Sônia Mota

Tänzerin, Choreographin, Regisseurin, Lehrerin

WDR 3 – MosaikReihe über Künstler:innen im Alter

„Rente – nein danke!“

Freitag, 27.1.2023, Folge V, 8 Uhr

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Sônia Mota ist eine klassisch ausgebildete Tänzerin. Aufgewachsen in São Paulo in Brasilien lernt sie schon als Achtjährige Ballett. Mit 30 rebelliert sie gegen das klassische Korsett und entwickelt ihren eigenen Stil. Jetzt ist Sônia Mota über 70 und steht immer noch auf der Bühne. Für viele Künstler:innen gibt es kein Rentenalter. An Aufhören ist nicht zu denken. Doch eins ist klar: alle Körper altern, auch der einer Tänzerin. Was tun, wenn sie nicht mehr so kann wie die Jungen? Sie kann anders. Sônia Mota ertanzt Figuren, die den Begriff von Schönheit neu definieren. Ihr Tanz ist reif und schön. In den Ehrenfeldstudios in Köln treffen wir uns; und sie tanzt mit der Stille.

Abwesen

Tanzerforschung von Abwesenheit, Mangel und Ko-Präsenz

Regie: Karel Vanĕk 

Tanz: Sônia Mota, Josefine Patzelt, Geraldine Rosteius

Premiere: 20.1.2023

Brotfabrik Bonn. Kreuzstr. 16. 53225 Bonn 

Absence#3

Deconstruction of time

Regie: Ilona Pászthy

Performance: Balázs Posgay, Yana Novotorova, Maria Nurmela, Sônia Mota, Maria Sauerland, Sten Rudstrom

Premiere: 2.2.2023

Barnes Crossing. Industriestr. 170. 50999 Köln

LINK

Ehrenfeldstudios. Zentrum für darstellende Künste

Wissmannstr. 38, 50823 Köln

das Buchcover ist pink. Dunkle Halbkreise durch ziehen das Pink.

LITERATUR

Hiesl, Angie/ Kaiser, Roland (Hg.): War schön. Kann weg… Alter(n) in der darstellenden Kunst. 

Verlag Theater der Zeit 2022

Sônia Mota steht an der weißen wand, trägt dunkelroten Lippenstift und hält ihre Augen geschlossen
© CF

Klang von Gestern

WDR 3 MOSAIKREIHE- Klang der Zukunft

FOLGE I: KLANG VERGEHT

16. Januar 2023, 8 Uhr

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In einem Räum mit Dachbalken steht ein schmaler Eisenofen. Durch das Fenster sind Flammen zu sehen. Hier dem Ofen mit langem Rohr, das in den Kamin geht, steht ein Tisch mit Monitoren. An einem anderen Tisch lehnt ein Reisigbesen.
Homeoffice: Der Ofen wird mit „echtem“ Holz gefeuert. © CF
Ein Feuer im offenen Kamin: Flammen züngeln. Die Holzscheite glühen. Doch die Szene ist ein dreidimensionales digitales Bild.
Schwindelflammen © CF

Offenes Feuer gibt es heute digital. Das Knistern des brennenden Holzes liefert eine Sound-App. Auch das Klicken des Kamera-Auslösers wird künstlich erzeugt. Polyluxe, also Overheadprojektoren, sind jetzt schon weitestgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Ebenso die Audiokassette und der Pfeifkessel.

Auf einem alten Holztisch stehen vier Wasserkessel in unterschiedlichen Größen und eine leere Glühweinflasche.
Mit Pfiff © CF

Das ist alles Schnee von gestern. Interessant aber ist, dass sie markante Geräusche hervorbringen. Mein mobile tune ich auf Wählscheibe und meine eingebaute Handykamera auf eine analoge Spiegelreflex.

Die alte Schreibmaschine hat runde Tasten, auf denen die Buchstaben zu sehen sind. Die Tastenhebel bewegen den Typenblock, der ebenfalls im Detail zu sehen ist.
Bis zum Anschlag © CF

Offensichtlich haben die analogen Töne Charme. Vor allem hängen tausende Erinnerungskonzepte am Klangarsenal der Vergangenheit. Ein paar der analogen Klassiker habe ich die große Bühne bereitet. Viel Spaß beim Hören und Schwelgen.

Das Detail zeigt das Zifferblatt einer alten Standuhr. Schwarze Zeiger, schwarze Ziffern auf einer goldeben Scheibe
Zahn der Zeit © CF

Temps D’Images

Tanzhaus NRW in Düsseldorf

TITELBILD

Szene aus Anti-Body des britischen Choreographen Alexander Whitley © Foto: Chris Nash

Ein Tänzer wird umfangen von digitalen Figuren, die wie Stoffbahnen um seinen Körper wehen
Körper und Nichtkörper: Alexander Whitley „Anti-Body“ © Foto: Chris Nash

WDR 3. Mosaik: 6. Januar 2023, 8 Uhr

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Ein Tänzer mit freiem Oberkörper hält den Kopf geneigt und schaut auf einen kleinen Roboter, den er in seiner Hand hält
Zwei Tänzer: Gregor (v.) und Florent IN „Who is useless now“ von Ondřej Holba © Foto: Vojtech Brtnicky

Tech trifft Tanz. Dafür steht das Festival Temps d’Images, was soviel heißt wie Zeit der Bilder. Die Bilder sind auf der Höhe der Zeit. Seit 2005 kommen alljährlich im Tanzhaus NRW verschiedene Künste zusammen. Bildende Kunst, Musik, Sound und natürlich Tanz.

Vier Performer:innen posieren für die Kamera. Sie tragen sehr dunkle Sonnenbrillen und haben ihre Münder weit aufgerissen. Ihre Münder wirken wie Höhlen, die giftgrün bedeutet sind.
Uraufführung im Tanzhaus NRW: „2Sides“ von Fabien Prioville © Foto: Pascal Jung

Die Akteur:innen setzen sich mit den aktuellen technischen Entwicklungen auseinander, philosophisch und physisch. Technologie und Tanz: ein Gegensatz? Niemals. Performer:innen tragen Bewegungssensoren am Körper, agieren mit BodyCam und VR-Brillen.

