der Europa fast zwei Jahrtausende lang prägte.

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St. Paulus Dom in Münster © CF

Petit & Gebrüder Edelbrock

Glocken- und Kunstguss-Manufaktur

Hauptstraße 5

48712 Gescher

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Glockengießerei in Gescher © CF

Westfälisches Glockenmuseum Gescher

Lindenstraße 2, 48712 Gescher

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Die Trobairitz Maria Jonas mit Stefan Klöckner (Leiter des Instituts für Gregorianik) an der Folkwang Universität der Künste in Essen. © CF

Maria Jonas (Leiterin der Frauenschola „Ars Coralis Coeln“)

Neue CD

Hildegard von Bingen. Ordo Virtutum. Die Ordnung der Kräfte.

Leitung: Maria Jonas. Raumklang. RK 3701. LC05068. Schloss Goseck 2018

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Kölner Dom und St. Martin (re.) © CF

Weiß in Weiß: Papiermuseum Düren

Nach acht Jahren wiedereröffnet

WDR 3 MOSAIK

10. September 2018, 9 Uhr

Link zum Audio meiner Miniatur über das Papiermuseum Düren

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Benachbart: Beigefarbener Naturstein neben grauen Ziegelsteinen neben weiß verputztem Beton: Das Leopold-Hösch-Museum (1905) mit dem Anbau von Peter Kulka (2009) steht direkt neben dem komplett umgebauten Papiermuseum (2018), einem Bau mit Falten. © CF

1990 bekam Düren sein erstes Papiermuseum. In einer mehrfach umgebauten Tankstelle kämpfte das Museum gegen das ungleich größere und bedeutendere Leopold Hoesch-Museum an.

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Entworfen: Der Architekt Klaus Hollenbeck © CF

Das soll nun anders werden. Der Kölner Architekt Klaus Hollenbeck schuf das neue Gewand für einen 2000 Jahre alten Star: Papier.

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Aufgebaut: Die Papierpresse ist ein Herzstück der Schöpfinsel. Das 500 Kilo-Objekt erhält ein eigenes Fundament © CF
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Gepresst: Die Gäste legen Hand an, quetschen Wasser und überschüssigen Leim aus den geschöpften Bögen © CF

Papiermuseum Düren

https://www.papiermuseum-dueren.de

Wallstr. 2-8, 52349 Düren

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Eingeschlossen: Wie Pflanzenfasern im Papier liegen, liegt die Beleuchtung im Putz. © CF

Mit Homer auf der Peloponnes

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Homer beschreibt im dritten Gesang der Odyssee, wie Odysseus‘ Sohn Telemachos in der Bucht von Navarino vor Anker geht. Der junge Mann suchte den verschollenen Helden, zehn Jahre nach dem Krieg gegen Troja. Am Horizont liegt die Insel Sfaktiria. © CF

Der blinde Rhapsode besingt den Palast des Nestor

3.September 2018

WDR 5, Scala

14 Uhr und 21 Uhr

Link zum Audio über den Palast des Nestor

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Die Ochsenbauchbucht ist Teil der Navarinobucht. Hier ging Telemachos an Land, heißt es in der Odyssee. © CF

Keine Literatur ohne Verortung und kaum ein Ort ohne Literatur. In der Scala SommerReihe geht es um Passagen von der Realität in die Fiktion und zurück.

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Als sie die Fremden erblickten, da strömten sie alle zusammen,
grüßten mit Handschlag sie und wiesen sie an, sich zu setzen (Homer. Odyssee. Dritter Gesang. Ü: Kurt Steinmann). An diesem Strand vermutlich saßen Nestor und die Pylier mit ihren Gästen beim Festessen, bevor sie auf den Hügel ins Landesinnere zogen, zum Palast des Nestor. © CF

Der Palast des Nestor auf der Peloponnes ist ein zweifacher Twist. Die Realität liegt in der Frühgeschichte Europas, in der Bronzezeit, die Fiktion entstand viele Jahrhunderte später. Homers Odyssee entstand um 700 v.Chr..

