Die Abgründe des Tagebaus

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Am Abgrund: Der erste Akt der theatralen Exkursion spielt auf :Terra Nova, einem Besuchszentrum von RWE mit Blick in den Hambacher Tagebau © CF

An den Rand. Ein Lehrstück im Revier

WDR 5, Scala

15. Oktober 2018

14 Uhr/ 21 Uhr

Link zur Reportage über die theatrale Exkursion ins Revier

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Am Horizont: Hubert Perschke (Bürgerinitiative Buirer für Buir) zeigt auf die Landmarken jenseits der Grube © CF

Im Rhein-Erft Kreis liegt Kohle unter der Erde. Die Vorräte des Reviers reichen bis 2045. Zwischen Genehmigung und aktuellem Abbau liegt eine Generation. Die Ölkrise ist vorbei, fossile Energie ist out, Atomstrom steht in der Kritik. Die Zukunft setzt auf Energieträger, die nachwachsen oder in den Sternen stehen.

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Auf die Spitze: Noch steht die Manheimer Pfarrkirche, noch wachsen Stieleichen und Hainbuchen in Europas einmaligen Wald, im Hambacher Forst, der für Hubert Preschte stets eine Heimat war. © CF

Zwischen Aachen, Mönchengladbach und Köln fressen sich die Schaufelradbagger durch Löß, Sand und Kies, auf dem Jahrhunderte alte Ortschaften standen, wie Manheim bei Kerpen (siehe Titelbild), wie der Bauernhof von Stefan Leonards, den bereits seine Großeltern bewirtschafteten.

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Vor der Umsiedlung: Stefan Leonards. Bühne II ist der Hof eines der letzten Bauern in dieser Gegend. © CF

Das Grundstück gehört dem Bauern nicht mehr. RWE hatte es gekauft und Stefan Leonards eine Entschädigung gezahlt. Wie er mit der Summe klarkommt, mit den neuen Bedingungen, dem neuen Acker, ist sein Problem. Der Konzern ist nicht verpflichtet, ein Haus umzusetzen, sagt Hubert Perschke, sondern nur einen Schätzwert zu zahlen.

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Gefräßige Nachbarn: Stefan Leonards Pferde grasen vor der Kulisse des Hambacher Tagebaus © CF
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Auf der Zunge: Feinstaub liegt in der Luft und Lärm in den Ohren. © CF

Gemeinden werden umgesiedelt, Häuser rückgebaut, so heißt es im RWE-Jargon. Das bedeutet nichts anderes als Abriss.

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Ruhender Verkehr: Die Autobahn war im Weg. © CF

Das Ensemblenetzwerk Freihandelszone fuhr bis an den Rand der Grube. Ihr Publikum erlebte ein Road-Movie live.

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Stille Gasse: Jörg Fürst (Regisseur und Autor. A.Tonal.Theater) © CF

Die Theaterschaffenden Jörg Fürst (A.Tonal.Theater) und Rosi Ulrich (Theater-51grad) organisierten mit dem Fotografen Matthias Jung den Trip ins Braunkohlerevier.

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Am Mikro: Der Fotograf Matthias Jung, der die Nachtseite der dem Untergang geweihten Städte einfängt. © CF

Titel der theatralen Exkursion: Das Loch. Untergang und Utopie. Im Bus erfuhren wir, dass die Grube des Hambacher Tagebaus 50 Kilometer umfasst und das tiefste Loch Europas ist.

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Im Blick: Hubert Perschke (Aktivist und Fotograf) schuf mit dem Bildband Mein Manheim ein wertvolles Erinnerungsbuch. © CF

Von Hubert Perschke erfahren wir, dass unklar ist, ob die Kohle aus dem Hambacher Tagebau überhaupt noch gebraucht wird. Wir erfahren, dass die Bundesrepublik weltweit die meiste Braunkohle zu Tage fördert, vor den USA und China. Und wir wissen, wie unermesslich groß der ökologische Fußabdruck ist.

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Ins Grüne: Unser Bus auf dem Weg zur Kartbahn Steinheide. © CF
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Letzte Runde: Auf der Kartbahn Steinheide legten die Brüder Schumacher den Grundstein für ihre Rennfahrerkarriere. © CF
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Klares Ziel: Die Kartbahn ist an RWE verkauft. Jetzt suchen die Betreiber_innen einen neuen Standort. © CF

Es sind Abgründe, die die Bagger schaffen. Doch Menschen versuchen, die Löcher zu stopfen, mit ihren Erinnerungen, Leben und Entscheidungen, sofern sie überhaupt eine Wahl haben. Wer sich quer stellt, bekommt Klagen an den Hals oder wird unter Druck gesetzt. RWE pocht auf die Genehmigung aus den 1970ern.

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Am Rand: Die neogotische Kirche St. Albanus und St. Leonhardus in Manheim © CF

Manheim ist ein Straßendorf, wurde vor 1100 Jahren zum ersten Mal erwähnt. Rund 1700 Menschen lebten hier, besuchten Sportplätze und Karnevalsvereine, gingen zur Schule, trieben Handel, gingen in die Kneipe.

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Im Fenster: Längst ist jeder Tag Donnerstag. © CF

Die Alteingesessenen ziehen weg, Flüchtlinge ziehen ein. Menschen wie Hubert Perschke bemühten sich um eine Lösung, denn Kerpen hatte ein „Flüchtlingsproblem“. Also mietete die Stadt die Häuser, die inzwischen RWE gehören. In denen leben oft mehrere Familien auf engstem Raum.

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© CF
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© CF
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© CF

Auf dem Friedhof bestatteten die Manheimer_innen ihre Toten. Sie bekamen neue Särge, wurden umgebettet und umgesiedelt.

