Secret Sounds I

Klangstories aus sechs Orten in NRW

SOUNDSTÜCK 1: WATER

Dame im Bach. Frisches Brot und alte Geschichte

TonArt, 27. Juni 2022, 15-17 Uhr

Link zum Podcast (nach der Sendung)

© CF

Sechs Klangminiaturen erzählen von besonderen Orten in NRW. Mit Sound, Stimmen und Stimmung skizzieren die Reportagen konkrete Räume, ohne sie jedoch exakt zu benennen. Des Rätsels Lösung liegt in den Montagen und versteckten Hinweisen. 

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TonArt macht sich auf den Weg und das Radiovolk ist ganz Ohr. Secret Sounds I begibt sich in den Süden von NRW. 

© CF

Burg Satzvey

SWR 2 Matinee am 12.6. 2022, 9 bis 13 Uhr, Thema Burgen

Link zum Podcast

Spiegelung von Burg Satzvey im Weiher
Burg Satzvey, eine Perle unter den Wasserburgen im Rheinland © CF

Burgen stehen auf hohen Felsen oder verwunschenen Inseln. Burgen haben dicke Mauern und kleine Fenster. Burgen bergen Geheimnisse und Gespenster.

Burgen sind Architekturen der Macht. Burgen kosten. Wer weder in den Verkauf noch in den Ruin getrieben werden will, muss sich was einfallen lassen. Auf dem Immobilienmarkt stehen Burgen hoch im Kurs.

Archäologin Anna, gespielt von Patricia Gräfin Beissel, macht mit ihrem Kollegen Tobi einen mysteriösen Fund. Noch sind sie in der Jetztzeit vor der Kulisse der Burg Satzvey.
Immortalis: Patricia Gräfin Beissel (li.) alias Archäologin Anna mit ihrem Kollegen Tobi © CF

Diskret und in aller Stille verkaufen Adlige ihre Besitztümer, zu 90% an Kaufinteressierte in Deutschland, vornehmlich an Unternehmen. Vor allem die horrenden Heizkosten schlagen zu Buche. Nicht alle können ihren Bau mit Land- oder Forstwirtschaft finanzieren. Gefragt sind Gefragt sind kreative Geister, um nicht rote Zahlen zu schreiben.

Ein Mann in Mittelalterkostüm schwenkt die Fahne
Der Fahnenschwenker auf dem neuen Turnierplatz. Das alte Oval wurde von der Flut weggespült © CF

Ein Kleinod an Wehrhaftigkeit steht am Rand der Eifel, die Burg Satzvey. Erhaltung durch Unterhaltung lautet das Motto der Familie.

Zweikampf mit Schwert vor der Burg Satzvey
Ritter kämpfen wie im frühen Mittelalter, als Turniere das Fernsehen der Zeit waren © CF

Der Hausherr hat eine Idee, setzt sie um und leistet damit Pionierarbeit. 1981 veranstaltet Franz Josef Graf Beissel von Gymnich junior auf dem Burggelände die ersten Ritterfestspiele.

Portrait der jungen Gräfin
Patricia Gräfin Beissel von Gymnich © CF

Inzwischen hat Tochter Patricia Gräfin Beissel das Konzept „geerbt“ und feilt stets an neuen Formaten.

Feuerinseln brennen auf dem Sand, ein Ritter läuft durch den Rauch
Immortalis, die das Ritterfest 2022 © CF

Die Kulisse bildet Burg Satzvey, ein stolzer Bau, der auf einer Insel im Weiher steht, den die Vey durchströmt. Die ältesten architektonischen Elemente stammen aus der Zeit um 1400. Seit vielen Jahrhunderten ist die Burg in Familienbesitz.

Ein Ritter mit Feuerspeer in der Hand reitet im Galopp
Ritter mit Feuerspeer © CF

Mit Immortalis feiern die Ritter der Burg Satzvey und eine Ritterin ein weiteres Spektakel, nach zwei Jahren Pause. Erst kam Corona, dann die Flut und schließlich der Krieg.

Patricia Gräfin Beissel reitet auf ihrem Pferd
Patricia Gräfin Beissel selbst arbeitet als Stuntreiterin © CF

Jetzt setzen die Akteur:innen ein Zeichen für Freude und Frieden, wagen den Neuanfang. Vor großen Leinenzelten lagert die Ritterschaft.

Auf dem Mittelaltermarkt zeigen Zünfte ihre Handwerkskünste, verkaufen Händler:innen Honig, Kerzen, Edelsteine.

Ein Alchemist trägt einen Flakon mit giftgrünem Elixier
Alchemist mit aufbereitetem Blut des Drachen Nessi aus dem schottischen Loch Ness © CF

Auf dem Burgplatz gibt’s Eis. Im Westen der Burg, dem neogotischen Gebäudeensemble steht die Bühne der Gaukler:innen und Spielleute.

Zwei Männer in bunter Kleidung und mit Mandolinen singen auf einer Bühne
Spielleute der Gruppe Spectaculatius © CF

Grinsegreis der Schalk und Lumpenmichel schmettern Gassenhauer über die Minne, das Leben, Glück und Geld. 

Frau, Mann, Sohn mit Schild vor dem Gesicht in MIttelaltertrachten
Ritterfamilie © CF

Und in der Burgbäckerei treffen sie sich alle, Händler:innen, Ritter:innen, das Publikum.

Teddy Schmitz steht in der fensterlosen Backstube. An den Wände: Regale mit Blechen, Pfannen
Teddy Schmitz in seiner Backstube an der Burg © CF

Teddy Schmitz, der blinde Bäckermeister, „ist die Seele“ der Burg, sagt Patricia Gräfin Beissel. Mit ihr treffe ich mich auf einen Kaffee im Gastraum der Bäckerei.