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Palast des Nestor in Messenien bei Pylos (Peloponnes): Treppenaufgänge, Mauerreste, Andeutungen von vielen Räumen. In den 1950er und 60er Jahren wurde die archäologische Stätte ausgegraben. In Homers Beschreibung lebt die Familie allein im Palast, mit ein paar Bediensteten und ihrem Gast Telemachos. Das ist eine Vorstellung, die in Homers Zeit passt, aber nicht in die Zeit der mykenischen Kultur, sagt Martin Boß: „Diese Ruinen verweisen auf eine Welt des zweiten Jahrtausends v. Chr. mit großen Palastarealen und einer komplexen Infrastruktur, die zentralistisch organisiert ist. Hier werden Waren verwaltet und verschickt. Hier wird auch produziert. All das hat es in geometrischer Zeit nicht gegeben.“ © CF
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Das Publikum bewegt sich über der Ausgrabungsstätte. Katerina Katsatou nutzt den Steg als Bühne und liest aus dem dritten Gesang in der neugriechischen Übersetzung von Nikos Kazantzakis. © CF

Jahrtausende später lesen wir die Gesänge und betrachten die Reste des einstigen Geschehens. Wir stehen vor Ruinen und Rätseln, auf einem Ausgrabungsfeld bei Pylos, im Palast des Nestor, mit Homers Odyssee in der Hand.

palast des Nestor Obergeschoss © Martin Boß
Der „Palast“ war ein komplexes Gebilde aus Gevierten in sämtlichen Größen. Das 3D Bild, das Martin Boß erstellte, zeigt einen fast modern anmutenden Bau: zwei Geschosse, Innenhöfe, Flachdächer, Räume, die wie Module aneinander gesetzt sind. Martin Boß: „Die Aglomeratbauweise erlaubt beliebig viele Anbauten, die allen Zwecken gerecht werden, dem Kultischen, der Verwaltung Registratur, der Machtzentrale für Politik und Recht, der Produktion von Tongefäßen, der Lagerung von Wein und Öl. © Martin Boß
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Martin Boß (auf der Leiter) in der Gipsgussgalerie der Antikensammlung der Uni Erlangen-Nürnberg, vor ihm steht der Zwei-Meter Mann Augustus von Primaporta © Harald Sippel

Der Klassische Archäologe Martin Boß (Friedrich-Alexander-Universiät Erlangen-Nürnberg) hatte sich die Fundstücke seines amerikanischen Kollegen Carl Blegen genau angesehen und ein Bild gemacht. Aus den Ausgrabungen, Wissen und Vorstellung gestaltete er mehrere Modelle in 3D.

Innengestaltung © Martin Boß
„Hier lebte nicht nur der Herrscher, der Wanax“, sagt Martin Boß: „Hier gab es Handwerker, Spezialisten für Landwirtschaft, Priester, Schmiede, Töpfer.“ © Martin Boß
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Auf dieser Tontafel (zu sehen in dem kleinen Ausstellungsraum an der Ausgrabungsstätte)  stehen keine Gebete oder Gesänge, sondern Güter, Zölle, Steuern. Auf hunderten solcher Tontafeln befindet sich die Buchhaltung des Palasts, die zeigt, dass die Anlage Wohnort und Wirtschaftsbetrieb war. verfasst in der der sogenannten Schrift Linear B, 1952 entziffert 1952. Die Tafeln waren sowas wie Rechnungsbücher. Doch darüber schweigt das Epos. © CF
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Doch den Telemachos badet’ derweil Polykaste, die schöne,
Nestors, des Sohnes des Neleus, jüngste Tochter;
Und als sie ihn gebadet hatte und glänzend gesalbt mit dem Öle
und um ihn einen schönen Mantel geworfen und Leibrock,
stieg er, Unsterblichen ähnlich an Gestalt, aus der Wanne
und ging und setzte zu Nestor sich hin, dem Horten der Völker. (Homer. Odyssee. Ü: Kurt Steinmann). Dass Telemachos in dieser Wanne lag, sei reine Fiktion, sagt Martin Boß. © CF

Viele Fragen bleiben offen, nur eins ist klar, Homers Palast im dritten Gesang der Odyssee gibt ein völlig anderes Bild als es die Funde bei Pylos zeigen. Die mykenischen Palastareale aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. müssen sehr viel größer gewesen sein als die Bauten im geometrischen Stil, zu Homers Zeiten.

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In den mykenischen Palastanlagen existierte stets ein Megaron, ein großer Hauptraum mit Thron und  Feuerstelle (im Bild). © CF

Homer Odyssee © CF

Homer. Odyssee. Ü: Kurt Steinmann. Manesse Verlag. Zürich/ München 2011

Palast des Nestor © Martin Boß
Der Palast des Nestor in 3D © Martin Boß

Martin Boß (Klassischer Archäologe)

Antikensammlung Erlangen Internet Archiv (AERIA)

Martin Boß © Julia Beeck
Martin Boß betrachtet einen Hafenschlepper amerikanischer Bauart aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts © Julia Beeck
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Vermutlich bestand der Bau aus Ziegeln, Steinen, Holz. Hier könnte sich die Vorhalle befunden haben, gestützt durch eine Säule © CF