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Schönes Bild: Unter Denkmalschutz? Nein, nicht im Revier. © CF
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Gewachsene Struktur: In diesem Haus buk der Bäcker legendäre Brot- und Teigwaren, schuf die Dinge per Hand, achtete auf Bioqualität, hatte ein Netzwerk. Am neuen Ort arbeitet er als Angestellter. © CF
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Welke Süße: Der Schätzwert alter Hauses ist gering. Viele verschulden sich neu, ziehen in kleine Wohnung, suchen Perspektiven oder sterben. © CF

Eine der Protagonistinnen ist Inge Broska, Künstlerin, Sammlerin, Umsiedlerin aus Otzenrath (2011 Garzweiler). „Ich war bis zuletzt da, bis mich der freundliche Baggerführer mit seinem Bagger weckte. Ich lag im Bett und konnte sehen, wie die Mauer eingerissen wurde. Plötzlich hatte ich einen weiten Ausblick.“

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Große Sammlung: In ihrem Hausmuseum bewahrt Inge Broska Erinnerungen, Fundstücke, Vergessenes, Scherben © CF

„Als die Frauen in Alt-Otzenrath ihre Häuser verließen, legten sie Kehrbleche auf die Türschwelle, um zu zeigen, dass hier niemand mehr wohnt, aber auch, um dem Haus Lebe wohl zu sagen. Ich habe die Kehrbleche alle mitgenommen. Du kannst doch kein Kehrblech stehen lassen.“ 

Hausmuseum von Inge Broska

Jörg Fürst (Regisseur, Autor)

Rosi Ulrich (Dramaturgin, Regisseurin)

Matthias Jung

Initiative Buirer für Buir (Hubert Perschke)

Als wir durch Manheim liefen, rasten getunte Autos an uns vorbei, der „Werkschutz, Motorräder, Sportwagen. „Kein Zufall“, sagt Jörg Fürst. RWE-Mitarbeiter fürchten um ihren Arbeitsplatz und betreiben eine Art modernen Maschinensturm.

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Finale © CF
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Orient Express

Mit Dampf in den Luxus

WDR 5 ZeitZeichen & WDR 2 StichTag vom 4. Oktober 2018

1883 – Offizielle Jungfernfahrt des Orient Express

ZeitZeichen – WDR 5: 9.45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Audio zum ZeitZeichen über Orient Express

StichTag – WDR 2: 9.40 Uhr

Audio zum WDR 2 StichTag über Orient Express und heutige Nachbauten

Fotogalerie im Netz von WDR 5 mit Raritäten und wahren Fundstücken

WDR 5 INTERNET – FOTOSTRECKE

Orient Express Litho Rafael de Ochoa y Madrazo 1891 © Dt Plakatmuseum
Plakatentwurf: Raphael de Ochoa y Madroza (1895) © Museum Folkwang/ Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Orient Express! Allein der Name befeuert die Fantasie. Gilt er doch bis heute als der König der Züge und als der Zug, mit dem Könige reisten. Der Orient Express machte die Eisenbahn zum Hotel, den Wagon zur Lounge, den Speisewagen zum Fünf-Sterne Restaurant, das Abteil zur Suite, das Zugfenster zur Leinwand, zu sehen im Titelbild, einer Lithographie aus einem Prospekt aus dem Jahre 1898.

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Logo der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) an einem ausrangierten Speisewagen des Orient Express im Eisenbahnmuseum in Bochum © CF

1872 wurde die CIWL von Georges Nagelmackers gegründet. Bei einem längeren Aufenthalt in den USA erlebte der belgische Ingenieur die sleeping cars des Schlafwagen-Erfinders George Mortimer Pullman. Zehn Monate später kehrte Georges Nagelmackers nach Europa zurück. Er verhandelte mit Politikern, Herrschern und acht verschiedenen Eisenbahngesellschaften. Schließlich stellte er den ersten Luxuszug Europas auf die Schienen.

Gare de l'Est © Sammlung Klein
Aus dem Gare de l’Est rollte der erste Orient Express. Der Kopfbahnhof wurde 1852 fertig gestellt und galt als richtungsweisend für die Architekturen jener Zeit. Standen Bahnhöfe doch für das modernste Transportmittel, das die Welt zu bieten hatte. Per Pferdekutsche begaben sich die Passagiere zu den Stahlrössern.

Am 4. Oktober 1883 begaben sich Diplomaten, Bahnbeamte, Schriftsteller, Journalisten zum Ostbahnhof in Paris. Mit einer Dampflok (Typ 120) der französischen Ostbahn an der Spitze begab sich die geladene Gesellschaft auf Premierenfahrt gen Konstantinopel, wie Istanbul bis 1924 hieß. 40 Männer, keine Frau. Zu gefährlich, hieß es. Die Herren sollten Revolver bei sich tragen, denn die Reise führte durch Krisengebiete, befand der Gastgeber und Direktor der Internationalen Schlafwagengesellschaft Georges Nagelmackers.

Speise- und Abteilwagen © Sammlung Klein
Die französische Wochenzeitung l’Illustration zeigt die älteste Darstellung des Orient Express.des Interieurs von Abteil- und Speisewagen.

Im Restaurant hingen vierarmige Kristallleuchter von der Decke, mit Gas betrieben. Gobelins an den Wänden. Die Stühle mit Cordobaleder bezogen. Auf den Tischen weißer Damast. Das Top-Transportmittel der Belle Epoque feierte den Luxus auf dem Schienenstrang und eröffnet eine neue Ära des Reisens.

Menükarte der ersten Reise © Sammlung Klein
Gourmets buchten Ticktes, allein der Kochkunst wegen.

Abgesehen von der luxuriösen Ausstattung und den extravaganten Küche lebten die Reisenden des Orient-Express in einem Komfort, der für die normale Bevölkerung alles andere als selbstverständlich war. Auf ihrer Passage durch die Fürstentümer und Königreiche Europas, über sämtliche Ländergrenzen hinweg, hatten die Gäste stets fließendes, warmes Wasser, kühle Getränke, frische Speisen, Heizung, Licht.