Eine Frau und Ein Mann sitzen auf dem Boden. Der Mann hat eine VR-Brille auf, die Frau schaut in Richtung Mann. Der Raum ist bunt ausgeleuchtet: lila, blau, gelb
Eins-zu-Eins-Begegnung mit einer Tänzer:in und Teil der Performance werden. Anna-Carolin Weber/ Tobias Kopka „I spy with my little eye“ Foto Tobias Kopka

Das Publikum wird eingeladen, mitzumachen, sich an der Grenze zwischen physischer und virtueller Welt zu bewegen. 

Die  virtuelle Landschaft zeigt einen vertrockneten Baum in einer Wüstenlandschaft vor hellen Felsen. Der Himmel ist blassblau mit weißen Wolken und vor der Felsformation steht eine undefinierbare, blutrote Skulptur.
Lena Biresch „Me, Myself & My Avatars“ © Foto: Press(ST)Art

Die Installation Me, Myself & My Avatars von Lena Biresch lädt ein, sich eine Virtual-Reality-Brille aufzusetzen und in einen Kunstkosmos zu schlüpfen. Da kann es schon mal sein, dass dem eigenen Ich ein drittes Bein wächst. 

Vier Performer:innen bewegen sich Richtung linken Bildschirmrand. Eine der Akteur:innen sitzt auf dem Boden. Alle halten Stative vor ihrem Körper wie eine Waffe. Am Ende tragen die Stative Smartphones Richtung Performer:innen
Fabien Prioville „2Sides“ © Foto: Pascal Jung

2Sides des in Wuppertal lebenden Choreographen Fabien Prioville ist eine Perfomance, die mit verschiedenen Sichtweisen spielt. Die vier Performer:innen tragen Kameras am Körper, so genannte Bodycams. Im Tanzhaus ist die physische Performance zu sehen, am Monitor der livestream, aus der First Person-Perspektive. Eine Perspektive, die uns in Videospielen begegnet und in Zeiten des Lockdowns sehr vertraut wurde. 

Um einen Kreis, der mit Erde gefüllt ist, sitzen Menschen. Sie beobachten eine Person, die mit gestreckten Arm in der Kreismitte steht.
Uli Sickle „The Sadness“ © Foto: David Visnjic

Die kanadische Choreographin Ula Sickle nimmt ein Gefühl in den Blick: The Sadness. Es geht nicht um eine romantische Stimmung, es geht um ein Gefühl, das offensichtlich gerade eine ganze Generation umtreibt: die Melancholie, Traurigkeit, depressive Verstimmung. 

Drei Menschen sitzen Rücken an Rücken auf dem Erdkreis. Einer der drei Performer:innen hält ein Mikro in der Hand.
© Foto: David Visnjic

The Sadness beschreibt Ula Sickle als ein getanztes Konzert. Auf einem Kreis aus Erde agieren die Performer:innen, nähern sich dem Gefühl mit Emo-Pop und Sad-Core, dem Musikgenre, das die Melancholie geradezu feiert und zur Zeit Konjunktur hat. 

Über das Festival sprach ich mit Stefan Schwarz, Programmdirektor am Tanzhaus NRW und Festival-Kurator. 

Auf einer glatten Fläche steht ein handtellergroßer Robotor mit verhältnismäßig großen Rädern. Rechts im Bild sind die nackten Füße eines menschlichen Akteurs zu sehen, die auf den Roboter zugehen.
Künstler Rudolph malt Künstliche Intelligenz-Bilder. IN „Who is useless now“ von Ondřej Holba © Foto: Vojtech Brtnicky

Temps d’images. Festival für Tanz und Technologie

6. bis 15. Januar 2023

Tanzhaus NRW

Erkrather Str. 30, 40233 Düsseldorf

Forontalansicht: Die weiße Fassade eines ebenerdigen Hauses. Große Fenster. Der Schriftzug "Tanzhaus NRW" steht an der Fassade. Über dem Eingangstor ein Graffito "Ceremony wow". Vor dem Haus stehen schwarze Bierbänke- und Tische zwischen kleinen Bäumen ohne Laub.
© Foto: Katja Illner

Friedenskirche in Monheim/ Rhein

Betonplastik aus Polygonen

WDR 3, Mosaik, 14.12.2022, 8 Uhr

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An der linken Ecke der Betonfassade ist ein Fenster eingeschnitten, das um die Ecke läuft. Über dem Fenster ist ein polygonaler Vorsprung, in dem eine Lampe eingelassen ist.
Halterung fürs Fassadenlicht © CF

Die evangelische Friedenskirche in Monheim-Baumberg ist ein Kunstwerk der Nachkriegsmoderne. Béton brut, also roher Beton. Kein Putz, kein Glanz, keine glatten Flächen. Im Gegenteil.

Der Ausschnitt der Betonfassade zeigt den Abdruck der Holzmaserung nebst Astlöchern auf der Betonoberfläche
Astlöcher der Schalungsbretter © CF

Auf der Haut spiegelt sich der Entstehungsprozess, als der frische Beton in einer Holzverschalung erkaltet. Seither trägt der Bau Astlöcher in seiner Fassade wie Tattoos. 

Der Gebäudekomplex besteht aus verschiedenen Sichtbeton-Polygonen mit klar definierten Fenstern und einem hohen Turm.
Friedenskirche: Blick von der Nordseite aus. Vergitterung und Kupferdach stammen aus späterer Zeit. Sie verändern den Charakter der Architektur © CF

Der Komplex aus Polygonen ist typisch für den sogenannten Brutalismus, einen der umstrittensten Architekturstile ever. Gäbe es einen Volksentscheid über den Abriss jener Bauten, dann wäre klar: diese Bunker müssen weg. Sei es die Ruhr-Uni in Bochum, die vielen Betonkirchen in ganz NRW oder das Rathaus in Marl. 

Beton ist aus der Fassade geplatzt und legt die Monierenden frei, die rosten
SOS: Wenn die Rippen rosten, dehnen sie sich aus und sprengen den Beton weg © CF

Vielleicht führt der Begriff in die Irre: Brutalismus. Aber brutalistische Bauten sind alles andere als brutal. Sie sind Béton Brut, roher Beton eben. Vielleicht schreckt der Baustoff ab, weil er an Krieg erinnert. Dabei ist er wie geschaffen für die Kunst. Eine formbare Masse.