Gräfin Beissel sitzt im rustikalen Raum der Backstube
Im Gastraum der Backstube © CF

Burg Satzvey

Eventlocation am Rand der Eifel in Mechernich

Immortalis: Ritterfestspiele Herbst 2022 

Ritter und Ritterinnen reiten auf ihren geschmückten Pferden auf dem Sandplatz in einer Reihe
© CF

Die Ritter der Burg Satzvey

Immortalis: 3.,4.,10.,11. September 2022

Junge Frau mit Weidenkorb voller frisch gebackener Brezel
Brezelverkäuferin am Eingang zum Turnierplatz © CF

Emotion Pferd

Kurse, Seminare, Pferde und mehr

Frau schüttet Krug Wasser in Gesicht von einem Ritter
© CF

Patricia Gräfin Beissel

Konzepte & Entertainment

Teddy Schmitz und seine Frau stehen an der Theke, halten sich an den Armen und lachen
Bäckermeister Teddy Schmitz ist glücklich verheiratet mit einem Drachen: Er ist ihr Hofnarr, sie ist sein Drachen. „Drachen sind wunderbare Geschöpfe“. © CF

Burgbäckerei & Wanderreitstation zu Satzvey

Inhaber: Teddy Schmitz

Gräfin Beissel reitet winkend über den Turnierplatz, Rückenansicht
© CF

Paintbucket Games

Spiele mit Geschichte

WDR 5, Scala am 10. Juni 2022

Link zum Podcast (bis 10.6.2023)

Eine stilisierte Karte zeigt Berlin, auf denen Orte einzeichnet sind, die die Missionen zeigen
Berlin Karte: Orte der Missionen © Paintbucket Game

Erinnerungskultur und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, darum geht es in den Spielen von Paintbucket Games.

Paintbucket Games

2020 veröffentlicht das Team des Berliner Indie-Labels Through the darkest of times. In dem Strategiespiel schlüpfen wir in die Rolle einer Figur, die den Widerstand im nationalsozialistischen Berlin organisiert.

The darkest Files: Die Staatsanwältin in ihrem Büro © Paintbucket Games

Jetzt entsteht mit The darkest Files ein neues Game. Wir verkörpern eine junge Staatsanwältin im Nachkriegsdeutschland, die versucht, Nazis auf die Anklagebank zu bringen. Sie sichtet Akten, sucht Täter:innen, führt Verhöre und stellt die Angeklagten vor Gericht.

Das Foto zeigt ein Portrait der Lead Designerin Mona Brandt. Sie sitzt in einem Zimmer und schaut direkt in die Kamera.
Mona Brandt (Lead Designerin bei Paintbucket Games) © Privat

Erinnerung als Unterhaltung. Damit leistet Paintbucket Games Pionierarbeit. Ich sprach mit der Spieleentwicklerin Mona Brandt.

Paintbucket Games

Ziel ist es, die Widerstandsgruppe bis 1945 aufrechtzuerhalten © Paintbucket Games

Sensation des Sehens

Sammlung Nekes im Wallraf-Richartz-Museum

WDR 3, Mosaik, Live-Talk am 3.6.2022

Link zum Gespräch

Im Wallraf-Richartz-Museum in Köln wandelt sich der Fenstersaal der Barockabteilung in eine Wunderkammer. In der Renaissance sind diese Räume voll Kunst, Kuriosem und Kitsch. Sie beherbergen Volkskunst, Fundstücke aus der Natur, High Art, Gemälde, technische Innovationen, Preziosen…

In dieser Wunderkammer steht ein überdimensioniertes Zoetrop (siehe Titelbild), so genannte Wundertrommeln, die im 19. Jahrhundert der Renner waren. Das Publikum schaut durch die Schlitze und sieht ein bewegtes Bild, was sich eigentlich gar nicht bewegt. Wer hier durch die Schlitze schaut, erlebt ein wahres Wunder bzw. Augmented Reality aus der Epoche des Barock.

Blick durch den Schlitz führt in eine andere Welt. © CF

In dem begehbaren Zoetrop stehen ausgewählte Raritäten aus der Nekes-Sammlung (siehe BLOG-Einträge vom 28.12.2020 und vom 6.1.2021), einer einzigartigen Kollektion von rund 25 000 Objekten aus rund vier Jahrhunderten. All diese Zauberlaternen, Leuchttafeln, Guckkästen, optische Instrumente sind Monumente und Dokumente der Kulturgeschichte des Sehens.

Feuerwerk mit Drachen (um 1700): Durch den perforierten und farbig hinterlegten Karton dringt Licht © CF

Camera Obscura, Perspektivtheater, Tischfeuerwerke treten in den Dialog mit Gemälden aus der frühen Neuzeit, einer Zeit, als Sehen zur Unterhaltung, zur Sensation wird. Barockfeuerwerke sind das Fernsehen jener Zeit. Das 17. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Optik. Linsen und Prismen werden verbessert und damit entstehen erste Fernrohre und Mikroskope.

Die Malerei spielt mit Licht, Perspektiven, Material. Stillleben sind IN, überraschen mit ihren Trump l’œil – Augenbetrügereien. Es geht um die Spannung von Realität und Schein, um die Illusion von Bewegung.