Konstantinopel HBF © Sammlung Klein
Sirkeci-Hauptbahnhof Konstantinopel. Postkarte um 1890

Seit August 1888 war der Sirkeci-Hauptbahnhof im Stadtteil Stamboul die Endhaltestelle des Orient Express. Für das Premierenpublikum im Oktober 1883 endetet die Fahrt mit dem Luxuszug in der rumänischen Stadt Giurgiu, am Hafen der Donau. Mit einer Dampfbarkasse setzte die Gesellschaft über, fuhr mit einem Zug nach Warna ans Schwarze Meer und bestritt die letzte Strecke mit einem Dampfschiff, das sie in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches brachte. Als das Streckennetz vollendet war, erfüllte sich die Vision einer Direktverbindung von Westeuropa bis an die Ostgrenze des Kontinents.

anonym 1888 © DT Plakatmuseum
Anonym 1888 © Museum Folkwang / Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Auch wenn der Orient Express nie in den Orient fuhr, bediente er die Erwartungen seiner Gäste nach fernen Ländern. Plakate warben mit Exotik pur. Das Plakat lockt in die Fremde, zur Hagia Sophia, zum Goldenen Horn. Für die meisten blieb die Reise ein Traum auf dem Plakat. Vier durchschnittliche Monatsgehälter kostete ein One Way Ticket.

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„Plakate an sich galten als Sensation, sie bildeten die größten Farbflächen im öffentlichen Raum, zeigten diese exotische Ferne.“ (René Grohnert. Leiter des Plakatmuseums im Museum Folkwang in Essen vor der historischen Zigarettenwerbung für Manoli. Plakat: Lucian Bernhard) © CF

In den Beständen des Plakatmuseums bilden Zugplakate ein eigenes Genre. Im Stil von Impressionismus und Art Deco entstanden im ausgehenden 19. Jahrhundert schillernde Bildergeschichten über ein mobiles Europa. „Diese Reiseplakate wurden sehr aufwendig produziert; sie waren auch nicht für den Außenraum bestimmt, sondern für Hotels, Passagen, Kaufhäuser, Theater. Sie trugen entschieden zur Imagebildung von bestimmten Orten und Zügen bei.“ Nach dem Ersten Weltkrieg war auf vielen dieser Reiseplakate ein neuer Titel zu lesen: Simplon Orient Express.

Simplon Orient Express © DT Plakatmuseum
Plakatentwurf: Robert-Antoine Pinchon (1922) © Museum Folkwang/ Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Der Simplon Orient Expressstand für die zweite Blüte der Luxusreisen. Seinen Namen verdankt der Zug einem der längsten Tunnel der Welt, dem Simplon Tunnel, der die Walliser Alpen unterquert. Die Passage folgte einer politischen Entscheidung. Die CIWL vermied eine Reise über München und Wien, durch das Gebiet der einstigen Kriegsgegner. Ab 1928 gab es auch wieder eine Route durch Deutschland.

i'Illustration 1929 © Sammlung Klein
Simplon Orient Express IN: l’Illustration 23. Februar 1929. Foto: Boursky

Im Februar 1929 berichtete die französische Wochenzeitung l’Illustration von einem heftigen Zwischenfall. Rund 80 Kilometer nördlich von Istanbul, bei Tscherkessköy, steckte der Simplon Orient Expressfür fünf Tage in gewaltigen Schneemassen. Angeblich inspirierte der Zwischenfall die Krimischriftstellerin Agatha Christie zu ihrem Roman Mord im Orient Express. Sie selbst war eine begeisterte Passagierin.

Agatha Christie © Hoffmann und Campe
Aus dem Engl.: Hans Erik Hausner © Hoffmann und Campe. Hamburg 2017

„Schon immer hatte ich einmal mit dem Orient-Express fahren wollen“, schrieb Agatha Christie in ihrer Autobiographie. „Am nächsten Morgen eilte ich zu Cooks, gab meine Tickets für Westindien zurück und besorgte mir stattdessen Fahr- und Platzkarten für den Simplon Orient Express nach Istanbul (…) Ich war schrecklich aufgeregt.“

Pera Palace
Pera Palace Hotel. Postkarte um 1900

Auf ihren Reisen nahm Agatha Christie immer wieder den Orient Express. Vom Palast auf Rädern zog sie ins Pera Palace Hotel, mitten im Villen- und Diplomatenviertel von Konstantinopel. Ganz sicher genoss sie den Blick auf den Bosporus und die Hagia Sophia, so wie es die Postkarte zeigt. Das Pera Palace Hotel war Teil der ersten Hotelkette der Welt, die die Internationale Schlafwagengesellschaft in den 1890er Jahren ins Leben rief. Die Hotels garantierten Luxus, modernste Ausstattung, besten Komfort. Das Pera Palace Hotel existiert heute noch. Ein Zimmer ist dem berühmten Gast Agatha Christie gewidmet. Hier habe sie ihren Krimi Mord im Orient Express geschrieben, der 1934 erschienen ist.

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Hans-Jörg Stiegler. Gründer und Inhaber von Modellbahn Wiehe. Kultur mit Pfiff in Wiehe an der Unstrut (Thüringen) © CF

Hans-Jörg Stiegler nahm den Krimi zum Anlass, die Trasse als Kunstlandschaft nachzubauen. Mit dem ersten europäischen Luxuszug begann er vor 25 Jahren sein Lebenswerk in Wiehe in Thüringen- Inzwischen ist der Orient Expresseiner unter vielen Eisenbahn-Legenden im Miniaturformat auf dem 12 000 Quadratmeter großen Areal.