 

Palast des Nestor

Ano Englianos von Messenien

Ethniki Odos Kiparissias Pilou

Nestor 246 00

Griechenland

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Blick vom Palast des Nestor auf die Bucht von Navarino © CF

 

Kleine Kulturgeschichte der Tomaten

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Guerilla Knitting für den großen Wurf: Heike Voss mit ihrer ersten gestrickten Tomate © CF

Mit Tomaten auf die Barrikaden

Sonntag, 22. Juli 2018

SWR 2 Matinee zum Thema Tomaten

9 bis 12 Uhr

kurz nach 10 Uhr läuft meine Miniatur

Link zur Miniatur über die Tomatenkultur

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Glatt Rechts: So heißt das Muster der Kunsttomate, die per Strickmusterapp und mit Baumwolle entsteht © CF
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Fast fertig: Das Fruchtfleisch besteht aus Füllwatte © CF
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Luftmaschen für den Strunk. Harmloses Abbild, gefährliches Vorbild. Der Naturstrunk hat’s in sich, Solanin, ein Gift, das zu Koma und Tod führt. © CF

Tomaten führen explosionsartig zur Rebellion, vorausgesetzt, sie fliegen in einer gewissen Geschwindigkeit auf einer elliptischen Bahn durch den Saal und zerplatzen am intellektuellen Kopf des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. So geschehen im Oktober 1968. Auf dem Delegiertenkongress des SDS hielt die feministische Filmemacherin Helke Sander eine Brandrede über die Ungleichheit der Geschlechter. Nach der Rede gingen die Genossen ohne jede Diskussion zum nächsten Punkt über. Im Publikum saß die hochschwangere Studentin Sigrid Rüger und schoss drei Tomaten Richtung Podium. Der Diskurs wurde eröffnet, der Kongress vertagt, die zweite Frauenbewegung war geboren. Alles wegen überreifer Fruchtgemüse, die es in sich haben. 1995 starb die feministische Tomatenwerferin Sigrid Rüger in Berlin. Weggefährtinnen legten einen Kranz mit Tomaten auf ihr Grab.

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Gehäkelte EU-Norm: Die Biostrick-Tomate fiel in den Augen von  Heike Voss durch. Neue Maschen und neues Werkzeug mussten her © CF

Wer sich im Tomaten werfen üben will, fährt am besten in die spanische Provinz Valencia, nach Buñol. Dort gibt es jedes Jahr am letzten Mittwoch im August La Tomatina, eine Tomatenschlacht, die sich gewaschen hat. Punkt 12 Uhr Mittags kippt ein LKW 100 Tonnen Tomaten auf den Marktplatz und geht’s los. Eine Stunde lang bewerfen sich die Einwohner_innen mit den roten Gemüsefrüchten. Da kann es schonmal vorkommen, dass jemand plötzlich Tomaten auf den Augen hat. Und an so mancher treulosen Tomate zerplatzt die bitterrote Rache.

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Burkhard Bohne, Leiter des Arzneipflanzengartens der TU Braunschweig und Buchautor Garden your City, pflückt Rote Murmeln, eine Wildtomatenart, die nicht gezüchtet wurde. Sie schmeckt intensiv und süß. . In dieser Form müssen sie die Menschen in den Peruanischen Anden im Norden Südamerikas vorgefunden haben, vor rund 7000 Jahren. In Mittelamerika, im heutigen Mexiko, wurden sie von den Azteken kultiviert, die ihnen auch den Namen gaben: xitomatl. Tomate ist ein Lehnwort aus dem aztekischen Nahuatl. © CF

In meiner Miniatur geht es um neue Maschen und einen sehr langen Stammbaum. Wir bewegen uns zwischen Strickmustern, Pop Art und Nachtschatten.

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© CF

Vom Upcycling alter Tankstellen

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Dida Zende an der Freien Internationale Tankstelle in Berlin Mitte. Die Fassaden gestaltete das Künstlerkollektiv Klub 7 in Halle an der Saale. © CF

Anders befüllt

SWR 2 Matinee über Tankstellen

8.7. 2018, 9 bis 12 Uhr

Meine Miniatur läuft nach 11 Uhr

Link zum Audio über umgewidmete Tankstellen

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1926 wurde die Tankstelle als eine der ersten in Berlin erbaut. Seit 2003 liefert sie Energie in anderen Dimensionen. Spirit statt Sprit, Kunst statt Kapital. Hier legen Reisende einen Zwischenstopp ein, Nachbar_innen sind Dauergäste. Alle dürfen tanken und Tanks auffüllen. © CF

Dida Zende ist Bildender Künstler und Tankwart der Zukunft. In Berlin Mitte betreibt er die FIT, die Freie Internationale Tankstelle, ein „Open Source Kunstwerk“, wie er selber sagt.