Anja Sevcik vor dem Bildnis eines unbekannten Künstlers (Öl auf Kalksinter) © CF

Auf einem Gemälde ist der römische Diakon Laurentius zu sehen, der auf dem Feuerrost gemartert wird. Die Szene ist auf Stein gemalt. Die Peiniger schüren die Glut. Genau an dieser Stelle ist der Stein dünner. Wird die Tafel hinterleuchtet von einer Kerze oder wie in dem Falle einem flackernden LED-Licht, fangen die gemalten Flammen an zu züngeln. Ein Animé a la Barock.

Frans Francken: Der Sturz des Phaethon (Öl auf Kupfer) © CF

In der Ausstellung ist auch zum ersten Mal der ersteigerter Neuerwerb zu sehen, ein Frühwerk von Frans Francken dem Jüngeren, einem berühmten flämischen Maler aus einer Antwerpener Malerdynastie. Er ist bekannt für seine kleinformatigen Tafelbilder. Das Bildnis zeigt den Sturz des Phaeton, gemalt mit Öl auf Kupfer.

Die Ausstellung ist der erste Teil einer Trilogie. Sie wird kuratiert von Peter Marx, dem Direktor der Theaterwissenschaftlichen Sammlung, und von Anja Sevcik, der Leiterin der Barockabteilung des Wallraf-Richartz-Museums. Sensation des Sehens ist gleichermaßen Magie und Erkenntnis, wunderlich und wirklich.

Sensation des Sehens. Die Sammlung Nekes. Vol. 1

bis 23. April 2023

Kurator:in: Peter Marx und Anja Sevcik

Begleitheft zur Ausstellung

Wallraf-Richartz-Museum in Kooperation mit der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln mit Objekten aus der Sammlung Werner Nekes / Miteigentümer: Universität zu Köln/DFF/ Filmmuseum Potsdam 

Wallraf-Richartz-Museum (Hg.) 

Idee: Marcus Dekiert, Roland Krischel, Peter W. Marx
Konzeption und Texte: Anja K. Sevcik, Peter W. Marx 

Der heimliche Blick © CF

Diversity im Spielzimmer

Spiele und Spielzeug, die Flagge zeigen

31. Mai 2022, WDR 5 Neugier Genügt, 10 Uhr

Link zum Podcast (bis 30.5.2023)

Puppe mit Downsyndrom, rund 30 Zentimeter groß, schwarz und behindert.
Puppe mit Downsyndrom © CF

TRUMPF MIT PROTHESE

Puppe mit Hautkrankheit? Schwarze Paperdolls? Keine Barbie? Doch, im Rollstuhl. Diversity ist das Zauberwort. Da sind zum Beispiel Puppen, die sich in der Physiognomie ähneln mit zumeist Lidfalten, die nach außen schräg ansteigen. Sie repräsentieren Kinder mit Downsyndrom, einem angeborenen Gendefekt (Trisomie 21). Sprachtherapeutin Katerina Katsatou und die Spielzeugforscher:innen Volker Mehringer und Wiebke Waburg begrüßen den Trend. Vielfalt fegt Vorurteile aus den Köpfen, sagt die Forschung.

Seit gut 20 Jahren geistert Diversity durch die bundesrepublikanische Gesellschaft. Große Konzerne, kleine Firmen schreiben sich Vielfalt auf die Fahnen. Auch in Spielzimmern ist Diversity der Joker. Allerdings legt ihn die Spielzeugindustrie nur zögerlich auf den Tisch. Es besteht kein Zweifel daran, dass Spielmaterialen helfen, die Welt zu begreifen.

© CF

Seit Jahrtausenden fallen Würfel, wird Dame gespielt, Mühle, Schach. Schafft es ein Bauer auf die gegnerische Seite, aufs magische, achte Feld, wandelt er sich bei Bedarf in eine Königin. Sie ist schön, stark, Transgender. Doch die Macht liegt in den Händen eines Mannes. Fällt der König, ist das Spiel aus, auch für die Queen. Die Hierarchien sind klar gesetzt. 

Rolemodels: Finn (li) Drachenflieger, und Sammi (Schulreporter) © CF

Doch das Blatt wendet sich. Junge Verlage und Spieledesigner:innen kreieren Puppen, die spielerisch und phantasievoll Gender, Rassismus, Diskriminierung aufs Korn nehmen. Da sind Figuren mit Blindenstock, schwarze Großeltern, Puppen jenseits von Blau und Rosa. 

Kids‘ voices matter: Klimakativistin Meg © CF

Da ist Meg. African American. Neun Jahre alt. Schwarzes Haar. Shorts, Megafon, Plakat. Das Vorbild ist Mari Copeny (*2007), eine blutjunge Klimaaktivistin aus Michigan, die mit acht Jahren begann, gegen Wasserverschmutzung zu kämpfen. 2044 will, nein, wird sie ins Weiße Haus einzuziehen, als Präsidentin. Denn sie kann werden, was sie will. 

Yalda Kouhi Anbaran (Spieleentwicklerin) © Privat

Ich kann werden, was ich will heißt das Berufe-Memory-Spiel von Yalda Kouhi Anbaran. Geboren im Iran, am Kaspischen Meer, studiert sie in Karadsch, 40 km westlich von Teheran, Elektrotechnik, lernt ihren späteren Mann kennen und migriert mit ihm nach Deutschland. In einer Firma für Antriebe und Batterie-Systeme für Züge ist die Elektrotechnik-Ingenieurin Teamleiterin. In ihrer Schwangerschaft und Elternzeit entwickelte sie das Memory. Der Zeichner Maneis stammt ebenfalls aus dem Iran. 