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Auf der Trasse des Orient Express in Wiehe an der Unstrut © CF

Rund 15 Minuten dauert die Fahrt von Paris bis Istanbul, in der Modellbahn-Ausstellung in Wiehe in Thüringen, in der eigens für den Orient Express gebauten Industriehalle. Das Original brauchte um die drei Tage, bis es sein Ziel erreichte, den Hauptbahnhof in Konstantinopel.

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Ein ausrangierter Speisewagen des Orient Express im Eisenbahnmuseum Bochum Dahlhausen © CF

Nicht einmal 100 Jahre nach seiner Jungfernfahrt endete der Traum. Mit dem ersten Weltkrieg starb die erste, große Blüte des Luxuszuges. Zwischen den Kriegen erlebten der Orient Express und seine Abkömmlinge die zweite Blüte. Blau lackierte Stahlwagons und schnelle Loks fuhren Diplomaten, Schmuggler_innen, Künstler_innen durch den Kontinent Europa. Wer wollte, nahm ein Schiff auf die asiatische Seite Europas und fuhr weiter nach Kairo oder Bagdad.

Simplon Orient Express Litho Roger Broders 1931 © Dt Plakatmuseum
Plakatentwurf: Roger Borders (1931) © Museum Folkwang / Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Mit dem Zweiten Weltkrieg starb die zweite Blüte.

Konrad Koschinski © Konrad Koschinski
Konrad Koschinski (Journalist und Fachautor) © Konrad Koschinski

„Nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten die klangvollen Namen und die blauen Stahlwagons aus den 1920er Jahren an die Glanzzeit. In den 1970er Jahren hingen verschiedene Wagen diverser Staatsbahnen hinter der Lok. Die einstigen Luxuszüge mutierten zu gewöhnlichen Schnellzügen. Ein Zug namens Direkt Orient stellte die letzte umsteigefreie Verbindung Paris – Istanbul her. Bis Ende Mai 1977.“

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Der Speisewagen diente einem Hobbyhandwerker als Gartenhaus, bevor ihn das Eisenbahnmuseum Bochum rettete. Im Museum wartet er auf eine Komplettüberholung. Doch das braucht Zeit, Geld und Know How. © CF

Mit dem Ende des Originals beginnt die Ära der Nostalgiezüge.

Venice Simplon Orient Express © Belmond
Venice Simplon Orient Express © Belmond und Lernidee Reisen

Seit 1982 fährt der Venice Simpson Orient Express der auf zum Teil klassischen Trasse. Im Stile der Belle Epoque reisen gut betuchte Gäste durch bezaubernde Landschaften. 2014 ließ die Französische Staatsbahn verlauten, dass sie den Orient Express als regulären Zug wiederbeleben wolle. Heute ist davon nichts mehr zu lesen.

Rainer Mertens © Rainer Mertens
Rainer Mertens vor einer Dampflok in Pennsylvania. Stellvertretender Leiter des DB Museums Nürnberg © Rainer Mertens

„Der Orient Express als regulärer Zug ließe sich vielleicht als Hochgeschwindigkeitszug wieder beleben. Das Projekt von Hochgeschwindigkeitstrassen existiert ja bereits. Eine dieser Trassen führt von Paris über Straßburg, Stuttgart, München, Wien bis nach Bratislava, läuft also zum Teil auf der klassischen Strecke des Orient Express. Stuttgart 21 liegt auch auf dieser Strecke. Der Plan ist, dass die Hochgeschwindigkeitszüge mit 250 bis 300 km/h fahren. Bis Istanbul dauerte die Reise nicht mehr vier oder fünf Tage, sondern einen Tag. Insofern hätte der Orient Express eine Chance.“ 

Mord im Orient Express © Hoffmann und Campe
Aus dem Engl. Otto Bayer) Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 5/ 2017

Christie, Agatha: Die Autobiographie (Ü: Hans Erik Hausner). Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2017

D’Arvor, Patrick Poivre: Legendäre Eisenbahnreisen. Verlag Fredeking & Thaler. München 2007

Franzke, Jürgen (HG): Orient-Express. König der Züge. DB Museum Nürnberg. Komet Verlag. Köln 1998

Mit dem Zug durch Europa © Steidl
Grohnert, René (Hg.) Steidl Verlag. Göttingen 2010
Monique Morvan-Nagelmackers und Jürgen Klein © Sammlung Klein
125 Jahre nach der Gründung der Internationalen Schlafwagengesellschaft saßen geladene Gäste am Pariser Gare de l’Est im Pullman Orient Express, einem sogenannten Nostalgie-Zug, unter ihnen Monique Morvan-Nagelmackers (Enkelin des CIWL-Gründers und Orient Express Initiators Georges Nagelmackers) mit Buchautor und Sammler Jürgen Klein am 4.12.2001. (Foto: Privat)

Klein Jürgen: Die Grandhotels der Internationale Schlafwagen-Gesellschaft. B. Kühlen Verlag. Mönchengladbach 2012

Klein, Jürgen/ Mühl, Albert: Reisen in Luxuszügen. Die Internationale Schlafwagen-Gesellschaft. EK Verlag. Freiburg 2006

Klein, Jürgen/ Mühl, Albert: 125 Jahre Internationale Schlafwagen-Gesellschaft. Die Luxuszüge – Geschichte und Plakate. EK Verlag. Freiburg 1998

Koschinski, Konrad: 125. Jahre Orient-Express. Eisenbahn Journal. Sonderausgabe. 2/ 2008. Verlagsgruppe Bahn GmbH. Fürstenfeldbruck 2008

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© CF

Eisenbahnmuseum Bochum

Dr.-C.-Otto-Straße 191. 44879 Bochum

DB Museum Nürnberg, Koblenz, Halle

Simplon Orient Express 2 © DT Plakatmuseum
Plakatentwurf: Joseph de la Nézière (1927) © Museum Folkwang / Deutsches Plakat Museum
(Sammlung Reisen in Luxus, Essen)