Die Druntersicht zeigt einen Betonquader, der innen hohl ist und eine Glühbirne trägt
Jedes Detail ist durchgeplant © CF

Beton ist für den Schweizer Bildhauer Walter Maria Förderer genau das richtige Material, um seine begehbare Skulptur zu entwerfen. 

Ein gestufter Betonvorsprung vor der Innenwand des Kirchenraums, die violett angestrahlt wird
Bildhauerarbeit: Spiel mit Vorsprüngen, Aussparungen, Einlassungen © CF

1974 feiert der Komplex aus Gottesdienstraum, Gemeindezentrum und Glockenturm Eröffnung.

Drei Glocken in einem Eisengestell
Vater, Sohn und Heilig Geist © CF

Zehn Jahre später werden in den 23 Meter hohen Turm drei Glocken gehängt und das ausladende Gebirge mit einem Namen bedacht: Friedenskirche.

Domkapellmeister Christian Heiß steht im Profil zur Betrachterin. Er schaut Richtung rechten Bildrand. Er hält beide Arme vor sich und dirigiert die Regensburger Domspatzen, die nicht im Bild sind.
Probe im Kirchensaal: Christian Heiß (Domkapellmeister in Regensburg) leitet die Regensburger Domspitzen an © CF

Inzwischen feiert der Brutalismus ein zartes Comeback.

Eine Rose mit orangefarbenen Rosen wächst vor einer Betonaußenwand
© CF

Die Monheimer Kulturwerke zum Beispiel nutzen den Raum für Theateraufführungen und Konzerte wie das der Regensburger Domspatzen.

Pfarrer Malte Würzbach steht frontal zur Kamera und lächelt. Seine linke Hand lehnt er an einer Eisenstrebe des Glockenstuhls
Im Glockenstuhl: Malte Würzbach © CF

Pfarrer Malte Würzbach und Küster Frank Langrock arbeiten gern hinter den Fassaden des ungewöhnlichen Baus inmitten einer Einfamilienhaus-Siedlung. 

Von einem Betonboden führen Betonstufen nach oben, wie in einem Amphitheater. Links im Bild sind Treppenstufen. Auf einer der Betonbänke sitzt Thorsten Scheer in der Totale und schaut nach oben. Am oberen Bildrand sind die Stämme einer Baumreihe zu sehen.
Im Amphitheater an der Nordseite des Kirchkomplexes: Thorsten Scheer sitzt auf Béton Brut. © CF

Mit Thorsten Scheer schlendere ich durch die vielen Ebenen der Kirche. Der Kunsthistoriker beschreibt die Friedenskirche als eine Plastik, in der Beton seine ästhetischen Qualitäten zeigt und nicht bloße Funktion darstellt. 

Zwei Pfeile, die in die Betondecke geschnitten sind, durch die indirektes Licht fällt
Symbole in der Kirchendecke © CF

Seit 2019 steht die Friedenskirche unter Denkmalschutz. Endlich. Denn Beton ist alles andere als betonhart. 

Münster Frank Langrock lehnt im Halbprofil an einer Betonmauer im Kirchraum, Brille in der Hand.
Im Kirchensaal: Frank Langrock © CF

Friedenskirche

Schellingstraße 13/ 40789 Monheim am Rhein

Pfarrer: Malte Würzbach/ Küster: Frank Langrock

Großaufnahme von Thorsten Scheer, der frontal ins Bild schaut. Er steht vor einer Betonwand.
An der Fassade: Thorsten Scheer © CF

Thorsten Scheer

Prof. für Kunstgeschichte an der Uni Düsseldorf

Blick vom Glockenturm aus, durch zwei Betonstreben in die Totale: Monheim am Rhein. Das Bild wird von oben und unten durch die Betonstreben begrenzt.
Blick aus dem Dachstuhlfenster © CF

Baukunst NRW: Friedenskirche Monheim am Rhein

Ein horizontaler Betonbalken und vertikale Kupferstreben, wobei die Kupferstreben unscharf sind und der Betonvorsprung scharf ist, also im Vordergrund liegt.
Die ursprüngliche Betondecke wurde später durch ein Kupferdach ersetzt © CF
Blick vom Fenster auf das Kupferdach. Oben wird das Bild durch einen Betonvorsprung begrenzt.
© CF

Monheimer Kulturwerke

Im Gottesdienstraum stehen die Regensburger Domspatzen und er Totale frontal zur Kamera. Mit dem Rücken zur Betrachterin steht der Chorleiter. Die Fassade bildet eine Betonwand, die an den Seiten violett angestrahlt wird. Aus dem oberen Bildrand ragt ein Herrnhuter Stern mit vielen Zacken.
Regensburger Domspatzen bei der Probe © CF

Regensburger Domspatzen

Domkapellmeister Christian Heiß

Mein eigener Schattenriss an der Betonwand, die lila angestrahlt wird. Ich halte eine Kamera in der linken Hand und schaue Richtung linken Bildrand.
Transzendenz © CF

Böden

Mit Füßen getreten

Kein Leben ohne Boden

WDR 5, Neugier Genügt, Feature am 5.12.2022, 10 Uhr

WDR 3, Mosaik, Talk über Böden am 5.12.2022, 8 Uhr

Link zum Podcast – Feature

Auf einer Wiese liegen welke Blätter; und in der Mitte befindet sich ein kleiner Erdaufwurf mit einem Loch.
Maulwürfe zeugen für gesunde Böden: Viele Gartenbesitzer:innen können ihr Glück nicht fassen. Dabei sollten sie jubeln. Denn die Bodenbuddler sind nur da, wo sie genug Nahrung finden, und zwar Regenwürmer & Co. © CF

Wir sind dem Boden näher als wir meinen. Die Menschen in biblischen Zeiten wussten das. Im Hebräischen wird die Nähe durch zwei Begriffe ausgedrückt: Adam, der erste Mensch, und Adamah, der Boden, die Erde. Gott schuf Adam aus Erde. Der Mensch wiederum experimentierte mit der Rezeptur und schuf Golem, einen willenlosen Kraftprotz, der seinen Schöpfer:innen gehorcht.