Memory Ich kann werden, was ich will © CF

Die Bild-Paare zeigen unterschiedliche Menschen im gleichen Beruf. De schwangere Ingenieurin (Karte in Bildmitte) zeigt die Spieleentwicklerin selbst. Das Mathematikpaar vor der Tafel zeigt zwei Menschen, die es so wirklich gibt. Sie zeigen die iranische Wissenschaftlerin Maryam Mirzakhani (Karte li u.) und ihren Kollegen aus Bonn Peter Scholze (Karte li über Frau mit kurzen schwarzen Haaren). Beide erhielten die höchste Mathematikauszeichnung, die Fields-Medaille. Maryam Mirzakhani ist 2017 mit nur 40 Jahren gestorben. Geschichten, die den Bildern eingeschrieben sind, die erzählt werden können, aber nicht zwingend erzählt werden müssen. 

Spielerinnen holen die Karten aus dem Karton der kleinen Firma Spielköpfe
Altes Spiel, neue Bilder: Das Romméblatt der Spielköpfe aus Kiel © CF

Die Karten werden neu gemischt. Jana und Sam gründen die Spielköpfe, engagieren Künstler:innen, Rommékarten & Co. ein anderes Image zu verpassen. Schluss mit den immer weißen Buben, Damen, Königen und den immer männlichen Spitzenpositionen. Wir sehen diverse Köpfe, Männer, Frauen, uneindeutig. Einige tragen Prothesen, so auch die Entwürfe von Amie Savage.

Mundmalerin Amie Savage liegt auf dem Bett, vor ihr das Zeichenpad, auf dem sie mit dem Stift drüber fährt. Die Bewegungen werden auf den Computer übertragen.
Amie Savage (Künstlerin, Mundmalerin) © CF

„Ich bin Schwarz und behindert.“ Ihre Bilder malt Amie Savage mit dem Mund, unter anderem die Ikonen auf dem Romméblatt. Auch für das neue Projekt von Spielköpfe wurde Amie Savage engagiert, diverse Kicker:innen-Figuren. 

Im Innern von Diversity is us: Regale bis unter die Decke mit Puppen und Spielen, ein gemütlicher Sessel am Fenster, der Schreibtisch im Vordergrund.
Diversity is us: Spezialgeschäft in Niederkassel © CF

Wer mehr Vielfalt in den Spielzimmern haben will, wird ganz sich nicht in den Mainstream-Läden fündig. Das Memory, die Spielkarten, die Figuren wie Meg, Puppen mit Behinderung gibt es in einem Spezialgeschäft in Niederkassel zwischen Köln und Bonn. Diversity is us, wurde von Oda Stockmann geründet.

Oda Stockmann sitzt auf einer hellblauen Bank vor dem Schaufenster des Spielzeug- und Spielegeschäfts in Niederkassel. An der Tür steht eine Dropflag, auf der die Ladeninhaberin zu sehen ist, als stilisierte Figur
Oda Stockmann vor ihrer Wunderkammer. © CF

Oda Stockmann ist Diversity-Beraterin und Sensitivity-Readerin. Seit 2017 betreibt sie einen Onlineshop für Geschenkartikel, Spiele und Bücher und seit 2021 das Ladenlokal in Niederkassel; und sie sucht weltweit nach Spielmaterialien, die vielfältig sind, Spaß machen und ganz nebenbei zu denken geben.

Dreigeteilte Figuren, deren Teile per Magnet beweglich sind. Ein Kopf mit Bart kann auf einen Körper mit Bluse geklickt werden
My Familybuilders: Per Magnet Gestalten ändern und Familien bauen © CF

Themen wie Gender, Rassismus, Diskriminierung werden spielend in die Tasche gesteckt, ohne große Worte zu verlieren. 

Bei Oda Stockmann habe ich ausgiebig gestöbert und gestaunt, zusammen mit meiner Partnerin. Als Sprachtherapeutin in einer inklusiven Kita hat sie den Shop für sich entdeckt. 

Mit den Wissenschaftler:innen Volker Mehringer und Wiebke Waburg sprach ich über die Bedeutung von mehr Vielfalt in den Spielzimmern, über das, wofür Spielzeug wichtig ist, über die Monokultur der Spielwarenindustrie.

Zwei Kartenspielerinnen spielen ihren Trumpf aus, klitschen Karten im wahrsten Sinne des Wortes
© CF

Mit einer wunderbaren Familie saßen wir am heimischen Tisch und haben gespielt. Mit zwei Freundinnen erpuzzelten wir einen ganzen Kontinent und testeten die Rommékarten. Ich habe verloren. Neues Spiel, neue Zukunft. 

Shop – Diversity is us

Inhaberin: Oda Stockmann

Oberstr. 34, 53859 Niederkassel

Memory- Ich kann werden, was ich will

Idee und Entiwicklung: Yalda Kouhi Anbaran/ Zeichnungen: Maneis Tehrani

Tischkicker mit diversen Figuren von den Spielköpfen
Kickerfigur 16 stammt von Amie Savage © CF

Karten und Kicker – Spielköpfe

Gründerinnen: Jana Fischer und Samantha Schwickert

Kuhnkestr. 6, 24118 Kiel

Portrait der Mundmalerin Amie Savage
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Amie Savage

Mundmalerin/ Zeichnerin für Spielköpfe

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Very Puzzled

den Kontinent Afrika per Puzzle entdecken

Entwickler: Patrick Adom

My Familybuilders

Per Magnetblöcke Köpfe verdrehen, Familien bauen, Stereotype aufbrechen

Happy Family Game: Quintett, das die Diversität feiert

Volker Mehringer

Akademischer Rat als Lehrkraft für besondere Aufgaben

Wiebke Waburg

Professorin (Institut für Pädagogik – Abteilung Pädagogik) 

Sozialpädagogische Forschung

Katerina Katsatou und Olaolu Fajembola (v. li.) sind im Ulla Hahn-Haus zu sehen
Im Ulla Hahn-Haus (Monheim): Sprachtherapeutin Katerina Katsatou (re.) zeigt die schwarze Heroine von Susann Bee, in einer Veranstaltung, in der Olaolu Fajembola (li.) aus ihrem Spiegelbestseller Gib mir mal die Hautfarbe liest.