Plakatmuseum im Museum Folkwang

Museumsplatz 1. 45128 Essen

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Kunstlandschaft in Wiehe am Zielort des Orient Express in Wiehe (Thüringen) © CF

Modellbahn Wiehe

Am Anger 19. 06571 Wiehe

Venice Simplon Express © Belmond
Suite im Venice Simplon Orient Express © Belmond und Lernidee Erlebnisreisen

Lernidee Erlebnisreisen

Nostalgiezug-Veranstalter (u.a. Venice Simplon Orient Express)

Eisenacher Straße 11, 10777 Berlin

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Dem Soundartisten Alex Hardt danke ich für die raren Eisenbahnaufnahmen, die das ZeitZeichen auf eine einzigartige Tonreise schicken © CF

 

290. Todestag von Christian Thomasius

Gelehrter Rebell

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Blick aus der Gruft Nr. 10: Der Stadtgottesacker in Halle (s. auch Titelbild) ist eine archiotektonische Perle aus der Zeit der Renaissance: 94 Grabbogengewölbe umgeben den Friedhof, verziert mit Reliefs, Rankenornamenten, Inschriften. Die Gruft Nummer 10 ist dem Juristen und Philosophen Christian Thomasius gewdimet.  (Foto: CF)

1728: Todestag des Juristen und Philosophen Christian Thomasius

23.September 2018

WDR 5: 9.45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Link zum ZeitZeichen über Christian Thomasius

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Im Löwengebäude der Martin Luther-Universität Wittenberg-Halle: Die beiden Thomasiusforscher Matthias Hambrock (Historiker/ li.) und Martin Kühnel (Philosoph) flankieren die Büste des Frühaufklärers Christian Thomasius. Das Bronzeportait schuf der Berliner Bildhauer Fritz Schaper 1894, anlässlich des 200. Jubiläums der Universitätsgründung. Der Sockel, auf dem der Kopf steht, kann nicht hoch genug sein, denn, dass es in Halle eine Universität gibt, verdankt die Stadt dem charismatischen Juristen Christian Thomasius. (Foto: CF)

Christian Thomasius war Rebell und Reformer, ein Frühaufklärer und Querdenker. Entschieden sprach er sich für die Trennung von Kirche und Staat aus. Den Glauben an den Teufel jagte er zum Teufel und entzog damit dem Hexenwahn sein wichtigstes Fundament. In seinen Augen war der Herr der Hölle kein Wesen. Ergo konnten Menschen nicht mit ihm Bunde sein. Ergo gab es keine Hexen. Aberglauben rechtfertigten weder Folter noch Verfolgung.

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Matthias Hambrock und Martin Kühnel sitzen in der Bibliothek des Internationalen Zentrums für die Erforschung der Europäischen Frühaufklärung (IZEA) auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen. Um 1700 legte der Pietist August Hermann Francke mit einem Waisenhaus den Grundstein für die spätere Schulstadt, die als eine der bedeutendsten protestantischen Bildungseinrichtungen Europas galt. Heute befindet sich hier unter anderem das IZEA. (Foto: CF)

Christian Thomasius appellierte an die Freiheit des Denkens, fast 100 Jahre, bevor Immanuel Kant die Definition von der Überwindung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit formulierte.

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In der IZEA-Bibliothek liegen Originalschriften des Gelehrten Christian Thomasius. Schriften gegen den Hexenwahn, Rechtsgutachten, Fallbeschreibungen aus seiner Tätigkeit als praktizierender Anwalt, die Monats-Gespräche. (Rechte: CF)

Geboren in Leipzig am 1. Januar 1655, wuchs er im Schatten des 30jährigen Krieges auf. Der erbitterte Krieg der Konfessionen hatte abertausende Tote hinterlassen und zutiefst gespaltene Fürstentümer.

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Marktplatz in Halle (Saale) mit Blick auf den Roten Turm und die protestantische Marktkirche Unser Lieben Frauen⁄. In dieser Kirche begann die Reformation Halles, hier predigte Martin Luther, hier spielte der junge Georg Friedrich Händel Orgel. (Foto: CF)

Innerhalb der protestantischen Kirche gab es immer wieder heftige Grabenkämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

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Im Dom zu Halle geht bis heute die Reformierte Gemeinde zu den Gottesdiensten. Auch der Lutheraner Christian Thomasius besuchte die Predigten des reformierten Priesters. Freiheit bedeutete für ihn auch Religionsfrfeiheit. (Foto: CF)

Christian Thomasius, ein bekennender Lutheraner, studierte Philosophie und Jura im Reformierten Frankfurt an der Oder. Als ausgebildeter Anwalt kehrte er ins Lutherische Leipzig zurück. Als Anwalt verdiente er sein Geld, als Hochschulprofessor blieb ihm die Karriere versagt, denn er erteilte der religiösen Vormachtstellung eine Absage. Religion war Privatsache und hatte in der Politik nichts zu suchen.

Christian Thomasius_MLU Foto Markus Scholz
Das Porträt von Christian Thomasius schuf der Künstler Johann Christian Heinrich Sporleder (Öl auf Leinwand) 1754.  Das Original hängt in der Martin Luther-Universität in Halle an der Saale (Foto: Markus Scholz)

Nicht in schwarzem Talar, sondern in bunten Anzügen und mit Kavaliersdegen stand er vor seinen Studenten, heißt es. Er war der erste Gelehrte, der eine Vorlesungsankündigung auf Deutsch veröffentlichte, statt Latein, die Haussprache der Universitäten.