Michael Moses steht am linken Bildrand im Profil und hält eine Lehmfigur in der linken Hand. Mit der rechten Hand streicht er über den hals der Figur.
Der israelische Keramiker Michael Moses töpfert Golem, einen Humanoiden aus Lehm © CF

Eins ist klar: Böden und wir sind Verwandte. Bodenkundler:innen wie Sonja Medwedski und Gerhard Milbert sprechen vom Boden als ein hoch lebendiges Naturwesen, der zum Teil von den gleichen Mikroorganismen besiedelt wird wie der menschliche Darm. Wir leben nicht allein von Luft und Liebe.

Grüne Blätter stehen auf einem Feld, wobei das Feld nicht zu sehen ist. Durch die Blätter scheint die Sonne, am Horizont liegt ein schmaler Streifen Himmel.
Acker bei Schaephuysen (Kreis Kleve) © CF

Der Boden liefert uns unser täglich Brot. Doch unsere Sünden vergibt er uns nicht. Im Gegenteil, sie werden einfach für die Nachwelt gespeichert. Böden sind Bücher, die Auskunft geben über unsere Geschichte. Sie müssen nur sorgfältig gelesen werden.

Renate Gerlach steht in der Bildmitte im Halbprofil. Sie hält in der linken Hand Bodenproben, auf die sie schaut. Hinter ihr sind Erdhügel zu sehen. Am Horizont ragt ein Kirchturm in den blauen Himmel
Prof. Renate Gerlach in der Grabungsstelle, mit Bodenproben in der Hand. © CF

Wie eine Kriminologin macht sich Renate Gerlach ans Werk. Die Bodenkundlerin und Geoarchäologin lässt sich nicht täuschen.

Renate Gerlachs Hand ist in der Draufsicht zu sehen. Auf der Handfläche liegen drei Bodenproben, die sich farblich unterscheiden. Ocker, Lebkuchenbraun und dunkles Braun.
Entkalkung, Verbraunung, Verlehmung: Vom unverwitterten Löss (helles Ocker) zum neolithischen Schwarz. © CF

Renate Gerlach nimmt jeden Stein, jede Krume, jeden Farbunterschied in den Blick und rekonstruiert das gewesene Leben. In Bornheim Merten siedelten sich bereits vor 7000 Jahren jungsteinzeitliche Bäuerinnen und Bauern an und begründeten zwischen Ville und Rhein die agricultura, den Ackerbau.

Draufsicht auf den Boden. Kleine Gräser wachsen aus dem Boden. Außerdem liegen auf der Oberfläche winzige Steinsplitter.
Befunde sind zum Beispiel winzige Ziegelsplitter, Holzkohle, inkohlte Getreidehalme © CF

Bis in die 2020er Jahre wurde der überaus fruchtbare Lössboden im heutigen Bornheim Merten beackert. Auch die römische Eifelwasserleitung führte hier entlang. Nach den archäologischen Grabungen entstehen auf der Ackerfläche Ein- und Zweifamilienhäuser nebst Straßen, Parkplätzen, Versorgungsleitungen.

Im Vordergrund ist eine Bodenkante zu sehen. Rechts im Bild liegt ein mineralischer Bodenhaufen ohne Humusanteil, links im Bild aufgeschüttete Erde aus der Grube im Vordergrund. Am Horizont steht eine Halle aus Fertigbauteilen.
Eingeschossige Hallen: Für den Gewerbepark Den Ham in Krefeld Hüls muss bester Ackerboden weichen © CF

Die Menschheit muss Boden gut machen. Allein in Deutschland werden über 50 Hektar des Naturkörpers täglich zerstört. Dabei befinden sich in einer Handvoll Boden mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde.

Böden sind unbekannte Weltstars. Und sie sind mehr als einen Dreck wert. 

Die Draufsicht zeigt Ackerboden, geprägt durch das Profil eines sehr breiten Reifens.
Jedes Jahr weicht in der Bundesrepublik um die 200 Quadratkilometer Boden dem Bau von Straßen, Gewerbegebieten, Wohnhäusern. Das entspricht in etwa der Stadt Essen. © CF

Jedes Jahr am 5. Dezember wird der Weltbodentag begangen, und das seit genau 20 Jahren. An diesem Tag verkündet die Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft den Boden des Jahres.

Gerhard Milbert steht im Profil mit dem Gesicht Richtung linke Bildseite, unter einem sehr blauen Himmel. Seinen kopf hält er nach unten geneigt, zu seinen Händen.
Dr. Gerhard Milbert © CF

Seit 2005 setzt sich das Kuratorium Boden des Jahres unter dem Vorsitz des Bodenkundlers Gerhard Milbert zusammen und prüft genau, welcher Boden Pate stehen soll. Im Jahr 2022 ist der Botschafter Pelosol, ein spezieller Tonboden. 2023 steht mit dem Ackerboden eine Nutzungsart im Fokus.

Sonja Medwedski steht hinter einem Wildrosenstrauch, an dem Hagebutten wachsen. Sie schaut in die Kamera und lächelt. Hinter ihr ist eine Zypresse zu sehen.
Natur- und Geopark Terra Vita in Osnabrück: Sonja Medwedski © CF

Böden generell haben ein gewaltiges Imageproblem, sagt die Bodenkundlerin Sonja Medwedeski. Der Boden ist halt selbstverständlich da. Und er ist so angenehm still. Doch wenn er einmal seinen Boden unter unseren Füßen wegreißt, wenn er uns seinen Staub ins Gesicht pustet, die Erde aufreißen lässt, dann ist es oft… zu spät. 

Gerhard Milbert steht in der Bildmitte auf einem Waldweg. Er schaut in die Ferne. In der rechten Hand hält er einen Spaten, in der linken Landkarten und eine Mappe. Im Hintergrund ist der Rücken eines Fahrradfahrers zu sehen.
Dr. Gerhard Milbert © CF

Gerhard Milbert lud mich zu einem Roadtrip am Niederrhein ein. Wir starteten am Gewerbepark Den Ham, machten Station an einer Kiesgrube in Kerken-Stenden und stiegen schließlich auf den Schaephuysener Höhenzug, einer Endmoräne aus der vorletzten Eiszeit.