Literatur

Mehringer, Volker/ Waburg, Wiebke (Hg.): Spielzeug, Spiele und Spielen. Aktuelle Studien und Konzepte. Springer Verlag. Wiesbaden 2020

Fajembola, Olaolu/ Niminde-Dundadengar, Tebogo: Gib mir mal die Hautfarbe. Mit Kindern über Rassismus sprechen. Beltz Verlag 2021

Bee, Susann: Zoey die Superheldin. Oh je, eine Spinne – Zoey the Superhero/ Oh No, a Spider: Bilingual English German

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Sebastian Münster

1552- 470. Todestag des Geographen und Hebraisten

Titelbild

Christoph Amberger: Der Kosmograph Sebastian Münster (1488-1552). © Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Jörg P. Anders

26.5.2022

WDR 5: 9.45 Uhr/ WDR 3: 17.45 Uhr

Der Link zum Podcast

Der Einhundert DMark-Schein war mehr als Geld wert. Die Banknote zierte das Portrait des Humanisten Sebastian Münster. Schwarzes Barrett auf weißen Haaren. Der Kragen bestickt, der Überrock mit Pelz belegt. Garantiert fälschungssicher. 

Sebastian Münster ist 64 Jahre alt, als das Portrait entsteht, ein Gemälde in Öl auf Lindenholz, gemalt von Christoph Amberger (siehe Titelbild). Wenige Zeit später starb er an den Folgen der Pest, am Morgen des 26. Mai 1552. Zu Lebzeiten hatte er sich vor allem als christlicher Hebraist einen Namen gemacht. Er rekonstruierte die Urtexte der Bibel, verfasste eine hebräische Grammatik und ein aramäisches Lexikon, übersetzte die Grammatik des jüdischen Hebraisten Elijah Levita (siehe Blogeintrag vom 13.2. 2019).

Holzschnitt von Ingelheim am Rhein aus dem Jahre 1540 mit Stadtmauer, Häusern und der Kaiserplatz Karls des Großen
Holzschnitt in der Cosmographia: Sebastian Münsters Geburtsort Ingelheim am Rhein. © Gemeinfrei

Mit Ende 50 stand Sebastian Münster im Zenit seiner Karriere, als er den Posten des Rektors an der Universität in Basel erhielt. In seiner knapp bemessenen Freizeit widmete er sich einem sechsbändigen Werk, für das er heute noch berühmt ist, der Cosmographia. 1544 erschien die erste Auflagere Beschreibung der ganzen Welt, mit vielen Illustrationen und Landkarten. 1552 erschien die Cosmographia auf Französisch. Im Mai desselben Jahres starb Sebastian Münster in Basel an den Folgen der Pest.

Über Sebastian Münster sprach ich mit dem Historiker Philip Hahn und mit der Theologin Melanie Lange. Es geht unter anderem um Münsters Europabild und seine höchst ambivalente Beziehung zum Judentum.

Der Schauspieler Thomas Anzenhofer liest aus der Kosmographie von Sebastian Münster und aus einem Brief von Elijah Levita an seinen christlichen Kollegen.

Der Historiker Philip Hahn vor einem Fachwerkhaus in Tübingen © Klaus Gimmler
Philip Hahn (Assistent im Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Tübingen) © Foto: Klaus Gimmler

LITERATUR

Hahn, Philip: Sebastian Münster (1488-1552) IN: Böttcher, Winfried (Hg.): Klassiker des Europäischen Denkens. Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte. Nomos Verlag Baden-Baden 1/ 2014. S. 123-130) 

Lange, Melanie: Ein Meilenstein der Hebraistik. Der „Sefer ha-Bachur“ Elia Levitas in Sebastian Münsters Übersetzung und Edition. Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig 2018

Farbholzschnitt der Deutschlandkarte aus dem Jahr 1540. Die Nordsee befindet sich im "heutigen" Süden
Germaniae Tabula (Basel 1540) von Sebastian Münster/ Holzschnittkarte. Die Karte ist noch nicht „genordet“, d.h. Süden ist oben und Norden ist unten. Das war zu dieser Zeit die übliche Darstellung © Gemeinfrei

Münster, Sebastian: Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum. In welcher begriffen Aller Völcker/ Herschafften/ Stetten/ und namhafftiger flecken/ herkomen.Sitten/ gebreüch/ ordnung/ glauben/ secten und hantierung/ durch die gantze welt/ und fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden/ unnd darin beschehen sey. Alles mit figuren und schönen landt taflen erklert/ und für augen gestelt. Getruckt zu Basel durch Henrichum Petri. Anno 1544 (M.D. XLiiii)

Montags im Museum

Red Dot Design Museum Essen

TITELBILD

Schweißerhelm im Schürerstand: Preisgekröntes Designobjekt der aktuellen Ausstellung

SWR Matinee am 15. Mai 2022 mit dem Thema Montag, 9 bis 12 Uhr

Link zum Podcast über Red Dot

Tabea Jakobs ist die Empfangskraft. Sie organisiert und betreut den Museumsshop. Gerade ist sie am Kaffee Kochen.
Tabea Jakobs, gelernte Buchhändlerin, betreut den Museumsshop © CF

Wer Museumsbesuche liebt, sollte niemals am Montag ins Museum wollen. Wer darauf beharrt, kriegt den Montagsblues. Denn an diesem Tag sind die Museen geschlossen, über Ländergrenzen hinweg.