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1690 ließ sich Christian Thomasius in Halle nieder. Damals war Halles berühmtester Sohn, der Komponist Georg Friedrich Händel (s. Statue) fünf Jahre alt. Als er 17 Jahre alt war, besuchte Händel die Juristische Fakultät, vielleicht sogar die Vorlesungen bei Christian Thomasius. Zeugnisse gibt es nicht. (Foto: CF)

In Leipzig veröffentlichte Christian Thomasius die Monatsgespräche, ein satirisches Journal auf Deutsch, Schertz- und Ernsthaffte/ vernünfftige und einfältige Gedancken/ über allerhand Lustige und Nützliche Bücher. Einige Gelehrte erkannten sich wieder und verklagten den Autoren. Christian Thomasius erhielt Vorlesungs- und Publikationsverbot. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh er nach Halle, das dem Brandenburgischen Kurfürsten unterstand.

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Das Ärztehaus Mitte, ein Haus mit einer wechselvollen Geschichte: 1532 wurde der Renaissancebau errichtet. (Foto: CF)

Der Bau war Wohnhaus und Gasthof. Matthias Hambrock und Martin Kühnel fanden heraus, dass Christian Thomasius in diesem Gebäude zur Miete lebte, bevor sich der Jurist ein eigenes Haus kaufte. Im 19. Jahrhundert gab es hier Konzertveranstaltungen und Ausstellungen. Im Ersten Weltkrieg diente das Haus als Lazarett, bevor es zur Poliklinik umgebaut wurde. Zu DDR-Zeiten wurden politisch anders denkende Frauen grausam misshandelt. Jetzt sollen hier Eigentumswohnungen entstehen.

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Blick durch einen Spalt der verrammelten Fenster (Foto: CF)
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An der Stelle des Kaufhauses (re.) stand das Haus des Juristen Christian Thomasius und seiner Familie. Im Haushalt lebten auch Studenten. Es gab eine Bibliothek mit rund 4000 Bänden und einen Hörsal. (Foto: CF)

In Halle eröffnete Christian Thomasius eine Ein-Mann-Universität, hielt Vorlesungen in der Ratswaage auf dem Marktplatz. Unermüdlich warb er um die Eröffnung einer Universität in Halle. 1694 war es endlich soweit. Im nicht mehr existenten Waagegebäude wurde die Friedrichs-Universität gegründet, benannt nach dem Landesvater Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg.

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Modell der Ratswaage, die bis 1945 an der Ostseite des Marktplatzes in Halle stand. Eine Bombe zerstörte das Gebäude.  (Foto: CF)

Am 23. September 1728 starb Christian Thomasius in Halle. Das ZeitZeichen erinnert an einen bis heute kontrovers diskutierten Pionier der Aufklärung.

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Grabbogen Nummer 10: Auf dem Medaillon ist Christian Thomasius zu sehen. (Foto: CF)

Zu empfehlen ist die kritische Briefedition, die Frank Grunert, Matthias Hambrock und Martin Kühnel herausgeben. Die Korrespondenz gibt einen Einblick in die Sprache und das Denken des ungewöhnlichen Barockgelehrten Christian Thomasius.

Christian Thomasius: Briefwechsel. Historisch-kritische Edition, Bd. 1: 1679–1692. (HG) Frank Grunert, Matthias Hambrock und Martin Kühnel unter Mitarb. von Andrea Thiele. Berlin/Boston 2017

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Ein Angler sitzt an einem Nebenarm der Saale in Halle: Aus vier Brunnen wurde die Sole gewonnen, mit der die Stadt ihren Reichtum begründete. In Fachwerkhäusern siedeten die Halloren das berühmte Salz. Handelsschiffe trugen das Siedesalz auf dem Wasserweg über die Stadtgrenzen hinaus. (Foto: CF)

Bibliothek des IZEA auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen

0611 Halle an der Saale

Franckeplatz 1, Haus 54

Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Frühaufklärung

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Christian Thomasius-Büste im Löwengebäude in der Universität in Halle an der Saale (Foto: CF)

Ping-Pong auf dem Tischtennis-Tisch

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Omar Assar: Borussia Düsseldorf, Bundesligist, ägyptischer Nationalspieler, 17. der Weltrangliste © CF

Abserviert

SWR 2 Matinee über Tische

23.9.2018 (9-12 Uhr)

Meine Miniatur läuft gegen 11 Uhr

Link zum Audio über den Tisch der kleinen Bälle.

Er räumt gerne Tische ab: Omar Assar. Der ägyptische Nationalspieler kehrt nichts unter den Tisch, er legt die Dinge knallhart auf die Platte. Auch schiebt er keine ruhige Kugel, sondern schmettert, dreht und serviert seinem Gegenüber schwere Kost. Zur Zeit belegt er Platz 17 auf der Weltrangliste und spielt beim erfolgreichen Tischtennisteam von Borussia Düsseldorf.

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Den Sport entwickelte ein britischer Major, Mitte des 19. Jahrhunderts. Anfangs war es ein Spiel für die Oberschicht, später entwickelte sich Tischtennis zum Volkssport.

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Regeln, Kunststoffbälle und genormte Platten machten aus dem Volkssport eine Wettkampfdisziplin.

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Als eins der erfolgreichsten Länder gilt China. “Stell Dir vor, der Tischtennisball sei der Kopf deines kapitalistischen Feindes. Schlag ihn mit deinem sozialistischen Schläger, und du hast einen Punkt für Dein Vaterland gemacht.”Das schrieb Mao Tse-tung, Chinas, er erklärte Tischtennis zum Nationalsport Chinas.

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Auf Ping folgt Pong.

In der Zeit der Kulturrevolution (1966) fiel Tischtennis in Ungnade. Erst 1971 traten Chinas Spieler wieder an den WM-Tisch. Danach gab es kein Halten mehr.

Omar Assar begleiten die Tischtennis-Tische von Kindesbeinen an. Wir trafen uns im Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf und tischten auf.