Vom oberen Bildrand ragen zwei Hände ins Zentrum. Sie halten Sand. Die Person hockt auf sandigem Boden. Rechts im Bild wächst Heidekraut.
Sonja Medwedski bestimmt die Bodenart. Schluff ist mehlig, Ton weich wie Knete, Sand grob wie Zucker. © CF

Mit Sonja Medwedski traf ich mich in Osnabrück im Natur- und Geopark Terra Vita. Wir saßen in einer Heidelandschaft und redeten über Mittler zwischen Ober- und Unterwelt. Renate Gerlach traf ich auf einer archäologischen Grabungsstelle in Bornheim Merten. Den Keramiker Michael Moses besuchte ich in seiner Werkstatt in Kall Scheven.

Zwei Drittel des Bildes dominiert ein strahlet blauer Himmel, das eine Drittel am unteren Bildrand zeigt Felder, eine Baumreihe. Am Horizont sind Windräder und eine Kirchturmspitze zu sehen.
Schaephuysener Höhenzug: Blick vom Rand der Stauchendmoräne in Richtung Westen © CF

www.boden-des-jahres.de

Kuratorium Boden des Jahres. Vorsitz: Gerhard Milbert

Die linke Hand dominiert das Bild. Sie hält eine Scholle Erde, bräunlich ockerfarbenen Löss. Die rechte Hand hält ein Messer, das auf den kleinen Brocken Erde weist.
Flugschluff, herangeweht in der letzten Eiszeit. Gerhard Milbert hält fruchtbaren Löss in der Hand. © CF

Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft

BonaRes-Zentrum für Bodenforschung

Bundesverband Boden e.V.

Ein Grabungsprofil zeigt verbraunte Erde, die über unverwitterten Löss steht.
Grabungsprofil in Bornheim Merten: Farbunterschiede geben Aufschluss über Leben vor Jahrtausenden © CF

LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland

Renate Gerlach (Geoarchäologin)

Das Buchcover stellt Boden dar, in dem ein Fußabdruck zu sehen ist. Mit weißen Lettern steht über dem Fußabdruck "Die Stimme des Bodens"

Sonja Medwedski (Bodenkundlerin)

Michael Moses beugt sich aus dem rechten Bildrand über seine Töpferscheibe. Er töpfert einen hohlen Zylinder, der aus dem unteren Bildrand ragt.
Michael Moses arbeitet mit Lehm aus dem Westerwald © CF

Töpferei Michael Moses

Et Kapellche

Entweihter Ort & spiritueller Raum

Titelbild

Die Crew der Suppenküche sitzt am Tisch und speist die Reste der Tagesgerichte für ihre Gäste. Jeden Freitag kommen bedürftige Menschen, Obdachlose, Nachbar:innen mit Obdach ins „Restaurant“. Wer will und kann, gibt eine Spende.

WDR 3 Mosaik am 10.11.2022, 8 Uhr

innerhalb der WDR-Themen-Woche Wir gesucht

Folge IV: Wir-Ort

Halbtotale: Moni Brüggemann, Angelika Schulz und Werner Stubbe (v. li) stehen im Eingang der Kapelle. Im Halbprofil ist eine Kundin zu sehen, die Waffeln entgegen nimmt.
Frische Backware mit Puderzucker: Die Waffeln sind ein Renner. Moni Brüggemann, Angelika Schulz, Werner Stubbe (v.li) haben alle Hände voll zu tun. © CF

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Die aktuelle Mosaik-Reihe sucht nach der Seele dessen, was das Wir ausmacht. Wie Orte Gemeinschaften prägen, zeigt meine Miniatur über et Kapellche in Köln Mülheim.

Pater Behlau sitzt auf einer Gartenbank auf der Wiese, neben einem kleinen Baum, der keine Blätter trägt. Hinter ihm ist eine Hausfassade mit rostroten Klinkern zu sehen.
Pater Behlau: Vor dem Mutterhaus der Kongregation des Heiligsten Erlösers, kurz, des Redemptoristenordens in Bonn© CF

Der Ordenspriester Ulrich Behlau erinnert sich an seine Zeit im Kloster in Köln Mülheim. Drei Flügel, Innenhof, Kreuzgang, Kapelle. Jetzt steht an Stelle der Klosteranlage ein Neubaukomplex. Das Herz: die ehemalige Klosterkirche.

Vor einer Ziegelwand steht Katja Steinmeier. Sie schaut direkt in die Kamera und lacht. Ihr Arm lehnt auf einem runden Stehtisch.
Katja Steinmeier (stellvertretende Vorsitzende vom Verein et Kapellche): „Es ist eine Sensibilität, die von hier ausgeht.“ © CF

Eine engagierte Nachbar:innenschaft kämpfte um den Erhalt der Kapelle. Gründungsmitglied Angelika Schulz lief monatelang durchs Veedel und sammelte Unterschriften.

Halbtotale: Der altrosafarben gestrichene Eingangsbereich des Kapellche. Das Eingangstor ist geöffnet, in dem zwei Menschen stehen, im Profil. Vor dem Eingang stehen zwei Kinder mit dem Rücken zur Betrachterin.
Warten auf ne Waffel: Am Eingang zum Kapellche, kurz vor Toreschluss. © CF

Seit 2019 wird das Ziegelstein-Hexagon bespielt. Längst ist et kapellche e.V. ein Geheimtipp für Kreative, Obdachlose, Kinder, Geflüchtete, Queere… Die Kirche ist Kino, Küche, Konzerthalle, Klangraum, Yogastudio. Hier wird diskutiert, gebastelt, meditiert.  

Der Stammgast, eine alte Dame, sitzt an einer langen Bierbank. Sie lacht. In der Hand eine Gabel, auf dem Tisch ein Teller und ein Glas Wasser. Neben dem Tisch an der weißen Wand steht ein Rollator. Auf der anderen Seite hängt ein weinroter Vorhang.
Essen gegen Spende: Ein Stammgast aus der Nachbarschaft mit Obdach und echt kölschem Humor. © CF

Räume schaffen Atmosphären. Räume erfüllen nie nur einen Zweck, sie erzeugen Stimmungen, befeuern basale Gefühle, im besten Sinne Schutz und Freiheit. 