Auf Linie gebracht und von Rostflocken befreit, die leise und stetig rieseln © CF

Auch im Red Dot Design Museum in Essen schafft es das Publikum nur bis zum Shop in der Eingangshalle. Zugegeben, die ist schon sehenswert genug.

Die Pressearbeiterin Astrid Ruta lehnt am Geländer eines der vielen Stege, die die Hallen miteinander verbinden. Auf der anderen Seite des Steges steht Museumsmanager Arne Draheim.
Pressearbeiterin Astrid Ruta steht mit Museumsmanager Arne Draheim im Industriedenkmal © CF

Einst ein Fabriktempel, heute Kulturkathedrale. Die weltweit größte Ausstellung zeitgenössischen Designs befindet sich in der Zeche Zollverein, genauer im Kesselhaus für Schacht XII. Das stillgelegte Steinkohlebergwerk gehört inzwischen zum UNESCO-Welterbe.

Das Kesselhaus, ein großer Ziegelbau, steht in der Zeche Zollverein und war bis 1986 die Energiezentrale für Schacht XII.
Das Kesselhaus, erbaut Ende der 1920er Jahre © CF

Bis Dezember 1986 wurde in dem Ziegelbau Dampf erzeugt. Der britische Architekt Sir Norman Foster baute die Energiezentrale in ein Industriedenkmal um.

Felix Utermann überprüft den Leuchtring an einer Dunstabzugshaube.
Ausstellungsmanager Felix Utermann prüft, ob die Dunstabzugshaube funktioniert © CF

Rund 2000 preisgekrönte Objekte dürfen in dem Ambiente begriffen, besetzt, betreten werden. Nur nicht montags. Da wird alles wieder in Linie und Form gebracht. Ich durfte rein.

Ein Mechaniker steht auf der elektrischen Arbeitsbühne, direkt unterm Dach des Museumsshops.
Ein Haustechniker steht auf dem Steiger und lässt sich 20 Meter in die Höhe fahren. © CF

Im Haus ist Betrieb. Es wird geputzt, zurecht gerückt, inspiziert und repariert.

Eine sieben Meter hohe Skulptur zeigt 6000 Blätter aus Transparentpapier, die an einem Stahlbaum hängen und bei jedem Luftzug rascheln
Communicationtree: 6000 Blätter aus Transparentpapier hängen frei an einem Stahlbaum © CF

Es gibt aber nicht nur Arbeiten, die den Montagen vorbehalten sind, sondern auch ein ganz spezieller Montagsklang. 

Arne Draheim steht auf einem weiteren Steg gegenüber von Kohlenbecken, die heute zum Industriedenkmal gehören
Museumsmanager Arne Draheim steht unweit der Loren mit Kohlen, ein Monument der Erinnerung an die Zeit, als in dem Haus Kohle verfeuert wurde, um mit dem Dampf Turbinen anzutreiben © CF

RED DOT DESIGN MUSEUM ESSEN

Gelsenkirchener Str. 181, 45309 Essen

MONTAGS GESCHLOSSEN

Am Montag im Museum: (v.li) (v. li) Arne Draheim (Museumsmanager), Fatima Dzaferi (Studentische Hilfskraft), Astrid Ruta (Pressearbeiterin), Felix Utermann (Ausstellungsmanager)
Blick durch die Holzstreben einer Lampe auf das legendäre Red Dot-Logo, ein rot weißer Ball
© CF

The Space between

Spiel mit KI

Vier Unis & eine Website

Freitag, der 13. 2022

WDR 5, Scala, 14 und 21 Uhr

Link zum Podcast (bis 13.5.2023)

Steampunk: eine virtuelle Séance mit Hannah Arendt, Ernst Bloch und Karl Jaspers © Interrobang
Philosophiermaschine der Performancegruppe Interrobang © Interrobang

Keine Genies! Keine Superhirne! Keine Hochbegabte! Keine messbare Intelligenz! Keine Optimierung! Autonomes Fahren? Vielleicht… Dafür gibt es the Space between! In den Zwischenräumen wird gedacht, gelernt, gefehlt, Wissen generiert. The space between heißt auch die Website, die genau das zum Thema macht: die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Die beste Bühne für eine derartige Begegnung ist das Computerspiel.

Das Forschungsteam der Folkwang Uni der Künste in Essen, Fachbereich Gestaltung. Auf dem Sofa sitzen (v.li) Markus Rautzenberg, Mona Leinung, Franziska Barth und ein Mitarbeiter
(v.li) Markus Rautzenberg, Mona Leinung, Franziska Barth und Paul Werling © CF

Mit Blick auf Games befasst sich ein interdisziplinären Forschungsteam seit 2019 mit Künstlicher Intelligenz. Die Website bildet den Abschluss des Projekts.

Interrobang ist ein Satzzeichen, das eine Kombination darstellt aus Ausrufe- und Fragezeichen. Die Performancegruppe Interrobang nutzt das Zeichen als Logo
© Interrobang

The space between versammelt interaktive soundart, lectures, performances, videos, die um das Forschungsprojekt Mind the Game! kreisen.

www.The-space-between.de

ist die Bühne, die auf spielerische Weise das Projekt vorstellt. 

Die Forschungsgruppe in schwarz weiß

Ich sprach mit dem Philosophieprofessor Marcus Rautzenberg und den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Mona Leinung und Franziska Barth (v.li.). Alle drei Forscher:innen sind an der Folkwang Universität der Künste in Essen tätig. Paul Werling (re.) arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft bei Markus Rautzenberg.