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Borussia Düsseldorf

Borussia Düsseldorf (Tischtennis)

Ernst-Poensgen-Allee 58

40629 Düsseldorf

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Omar Assar und Luca Scherello © CF

 

Kulturgeschichte der Glocken

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Bienenkorbglocken im Glockenspiel: Begleitinstrumente der Gregorianischen Gesänge im Kloster © CF

Der Guss der Harmonie

WDR 3, Kultur am Mittag

18. September, 12 Uhr

Zum Audio über die Kulturgeschichte der Glocken

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Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock (auch Titelbild) in GescherUm 1690 zog Jean Francois Petit, Spross einer Glockengießerfamilie aus Lothringen, ins Münsterland und blieb, des guten Lehms wegen. Seither werden in Gescher Glocken gegossen. Zu sehen ist das Herz der Gießerei, die Glockenstube. An der Stirnseite steht der 100 Jahre alte Schmelzofen. 15 Meter hoch, 10 Meter breit, fünf Meter tief. © CF

Glocken faszinieren seit Jahrtausenden die Menschen rund um den Globus. Aus dem antiken China kamen sie über Arabien, Israel, Byzanz nach Westrom.

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Glockenturm in Dimitsana in Arkadien (Peloponnes, Griechenland) © CF

Jede Glocke ist einzigartig in Form, Klang und Funktion. Sie warnt, mahnt, musiziert. Die Klangkörper erzeugen Gefühle zwischen schön und schaurig.

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Schiffsglocke © CF

Glocken begleiten die christliche Kirche seit ihren Anfängen. Spätestens, seit Karl der Große Kirchen und Klöstern empfahl, Glocken zu gießen, gehören sie in die christlichen Dachstühle. Glocken sind ein Kompass im Alltag. Ihr Klang definiert Zeit und Raum.

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Sechs Türme und zwölf Glocken: Die Benediktinerabtei Maria Laach © CF

In den Klosterkirchen erlebt der Gregorianische Choral eine ungebrochene Tradition. Ohne diese Gesänge gäbe es keinen Beethoven, keinen Mozart, keine Beatles. 1200 Jahre nach ihrer Blütezeit feiert die mittelalterliche Kunst Comeback. In Choralscholen werden sie gesungen.

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Meisterin der Glocken und des Gesangs: Maria Jonas (Trobairitz, Leiterin der FrauenscholaArs Choralis Coeln.© CF

Zehn Bronzeglocken erzeugen Töne, gemäß der Pythagoreischen Stimmung. Dem antiken Ordnungsprinzip folgte die Musik des Abendlandes bis zum 16. Jahrhundert. Eine Hilfe zum Einsingen.

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Eine Stunde dauert die Schmelze in einem Tiegel aus Graphit. 160 Kilo Bronze brodeln im Topf. Am Ende beträgt die Temperatur rund 1200 Grad Celsius. © CF

In der Bundesrepublik existieren noch sechs Glockengießereien, unter anderem die Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher. Ich blieb einen Tag und erlebte einen Bruchteil der Arbeitsschritte, die nötig sind, um eine Glocke herzustellen.

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Mit Sicht- und Wärmeschutz nähern sich die Arbeiter der 1200 Grad heißen Suppe. Mit einer eisernen Haltervorrichtung kippen sie den Schmelztiegel in eine der beiden Öffnungen der Stahlform. Die Bronze fließt über in den steinharten Formsand eingeritzte Gießkanäle in den Hohlraum zwischen Mantel und Kern. © CF

Das Handwerk braucht vor allem eins: Zeit. Am Schluss werden die Glocken abgehört. Mit Stimmgabel und einem absoluten Gehör studieren die Prüfer Unterton, Prime, Mollterz, Quinte, das heißt, sämtliche Teiltöne, die den Klang der Glocke bestimmen.

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Der Elektriker, Glockenprüfer und Musiker Wolfgang Nieland testet die Glocken.  (© CF)

Das hat es noch nie gegeben, dass europaweit gemeinsam Glocken läuten. Am 21. September (18 bis 18.15 Uhr) werden mehr als tausend Instrumente über Ländergrenzen hinweg zeitgleich in sakralen und säkularen Dachstühlen schwingen und den Klang verbreiten, der Europa fast zwei Jahrtausende lang prägte.

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St. Paulus Dom in Münster © CF

Petit & Gebrüder Edelbrock

Glocken- und Kunstguss-Manufaktur

Hauptstraße 5

48712 Gescher

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Glockengießerei in Gescher © CF

Westfälisches Glockenmuseum Gescher

Lindenstraße 2, 48712 Gescher

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Die Trobairitz Maria Jonas mit Stefan Klöckner (Leiter des Instituts für Gregorianik) an der Folkwang Universität der Künste in Essen. © CF

Maria Jonas (Leiterin der Frauenschola „Ars Coralis Coeln“)

Neue CD

Hildegard von Bingen. Ordo Virtutum. Die Ordnung der Kräfte.

Leitung: Maria Jonas. Raumklang. RK 3701. LC05068. Schloss Goseck 2018

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Kölner Dom und St. Martin (re.) © CF

Europäisches Glockenhappening

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Der Kölner Dom läutet mit © Drohne über CF

Europa läutet

17. September 2018

WDR 3, Kultur am Mittag

12 Uhr

Gespräch mit Matthias Wemhoff

Prof. Dr. Matthias Wemhoff © Staatliche Museen zu Berlin-Foto- Achim Kleuker
Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Vorsitzender des Nationalen Programmbeirates für das Kulturerbejahr 2018, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin © Staatliche Museen zu Berlin-Foto- Achim Kleuker

In ganz Europa läuten Glocken. Am 21. September werden mehr als tausend Instrumente über Ländergrenzen hinweg zeitgleich in ihren Dachstühlen schwingen und den Klang verbreiten, der Europa fast zwei Jahrtausende lang prägte.