Ein gast sitzt auf einem Stuhl schaut leicht lächelnd in die Kamera. In der Hand hält er einen Keramikpott. Hinter ihm sind drei lange Bänke zu sehen, an denen Menschen sitzen.
Kaffee gegen Spende: Gäste wie Günter helfen, die Suppenküche zu finanzieren © CF

Dieser Raum, 16 Meter hoch, ist ganz besonders. Im rechtsrheinischen Köln Mülheim zieht er Menschen an. Sie besuchen et kapellche aus verschiedenen Gründen. Die einen treffen sich zum Stammtisch für queere Mütter, die anderen zum Deutschkurs, wieder andere zum Yoga, Freien Tanz, Brettspiele-Abend. 

Internationale Musiker und Musikerinnen geben Konzerte. Lesungen werden veranstaltet, Filme gezeigt. Hier treffen sich höchst unterschiedliche Ichsformen ein höchst diverses Wir. Ich habe den Raum besucht, in Waffeln gebissen und in der Suppenküche gesessen. 

Heinz Günter Kayser sitzt parallel zur Bierbank und direkt vor einer der Ziegelwände. Er schaut direkt in die Kamera und lächelt. Er trägt eine Baseball-Kappe auf dem Kopf und hat die Hand auf dem Tisch, die ein Glas mit Cola umgreift.
Heinz Günter Kayser © CF
Hier schmeckt es immer. In der letzten Zeit kochen sie auch selbst, bringen uns das Essen an den Tisch, wie im Restaurant. Besser kann es doch gar nicht sein. Das ist ein superschöner Raum. ich fühle mich hier wohl. Da geht meine Seele auf; und wenn ich hier rausgehe, bin ich für den Tag gesättigt.

Et Kapellche

Holsteinstraße 1, 51065 Köln

Mini-Mini Auswahl an Events

Vor einer der bunten Glasfenster steht Gabriele Odenthal, die Waffelteig-Herstellerin. Sie schaut in die Kamera und lächelt.
Hinter den Kulissen: In der Kapellche-Küche stellen Gabriele Odenthal und ihre Kolleg:innen den Waffelteig her. © CF

WAFFELBACKEN

Jeden Mittwoch: 15 bis 17 Uhr

Spende wird erbeten

Drei Tische stehen parallel zueinander. An einem Tisch, an der Stirnseite, sitzt der Stammgast mit Rollator. Ihr gegenüber sitzt ein anderer Gast, mit dem Rücken zur Betrachterin. Beide schauen auf eine Gruppe von Männern, die sich begrüßen. zwei sitzen am Tisch, der dritte steht.
Gäste in der Suppenküche © CF

SUPPENKÜCHE

Jeden Freitag: 11 bis 14 Uhr

Spende erbeten, je nach Selbsteinschätzung 

KLANGRAUM KLASSIK VERKLÄRTE NACHT

19.11., 19 bis 21 Uhr

12/ 15 Euro

Anschließend Umtrunk

Draufsicht: In einer Pfanne liegen viele Kartoffeln, klein und geschält. Neben der Pfanne ist eine Stahlbox zu sehen, die Heringsdipp beinhaltet.
Freitag für Freitag: Die Küchencrew (siehe Titelbild) kauft ein, kocht, serviert, räumt ab. © CF

App-Musik-Workshop

Drücken und Wischen

Wie das tablet zum Musikinstrument wird

WDR 3 TonArt am 11. November 2022, 15 Uhr

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Luisa Piewak steht vor einem Bildschirm, der an der Wand hängt. Auf dem Bildschirm ist ein Smiley zu sehen. Am rechten Bildrand sitzt ein Junge und sieht Richtung Bildschirm.
Gut lachen: Die Gäste des App-Musik-Workshops liefern den Soundtrack zum Smiley. © CF

Wie lassen sich Kids für Konzerte begeistern? Mal mit einem tablet versucht? In der AWO in Mönchengladbach Rhyedt erklärt die Konzertpädagogin Luisa Piewak tablets zum Musikinstrument. Internet weg. Mail aus. Die Tonnen an Videoclips deaktiviert.

Rückenansicht: Zwei Mädchen führen ihre Finger über das tablet. Auf dem Monitor sind geometrische Formen zu sehen, die die beiden Freundinnen aktivieren.
Wischen und Drücken: Die Playgrounds sind mit Klängen hinterlegt und können beliebig kombiniert werden © CF

Drei Apps installiert: Launchpad, Playground und Soundprism. Und dann Go. Das Ergebnis sind tonale Experimente, Computerimprovisationen, Filmmusik.

Rückenansicht: Ein Junge und ein Mädchen drücken kleine Kästchen auf dem tablet.
Schöner Klang im Loop: Die 18 Grundschulkids grooven sich ein. Sie spielen mit dem Launchpad © CF

In dem App-Musik-Workshop zeigt Luisa Piewak den 18 Grundschulkids, wie sie per Touchscreen produzieren statt konsumieren.

Luisa Piewak sitzt links vom Bildschirm und schaut in den Raum. Ebenfalls rechts sitzt ein Junge mit dem Rücken zur Betrachterin und meldet sich. Auf dem Bildschirm ist eine Comic-Maus mit einer großen Glocke zu sehen.
Livemusik: Die Kids vertonen den Zeichentrickfilmklassiker Tom & Jerry live © CF

Vielleicht bekommen sie irgendwann Hunger auf mehr, so die Vision. Zum Beispiel auf Konzerte der Niederrheinischen Sinfoniker oder Lust auf das Erlernen eines Instruments, Geige, Flöte, Gitarre… Ich habe den Ferienkurs besucht.

Luisa Piewak © CF

App-Musik mit Luisa Piewak (Konzertpädagogin, Musikvermittlerin)

Niederrheinische Sinfoniker

Theater Krefeld/Mönchengladbach

Spieltische: Improvisation auf dem Tablet mit Playground © CF

AWO Mönchengladbach Rheydt

L 64

Limitenstraße 64 – 78, 41236 Mönchengladbach

Nathan Bedford Forrest

Gewalttäter und Geheimbündler

Der zweifelhafte Ruhm einer Südstaaten-Ikone

145. Todestag des Generals und Ku-Klux-Klan-Meisters 

TITELBILD

Nathan Bedford Forrest (um 1863) © Rechte: The William A. Gladstone Collection of African American Photographs (Library of Congress)

WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45) am 29.10.2022

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Er ist brutal und gerissen. Er hasst Schwarze, schießt Pferde unter seinen Gegnern weg und tötet, wer ihm in die Quere kommt. Nathan Bedford Forrest ist Sohn weißer Siedler und der reichste Mann im Süden der USA. Er kämpft im Bürgerkrieg auf Seiten der Konföderation gegen die Union der Nordstaaten. 1865 ist die letzte Schlacht verloren und eine zweifelhafte Ikone geboren. Genau der Richtige für den Führungsposten des Ku-Klux-Klans: The Grand Wizard. 