In meiner Netzkultur und auf The space between ist zu hören:

Soundart von David Rimsky-Korsakow

Der Phonet 2.0 von Thiemo Frömberg

Schall + KI = Klangbild © Thiemo Frömberg

HINWEIS

KI BIENNALE ESSEN

Weltweit erstes interdisziplinäres Festival für künstliche Intelligenz

bis 8.6.2022

Blick durch das Glasdach der Folkwang Uni der Künste in Essen
© CF

Soundwalk

Spur der Töne

WDR 3, TonArt, 4.5.2022

LINK ZUM AUDIO

Sibylle Hauert (Künstlerin, Soundwalkerin) mit „Headtracker“ © CF

Das 12. Musikfestival Acht Brücken widmet sich in seinem diesjährigen Programm dem Gedächtnis. Es geht um Musik als Erinnerungskonzept. Um das Bewusst Werden von Sound geht es beim interaktiven Soundwalk. Die Schweizer Künstlerin Sibylle Hauert entwickelte den Spaziergang mit Student:innen der KHM. Ihren ersten H.E.I Guide (Human Engine Interference) konzipierte sie im Rhein-Hafen ihrer Heimatstadt Basel. Das Publikum schlendert von der Kölner Philharmonie bis zum Rheinauhafen, ausgestattet mit Technik, die auch in Drohnen zu finden ist: Kompass, Sensoren, Mikrophon. Der Ton macht das Bild und die Musik spielt alles andere als vorn.

H.E.I. GUIDE – 3D SOUNDWALK

Acht Brücken. Musik für Köln

Dem Hirn ist es egal, wo die Schallquellen herkommen, Hauptsache, das Klangbild stimmt © CF

League of Nations

1922: Internationale Konferenz des Völkerbundes zum Thema Esperanto

Eine Sprache für Alle

18. April 2022

WDR 5, 9.45 Uhr

WDR 3, 17.45 Uhr

Link zum Podcast

die klassizistische Fassade vom Palais Wilson in Genf © GenéveTourisme
Tagungsort Palais Wilson, heute UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte © GenéveTourisme Foto: Olivier Miche

Am 18. April 1922 reisen Schul- und Regierungsvertreter:innen aus fast 30 Ländern nach Genf. Der Völkerbund hatte die Internationale Konferenz einberaumt, um über Esperanto zu diskutieren. Esperanto, eine Plansprache, die in den 1920er Jahren in voller Blüte steht. Menschen auf der ganzen Welt besuchen Esperanto-Kurse. Vereine werden gegründet, Tagungen organisiert.

Portrait von Inazō Nitobe in schwarz weiß
Inazō Nitobe © The Eastern Culture association Foto: NN

Ein prominenter Fürsprecher der Bewegung ist der stellvertretende Generalsekretär des Völkerbundes Inazō Nitobe (1862-1933), in Japan als Sohn eines Samurai geboren. Der in Halle an der Saale promovierte Agrarwissenschaftler wird vom Völkerbund nach Prag geschickt, auf den 13. Esperanto-Weltkongress, der im August 1921 stattfand.

Blick auf den Hradschin, den Burgberg von Prag
Prag im Winter © CF

Inazō Nitobe verfasst einen Bericht, in dem er sich positiv über Esperanto äußert, eine, wie es die Sprachwissenschaftlerin Sabine Fiedler ausdrückt, „bewusst geschaffene Sprache“

Portrait von Ludwik Lejzer Zamenhof in Schwarz weiß aus dem Jahre 1908. Am Revers trägt er den fünfzackigen Stern, das Symbol der Esperanto-Bewegung
Ludwik Lejzer Zamenhof 1908 © Gemeinfrei Foto: NN

Auch der Initiator von Esperanto ist bei dem Weltkongress in Prag zu Gast, Ludwik Lejzer Zamenhof (1859-1917). Geboren in Białystok im Osten Polens, das damals unter der Herrschaft des russischen Zarenreiches stand, konstruiert der polnisch jüdische Arzt die internacia lingvo, die internationale Sprache. Bekannt wird sie unter dem Pseudonym, mit dem Zamenhof seine Schriften unterzeichnet: Esperanto – der Hoffende. Zamenhof verleiht der Plansprache eine klare Struktur. Lateinische Buchstaben, wenige Grundregeln, keine Ausnahmen. Die Wortstämme sind verschiedenen europäischen Sprachen entlehnt.

Teilnehmer:innen des ersten Esperanto-Weltkongresses vor dem Kongressgebäude in Boulogne sur Mer am 6.8.1905.
Boulogne sur Mer: Ludwik Zamenhof (erste Reihe, 2. v. re.) vor dem Kongressgebäude am 6. August 1905 © Gemeinfrei Foto: Henri Caudevelle

Auf dem ersten Esperanto-Weltkongress im französischen Boulogne-sur-Mer stellt Ludwik Zamenhof sein Lehrbuch vor, das Fundamento de Esperanto. In den 1920er Jahren sprechen weltweit um die eine Million Menschen Esperanto. Ihr Symbol: ein grüner, fünfzackiger Stern. Ihr Wunsch: eine gemeinsame Weltsprache, nicht anstatt, sondern neben den Muttersprachen. 