Glockengußgrube in Dülmen © Jentgens & Partner Archäologie-R. Machhaus
Rarer Fund (2015/ 2016) aus der Karolingerzeit (8. Jahrhundert): Die Glockengussgrube in Dülmen gilt als eine der ältesten in Europa. Sie ist ein Zeugnis für die Christianisierung Westfalens. Das Foto stammt aus dem Begleitband der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ in Berlin © Jentgens & Partner Archäologie/R. Machhaus

Kultur am Mittag widmet den Glocken eine fünfteilige Reihe. Beim ersten Glockenschlag ist der Mittelalterarchäologe Matthias Wemhoff zu Gast.

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In der 12. Generation entstehen in der Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher Glocken (s. Titelbild). Eine Familientradition, die 1690 begann. © CF

Gemeinsames Läuten von sakralen und säkularen Glocken

21.9. Weltfriedenstag

18 bis 18.15 Uhr

Zeichen für den Frieden

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Kapelle auf dem Stadtgottesacker in Halle an der Saale © CF

Katalog zur Ausstellung Bewegte Zeiten

Wemhoff, Matthias/ Rind, Michael M. (Hg.): Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Michael Imhof Verlag. Petersberg 2018

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Katholische Pfarrkirche St. Baptist in Borgentreich (Westfalen) © CF

Link zur Ausstellung „Bewegte Zeiten“

21.9.2018 bis 6.1.2019

Martin Gropius Bau

Niederkirchnerstr. 7

10963 Berlin

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St. Pieters Church in Utrecht (NL) © CF

Europäisches Kulturerbejahr 2018

Europäisches Kulturerbejahr 2018 „Sharing Heritage“

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Kloster Arenberg © CF

Papier – Objekt und Medium

Seiten mit Sinn

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Pop Up Papier. Feine Dinge aus und auf Papier heißt der Laden, den Nicola von Velsen in den Räumen der Manufaktur des Buchbinders und Prägers Dirk Jachimsky unterhält. Blumenvasen aus Papier gehören zu den Fundstücken, die die Lektoren und Buchautorin präsentiert. © CF

WDR 5, Scala Schwerpunkt

10. September, 14 Uhr, (21 Uhr: Wiederholung)

Link zum Audio meines Features über Papier

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Wenn Papier Blüten treibt: Nicola von Velsen hängt selbst gefertigte Blumen in ihren Papierladen Pop Up Papier. Auch die Girlanden aus den Fasern von Maulbeerbäumen (s. Titelbild) zieren eines der Schaufenster. © CF

Papier ist ein Medium, ist Träger von Informationen, Gefühlen, Literatur. Vom kostbaren Gut wandelte es sich zur Massenware. Seine Herstellung war ein Handwerk, später eine Industrie. eReader und Touchscreens sind die Medien der Zeit, Papier wiederum der Baustoff der Zukunft.

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Nachbarn: Das neue Papiermuseum Düren und der Kubus an der Rückseite des Leopold-Hösch-Museums © CF

Papier liegt eine Jahrtausende alte Kulturtechnik zugrunde, die die Menschheit revolutioniert hat.

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Schweres Gerät für zarte Bögen: Die 500 Kilo schwere Papierpresse wird gerade auf die Wertschöpfungsinsel montiert. In diesem Raum werden künftig die Gäste selbst Papier herstellen. © CF

Um Papier dreht sich auch eine Neuerscheinung aus dem Prestel Verlag. Titel: Papier. Material, Medium und Faszination. Mitherausgeberin ist Nicola von Velsen, Lektorin und Inhaberin des Papierladen POP UP Papier. Feine Dinge aus und auf Papier.

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Offenlegung: Die Macher_innen des Papierbuches verzichten auf einen Buchrücken und geben den Blick auf die Fadenheftung frei. © CF

Das Papier-Buch ist ein buchbinderisches Kleinod. Fadenheftung, edler Pappeinband, unterschiedliche Papiersorten, ein Füllhorn an Informationen, Bildern, Farben, Typographien und Randnotizen.

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Das Papiermuseum. Der Um- und Neubau entstand nach den Entwürfen des Architekten Klaus Hollenbeck. © CF

Der Neubau des Papiermuseums in Düren wirkt wie ein gefaltetes Objekt in Weiß, eine Art Origami.

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Eine schmale, schwarze Fuge umläuft das weiß verputzte Museum. Ein architektonisches Detail, das den Eindruck erwecken soll, als ließe sich die Skulptur einfach wegpusten. © CF

Im Schatten des Leopold-Hoesch-Museums schuf der Kölner Architekt Klaus Hollenbeck eine Bühne für die Stars des Papiermuseums in Düren. Dürener Papier trägt Texte wie das Grundgesetz oder die Urkunde zur Deutschen Einheit. Doch ist Papier noch tragbar? Eine Frage, die unter anderem im Papiermuseum Düren diskutiert wird.

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Der Architekt Klaus Hollenbeck steht vor der Fassade. Das erhabene Muster ist ein Zitat auf die Wasserzeichen in Büttenpapieren. © CF

Ist Papier endgültig reif fürs Museum? Ja und nein. Jedes Blatt hat mehr als zwei Seiten. Ein Feature zum Blättern.

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Schräge Linien, klarer Blick: Die Paperwork-Lounge im Papiermuseum in Düren © CF

Adressen

Papiermuseum Düren

Wallstr. 2-8. 52349 Düren

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© CF

Pop Up Papier. Feine Dinge auf und aus Papier

Inhaberin: Nicola von Velsen

(in den Räumlichkeiten der Buchbinderei und Prägerei Edmund Schäfer

Inhaber: Dirk Jachimsky)

Maastrichter Str. 24. 50672 Köln

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Montage der Bibliothek im Papiermuseum Düren © CF

Buch

Holt, Neil/ Velsen von, Nicola (Hg.): Papier. Material, Medium und Faszinosum. Prestel Verlag. München London New York 2018

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