Nashville, Tennessee, Anfang des Jahres 1867. Der Ku-Klux-Klan ernennt auf seinem ersten Bundeskongress den Großen Hexenmeister. In den Augen der Mitglieder ist Nathan Bedford Forrest ein Militär-Genie, der die Blauröcke das Fürchten lehrt.

Die Zeitungsseite zeigt zwei Kupferstiche. In der oberen Szene überqueren Pferdefuhrwerke den Red River in Louisiana. In der unteren Szene erschlagen und Erstecken Soldaten der Konföderierten vorwiegend afroamerikanische Soldaten am Mississippi.
Die Truppen des Generals Nathan Bedford Forrest schlachten Unionssoldaten, die sich ergeben hatten. Die Opfer sind African American und weiße Menschen aus den Südstaaten, die auf Seiten der Nordstaaten kämpften. © Frank Leslie/ Kupferstich: Charles E. H. Bonwill

Unter seiner Führung schlachtet das Regiment wehrlose Unionssoldaten, die sich ergeben hatten. Augenzeugen zufolge färbt sich der Mississippi rot vom Blut der massakrierten Männer. Die meisten Opfer sind African American.

Das Schwarz Weiß Portrait aus dem Jahr 1863 zeigt einen schwarzen Soldaten. r sitzt, hält eine Pistole in der Hand, trägt ein Uhrenband an der Uniformjacke und Hut auf dem Kopf.
Das Bildnis des unbekannten Mannes in Uniform (1863) zeigt einen von rund 200.000 schwarzen Soldaten, die auf der Seiten der Union gegen die Konföderation kämpften © Gladstone Collection of African American Photographs (http://hdl.loc.gov/loc.pnp/pp.gld)
das Foto zeigt eine Gedenktafel, auf der die Geschichte dieses Ortes beschrieben wird, auf Englisch. Der text schildert den Menschenhandel, den Nathan Bedford Forrest hier betrieb. Zu Wort kommen auch ehemalige Sklaven.
Mitten in der Stadt in Memphis betreibt Nathan Bedford Forrest einen Sklav:innenmarkt. Heute steht an der Stelle eine Gedenktafel.

Schwarze Menschen sind bereits für den jungen Nathan Bedford Forrest „Ware“. In Memphis betreibt er Sklavenhandel, verdient eine Menge Geld. Er spekuliert mit Plantagen, ist Glücksspieler und Duellant. Anfang der 1860er Jahre, zu Beginn der Sezessionskriege, ist Nathan Bedford Forrest Millionär.

Das Farbfoto zeigt ein Holzhaus mit ebenerdigem Anbau und Terrasse in einer ländlichen Gegend.
In dem Haus wuchs Nathan Bedford Forrest auf © Foto rossograph

Geboren Chapel Hill, einem kleinen Kaff am Duck River in Tennessee, wächst er im ländlichen Süden auf, in einer armen Familie mit 11 Geschwistern. Der Vater, ein Schmied, stirbt früh. Die Mutter heiratet erneut. 

Das Schwarz Weiß Foto aus dem jähre 1906 zeigt eine Reiterstatue im Profil. um die Statue herum stehen viele Menschen, die Männer tragen schwarze Anzüge und Hut, die Frauen lange Röcke.
Eine der Reiterstatuen, die Nathan Bedford Forrest zeigt. Sie wird 1904 in einen nach ihm benannten Park aufgestellt. Inzwischen wurde der Park umbenannt und die Statue übergeben, an die Söhne der Konföderierten Veteranen © Detroit Publishing Company photograph collection (Library of Congress)

Nach dem erbitterten Bürgerkrieg ist Nathan Bedford Forrest erst Präsident einer Eisenbahngesellschaft, später Leiter einer Gefängnisfarm und schließlich der Vorsitzende des berüchtigten Geheimbundes. Zwei Jahre vor seinem Tod distanziert er sich vom Ku-Klux-Klan, zumindest offiziell. Mit 56 Jahren stirbt Nathan Bedford Forrest in Memphis, am 29. Oktober 1877. Was bleibt? Mehr als 30 Reiter-Denkmäler und Büsten. Parks und Schulen tragen seinen Namen. Er war Vater von zwei Kindern, die Tochter stirbt als Kind. Über den Sohn ist nicht viel bekannt. Aber Enkel und Urenkel treten in die rassistischen Fußstapfen ihres Ahnherrn. Der Enkel ist ebenfalls im Ku Klux Klan „tätig“. Forrests Urenkel geht in die Armee. Er ist der erste amerikanische General, der im zweiten Weltkrieg getötet wird, 1943 bei einem Bombenangriff über Kiel abgeschossen.

UND Nathan Bedford Forest ist der Namensgeber des Romanhelden Forrest Gump. Doch die Titelfigur, die Tom Hanks in dem gleichnamigen Hollywoodfilm berühmt machte, ist ganz das Gegenteil von Nathan Bedford Forrest. Die historische Figur ist ein Mörder, Menschenhändler und Kriegsverbrecher.

Prof. Finzsch sitzt am Tisch, schaut in die Kamera. Auf dem Tisch steht eine Teekanne.
Der Historiker Norbert Finzsch © Privat

Ich sprach mit Norbert Finzsch. Er ist emeritierter Professor für Angloamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln und Gastprofessor an der Sigmund Freud Privatuniversität Berlin.

Altamerikanistik

Kleines Fach * Großes Terrain

FOLGE V am 28.10.2022, 8 Uhr

WDR 3 MOSAIK-REIHE ORCHIDEENFÄCHER (24.-28.10.22)

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Studierende sitzen im Seminarraum der Altamerikanistik
Erstsemester: Einführungsseminar über die Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinentes © CF

Altamerikanistik ist ein seltenes Gewächs in der Universitätslandschaft. Wenige Studierende, fünf Professuren, eine Hochschule. Damit sind die Voraussetzungen für das Etikett Orchideenfach erfüllt. Orchideenfächer sind aber alles andere als Mauerblümchen. In der Altamerikanistik zum Beispiel wird geklotzt, nicht gekleckert. Die Forschenden spannen einen riesigen Bogen, zeitlich und räumlich. Die Anfänge reichen bis mindestens einigen Funden zufolge bis 40 000 vor Christus zurück, von der Besiedlung der Südhälfte des Doppelkontinents bis zu den indigenen Völkern im heutigen Lateinamerika.