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Hinter der Sauna: Das alte Feuerwehrauto im Hof bringt alle zum Schwitzen. © CF© CF
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In der Sauna: Pyromantiker Tobi Jackson feuert den Saunaofen an. © CF
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Betanken: Das Aufgusswasser wird im Mantel des Saunaofens vorgewärmt © CF
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© CF

Seit 2003 wird in der FIT alles getan, nur kein Sprit abgefüllt. An der ältesten Tankstelle kommt die Energie von den Leuten, die sie ansteuern.

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Tankstellenfotograf Joachim Gies sitzt am Schaufenster einer ehemaligen Tankstelle. © CF

Joachim Gies ist Fotograf und Tankstellensucher. Tausende Kilometer hat er bereits hinter sich, um Tankstellen zu finden, die keine Tankstellen mehr sind, wie die im Titelbild.

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1935 entstand im Kölner Norden, an der Neusser Landstraße, eine Tankstelle. Sie erlebte  Nationalsozialismus, Wirtschaftswunder, Ölkrise, Energiewende, Umwidmung. Heute werden hier Autos repariert und Reifen gehandelt. © CF

Ihm bleiben zehn Minuten für den magischen Moment des Ablichtens. Denn er fotografiert die bizarren Architekturen im Zwielicht, in der Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit. Eines Tages stieß Joachim Gies in Berlin Mitte auf die Fit und lichtete sie ab für sein aktuelles Projekt: Umgewidmete Minoltankstellen der DDR.

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Der erste Fotoband entstand 2014 und zeigt ehemalige Tankstellen in NRW. Titel: Abgetankt. Sorgsam komponierte Momentaufnahmen jener Orte, die es in naher Zukunft vielleicht gar nicht mehr geben wird.

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Dida Zende an der mobilen Sauna © CF

Ich traf mich mit Dida Zende in einem Kiez in Berlin Mitte und mit Joachim Gies an einer Landstraße zwischen Köln und Neuss.

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Mongolische Jurte und geodätische Bühne: Im Hof der Freien Internationalen Tankstelle © CF

Freie Internationale Tankstelle

Link zur Freien Internationalen Tankstelle

Schwedter Str. 262

10119 Berlin

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Ausgediente Zapfsäule: Monument und Dokument © CF

Reifen Kluth

Neusser Landstr. 131

50769 Köln Fühlingen

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Gies, Joachim: [Abgetankt] Selbstverlag. Köln 2014 © CF

Link zur Fotoserie [Abgetankt]

Malen mit Blaualgen

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Algen bilden Farben und Formen auf der Leinwand © CF

Der Künstler Ingo Botho Reize

SWR 2 Matinee am 1. Juli 2018

9 bis 12 Uhr

Mein Porträt über den Algenkünstler (s. Titelbild) läuft zwischen 11 und 12 Uhr

Der Link zum Audio über Ingo Botho Reize

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In einer flachen Wanne wachsen und gedeihen die Farbpigmente. Sobald die Algen wie eine ledrige Haut auf dem Wasser liegen, kann Ingo Botho Reize aus dem Vollen schöpfen. © CF

Auf den Leinwänden liegen Farbsinfonien. Impressionen in Violett, tiefstem Blau, leichtem Rot, Ocker. Auf manchen Bildern zeigt sich ein expressiver Dialog zwischen Farbe und nackter Leinwand, ein Spiel mit dem Nichts.

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Ein Blick auf ein Algenbild gleicht einer Zeitreise in die Geschichte des Universums, als das Leben noch ohne Sauerstoff auskam, also in eine Zeit vor rund drei Milliarden Jahren © CF

Wieder andere äußern sich im Stil der monochromen Malerei. Allerdings stammen die Farbpigmente aus eine ungewöhnlichen Quelle: Algen, genauer Blaualgen.

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Das Atelier in der Uni-Gärtnerei © CF

Im Biozentrum der Uni Köln liegt das Atelier von Ingo Botho Reize. Seit vielen Jahren produziert er mit seinen pflanzlichen „Künstlerkollegen“ abstrakte Malereien.

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Der promovierte Biologe Ingo Botho Reize forscht über Algen, erst als Wissenschaftler, jetzt als Künstler © CF

Ingo Botho Reize

http://www.kunstmitalgen.de

http://www.fotosdernatur.de

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Algen faszinieren Ingo Botho Reize seit seiner Kindheit. Diese Grünalgen-Kultur begleitet ihn seit 30 Jahren. © CF