Das moderne Genf © GenéveTourisme Foto: Loris von Siebenthal

Im Januar 1920 nimmt der Völkerbund seine Arbeit auf. Eine neue Berufsgruppe bildet sich aus, internationale Beamt:innen. Laut Völkerbundssatzung dürfen erstmals auch Frauen eine Diplomatenkarriere einschlagen. Für die Globalhistorikerin Madeleine Herren-Oesch repräsentieren die Völkerbundsbeamten einen „neuen Typus Mensch“. In den zeitgenössischen Zeitungsartikeln werden sie als weltoffen und polyglott portraitiert, sagt die Direktorin des Europainstituts in Basel: „In den Texten ist zu lesen, dass sich Völkerbundsbeamte dynamisch geben, im Cabrio zum Völkerbundsgebäude fahren, ab und zu den Genfer Verkehr lahmlegen, Tennis spielen und in der Pause kurz in den Genfer See hüpfen.“ Eine politisch wache Gesellschaft, für die die Sprachenfrage von Bedeutung ist. Im Völkerbund selbst sind die Amtssprachen Französisch und Englisch. Esperanto wird ernsthaft als neutrale Alternative diskutiert. 

Am 18. April 1922 treffen sich Expert:innen und debattieren darüber, Esperanto als reguläres Schulfach einzuführen. Es gibt viele Korrespondenzen, Umfragen, Auswertungen, Berichte.

Auf einem SchwarzWeiß-Foto ist die Internationale Kommission für geistige Zusammenarbeit zu sehen, während einer Plenarsitzung im Jahr 1924. Ganz rechts im Bild sitzt Inazō Nitobe. Auch Albert Einstein gehört zur Kommission (4.v.li)
Im Palais Wilson: Plenar-Sitzung (1924) der Commission international de coopération intellectuelle (v.li.) Hendrik Lorentz, Émile Borel, George Oprescu, Albert Einstein, NN, Julien Luchaire, NN, Gonzague de Reynold (am Tisch), Jules Destrée, Inazō Nitobe © United Nations Archives at Geneva Foto: NN

Schließlich befasst sich die Commission international de coopération intellectuelle (Interanationale Kommission für geistige Zusammenarbeit/ International Committee on Intellectual Cooperation) mit Esperanto, die allerdings zu keinem Ergebnis kommt. Am Ende zerplatzt der Traum an den mächtigen Ethnosprachen Englisch und Französisch. Esperanto als globale Hilfssprache ist ersteinmal vom Tisch des Völkerbundes. Doch die Sprache ist nicht aus der Welt. Sie übersteht Verfolgung und Verbot. 

Symbol der Esperanto-Bewegung: Grün: Farbe der Hoffnung/ Fünf Zacken des Sterns = die Kontinente

Im nationalsozialistischen Deutschland galt Esperanto als Waffe des Weltjudentums und geheime Sprache der Kommunist:innen. im übrigen wurden die drei Kinder von Ludwik Lejzer Zamenhof Opfer der Shoa. In der stalinistischen Sowjetunion wiederum drohten Esperantist:innen Lagerhaft, weil sie Briefkontakte zum kapitalistischen Westen hielten. Nach dem zweiten Weltkrieg wird die Sprache rehabilitiert. Doch der Kalte Krieg ruft andere Linguae Francae auf den Plan: Englisch im Westen, Russisch im Osten.

Présence Bouvier und Harald Schmitz sprechen Esperanto © CF

Heute sprechen und schreiben rund 100 000 Menschen regelmäßig Esperanto. Vielleicht wagt die Nachfolgeorganisation des Völkerbundes, die UNO, einen neuen Vorstoß. Irgendwann. Denn nach wie vor fehlt der Weltgemeinschaft eine unabhängige Weltsprache.

Portrait der Sprachwissenschaftlerin Sabine Fiedler an der Uni in Leipzig
Sabine Fiedler © Universität Leipzig Foto: Katalin Kováts

Mit Prof. Sabine Fiedler sprach ich über Plansprachen und den Esperanto-Initiator Ludwik Leijzer Zamenhof. Sabine Fiedler ist Professorin für Sprachwissenschaft am Institut für Anglistik der Universität Leipzig und Vorsitzende der Gesellschaft für Interlinguistik.

Portrait der Historikerin Madeleine Herren-Oesch am Europainstitut in Basel
Madeleine Herren-Oesch © Europainstitut Basel

Mit Prof. Madeleine Herren-Oesch sprach ich über den Völkerbund, seinen stellvertretenden Generalsekretär Inazō Nitobe und die Sprachenfrage. Madeleine Herren-Oesch ist Professorin für Neuere Allgemeine Geschichte und Globalgeschichte an der Uni in Basel und Vorsitzende des Europainstituts in Basel

Présence Bouvier und Harald Schmitz © CF

In Pulheim (Nordrhein-Westfalen) besuche ich Harald Schmitz und Présence Bouvier. Er ist Mitte 60, sie Ende 30. Er ist pensionierter Mathe- und Englischlehrer und gibt Esperanto-Kurse. Sie ist Symptothermie-Beraterin – Symptothermie befasst sich mit natürliche Methoden der individuellen Geburtenregelung – und Mutter eines dreijährigen Sohnes. Er kommt aus der Bundesrepublik, sie aus Frankreich. Beide leben in Pulheim, sprechen miteinander auf Esperanto und engagieren sich im Esperanto-Klub in Köln

Présence Bouvier und Harald Schmitz stöbern Comics, Romanen und Fachliteratur auf Esperanto. Auf dem Tisch liegen unter anderem La eta Princo von Antoine de Saint-Exypéry und mascararo anti o la morto – Maskerade. Die Memoiren eines Überlebenskünstlers von Tivadar Soros. Der ungarisch jüdische Rechtsanwalt und Schriftsteller entkam der Shoa. Mit seiner Familie floh er aus Ungarn in die USA. Sein berühmter Sohn George Soros gehört zu den rund 2000 Esperanto-Muttersprachler:innen. © CF