Studierende macht Notizen auf dem Tablet
Abteilung Altamerikanistik: Powerpoint, Diskurs, Notizen © CF

Es geht nicht zuletzt darum, den kolonialen Blick zu hinterfragen, mit dem Europa über Jahrhunderte hinweg die angeblich „Neue Welt“ vermessen hat. In Berlin hatte der Mexiko-Spezialist Eduard Seler den ersten Lehrstuhl inne, 1899. Damals hieß das Fach noch Amerikanistik. Inzwischen diskutiert die Forschungscommunity über den Begriff, der durchaus etwas altbacken klingt. Heute steht das Fach in der Tradition der cultural anthropology.

Antje Gunsenheimer sitzt vor einem Bücherregal
Die Altamerikanistin Antje Gunsenheimer in ihrem Büro © CF

Ich sprach mit Antje Gunsenheimer. Sie ist promovierte Altamerikanistin und Akademische Rätin an der Abteilung Altamerikanistik der Universität Bonn. Und ich besuchte das Einführungsmodul für das Erstsemester. Antje Gunsenheimer dozierte über die ersten Siedler:innen. Sie stellte verschiedene Datierungsmethoden und Forschungsansätze vor. 

Studierender kritzelt mit Kuli Ornamente an den Heftrand
Kreativer Abweg: Kritzeln hält den Geist wach © CF

Abteilung für Altamerikanistik

Oxfordstr. 15, 53111 Bonn

Bonner Amerika-Sammlung (BASA Museum)

Bibliothek

zweitgrößte Bibliothek für Lateinamerika in Deutschland

Gesellschaftsspiele

Wenn Karten & Co. divers werden

WDR 3 Mosaik, 6.10.2022, 8 Uhr

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Draufsicht: Viele Menschen in der Messehalle an verschiedenen Ständen
Spiel 21: Messehalle in Essen © Friedhelm Merz Verlag

Jedes Jahr im Oktober wird die Messe Essen zum Eldorado von Gesellschaftsspielen jenseits der Computergames. Die Internationalen Spieltage wurden 1983 ins Leben gerufen und gelten heute als eine der größten Messen für analoge Spiele weltweit. Dabei sind auch kleinere Label wie die Spielköpfe aus Kiel.

Portrait einer jungen Frau im Kostüm: FGraue Jacke, schwarzes Mieder mit hellgrauen Streifen, halblange, schwarze Haare und Pferdeschwanz
Cosplay bei den Internationalen Spieltagen © Friedhelm Merz Verlag

Ein Highlight ist der Research Day, eine Veranstaltung der Boardgame Historian, ein Projekt für Geschichte und Gesellschaft in analogen Spielen. Die Gründungsmitglieder stammen aus verschiedenen Universitäten. Sie organisieren am Research Day mehrere Podiumsdiskussionen. Ziel ist, dass sich Forschende vernetzen. Denn Spiele sind hierzulande eher selten Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses.

Detail: Nahaufnahme von zwei Händen, die Karten mischen
Das Blatt wendet sich © CF

Ein Diskussionsthema steht unter dem Titel Repräsentation und Diversity. Auf dem Podium sitzt unter anderem die Pädagogin und Spieleforscherin Wiebke Waburg. Ebenfalls dabei ist Sam Schwickert. Sie gründete mit einer Studienfreundin Spielköpfe.

Rückenansicht: Amie Savage mit Dreadlocks schaut von der Betrachterin weg auf einen Monitor. Sie führt mit dem Mund einen Stift über das Pad, das vor ihr auf einem Buch liegt
Mundmalerin Amie Savage gestaltet Figuren fürs Kartendeck © CF

Das Kieler Unternehmen mischt die Karten neu. Künstler:innen wurden engagiert, die die klassischen Skat-, Doppelkopf- und Romméikonen ersetzen durch diverse Charaktere. Eine der Künstler:innen ist afrodeutsche Mundmalerin Ami Savage.

Portrait von Amie Savage. Sie sitzt am Tisch, hält den Stift im Mund und schreibt auf eine Spielkarte. Sie trägt ein gestreiftes Hemd und ein bordeauxrotes Haarband
© CF

Die Forscherin, die Spieleherstellerin und die Designerin kommen in meiner Mosaik-Miniatur zu Wort.

Logo der Internationalen Spieltage 2022
INTERNATIONALE SPIELTAGE SPIEL 22
Eine Frau sitzt am Tisch, schaut Richtung rechten Bildschirmrand. Ihre Arme stützt sie auf dem Tisch und den Kopf stützt sie auf den Händen. Vor ihr liegt ein Brettspiel
Kennerspiel des Jahrs 2013: Die Legenden von Andor © CF

RESEARCH DAY 22, 8.10. 2022

PODIUMUSDISKUSSION: Repräsentation und Diversity

8.10. – 15.15 Uhr

Die Panelistinnen

Rosa Layer (Marketing Manager/ Frosted Games)

Linda Modl (Spieleautorin)

Talita Rhein (Spieledesignerin/ Dogo Dash)

Sam Schwickert (Spielköpfe)

Barbara Sterzenbach und Prof. Wiebke Waburg (beide Erziehungswissenschaftlerinnen Uni Koblenz-Landau)

Im Profil: Zwei Männer sitzen in der Messehalle an einem Holztisch, vor sich Spielkarten und Kartons
Aussteller:innen aus der ganzen Welt präsentieren ihre Spiele © Friedhelm Merz Verlag

BOARDGAME HISTORIAN

Zwei Kartenspielerinnen sitzen am Tisch. Sie lachen und schauen auf die Karten eines Rommédecks.
Romméblatt aus dem Haus der SPIELKÖPFE © CF
Rückenansicht: Vier Frauen sitzen an einem Tisch vor dem Fenster, beugen sich über Memorykarten.
Neues Spiel, neue Zukunft, die niemand kennt. © CF