The Times

Schriftzug "Times New Roman" auf grauem Untergrund

3.10.1932: Neue Typen in The Times

3.10.2022: WDR 5 – 9.45 Uhr/ WDR 3 – 17.45 Uhr

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Times New Roman gibt sich einfach und robust, hat einen kontrastreichen Strich und scharfkantige Serifen. Der Stammbaum dieser Schrift reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. In der Zeit der Renaissance entstand die sogenannte Antiqua, eine Kombination aus den Großbuchstaben des antiken Römischen Reiches und den Kleinbuchstaben der Mönche.

Ölgemälde aus dem 16. Jahrhundert: Portrait von Christoph Plantin, eines Mannes, der im Halbprofil aus dem Bild schaut, Zirkel und Buch in der Hand
Christoph Plantin (niederländisch Christoffel Plantijn) Portrait von Peter Paul Rubens (1616)

Der Humanismus besann sich auf die „Alten“, die „Antiqua“. Zum Beispiel der in Frankreich geborene Christoph Plantin. Der Humanist und Buchdrucker wirkte in Antwerpen und zeitweise auch in Köln. Die nach Plantin benannte Schrift diente dem britischen Typograph Stanley Morison als Vorbild.

Bleistift-Zeichnung eines Mannes (Stanley Morison) im Halbprofil, gescheiteltes kurzes Haar, Brille
Stanley Morison. Zeichnung von Sir William Rothenstein (1923)

Anfang der 1930er Jahre entwickelte Morison eine neue Schrift. Victor Lardent, Designer bei der Tageszeitung The Times, setzt die Idee zeichnerisch um. Das Ergebnis ist eine der heute geläufigsten Schriften: Times New Roman.

Titel "The Times" in Times New Roman
Ausgabe vom 3.10.1932 © Screenshot/ The Times

Das Abendland sieht im geschriebenen Wort eine der größten Leistungen des menschlichen Verstandes. Spätestens seit der Renaissance, als die ersten Bücher mit beweglichen Lettern gedruckt wurden, gilt Typographie als Sinnbild für Schrift schlechthin. Schrift ist Bedeutungsträger und Objekt, ist Realität und Symbol. Schriftbilder verleihen „ihrem“ Medium ein Image, das sofort ins Auge sticht. Schriftbilder wirken modern oder antiquiert, nostalgisch, feindselig oder zeitlos. Tageszeitungen sollten Aktualität ausstrahlen.

Titel "The Universal Daily-Register" aus dem jähr 1785
Ausgabe aus dem Gründungsjahr 1785 mit ursprünglichem Titel © Screenshot/ John Walter
Titel "The Times." in Fraktur und mit Punkt am Ende aus dem Jahr 1796
Ausgabe vom 12.5.1796: Fraktur und Punkt © Screenshot/ John Walter

Der Tageszeitung The Times.(Der Punkt ist gewollt) schien genau diese Wirkung abhanden gekommen zu sein, spätestens Ende der 1920er Jahre. Stanley Morison jedenfalls ließ an der Aufmachung kein gutes Haar. Für den Geschäftsführer des Londoner Blattes war der Kritiker genau der richtige Mann und er holte ihn als künstlerischen Berater ins Verlagshaus. 

Im Oktober 1932 erschien The Times in einem anderen Design. Kein Punkt mehr im Titel, dafür eine neue Schrift im Satz. Als Times New Roman werden die Typen weltberühmt und gehören bis heute zu den wichtigsten Fonts. 

1972 verabschiedete sich die Times von der Schrift. Seither spielt sie mit verschiedenen Antiqua-Varianten.

Titel "The Times" in times Modern vom September 2022
Times Modern © Screenshot The Times

2006 erhielt The Times ihr aktuelles „Kleid“.

Schriftzug FF Blur mit Weichzeichner und abgerundeten Lettern
Entworfen 1992/ seit 2011 in Designsammlung des Museum of Modern Art © Screenshot/ Neville Brody

Der englische Schriftenentwerfer Neville Brody verpasste der Zeitung Times Modern

Bertram Schmidt-Friderichs erinnert sich, wie er als Lehrling die Lettern in Times New Roman gießen musste. Er ist gelernter Schriftsetzer und studierter Kunsthistoriker. In Mainz übernahm Bertram Schmidt-Friderichs den Verlag seines Vaters. Er spezialisierte sich auf typographische Fachliteratur und trifft einen Nerv. Heute ist der Verlag Hermann Schmidt eines der führenden Häuser weltweit. Zusammen mit seiner Frau Karin Schmidt-Friderichs (seit 2019 Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) publiziert er Werke rund um Schriftbilder, Webfonts, Diskurse über Typographie. Mit Bertram Schmidt-Friderichs sprach ich über die Wirkung von Typographie, Schriftmoden und das Schriftbild der The Times, bei der „sie“ ihre Karriere begann: Times New Roman. 

Verlag Hermann Schmidt Mainz

Fassade des Verlagshauses, eine lange Fensterfront in der Fassade. Über dem Tor steht auf einem roten Banner das Logo des Verlags "Verlag Hermann Schmidt Mainz"
Verlagshaus im Gebäude einer einstigen Konservenfabrik © CF

Dakota

Volk der Sioux Nation

1862: US-Army siegt am Wood Lake gegen die Krieger der Dakota

TITELBILD

Filmstill aus dem Dokumentarfilm Dakota 38 (2011) Regie: Silas Hagerty. © Smooth Feather Productions © Smooth feather productions

Stilisierter Adler
© Smooth Feather

23.9.2022/ WDR 5, 9.45 Uhr/ WDR 3, 17.45

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Zorn der Verzweiflung

Dakota verlieren blutigen Kampf

Filmplakat: zwei Männer reiten im Galopp durch den Schnee
Dakota Memorial Ride 38+2: Dokumentarfilm über den Dakota Memorial Ride von Lower Brule (South Dakota) nach Mankato (Minnesota). Seit Dezember 2006 reiten jedes Jahr Dakota and friends knappe 600 Kilometer aus dem „Dakota Territorium“ (heutiges North- and South Dakota) nach Mankato (Minnesota) zur Hinrichtungsstätte, an der 38 Dakota gehängt wurden (1862). 1865 wurden zwei weitere Männer gehängt. © Smooth feather productions

USA. Mittlerer Westen. Minnesota im Jahr 1862. Der Bundesstaat ist jung und Abraham Lincoln ein Jahr im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Im Süden der jungen Demokratie tobt ein blutiger Bürgerkrieg, im Norden sind die Männer rar. Eine günstige Gelegenheit, zuzuschlagen. Krieger der Dakota, wie eine der Gruppen der Sioux-Nation heißt, wollen ihr Land zurück. Doch der Kampf ist aussichtslos. Im Tal des Minnesota-Flusses, am Wood Lake, besiegt eine Armee der Union die aufständigen Dakota. 

Farbfoto einer Stadtansicht am Fluss, mit Wolkenkratzern, Eisenbahnschienen und viel Grün
Saint Paul: Hauptstadt von Minnesota. Im 19. Jahrhundert ließen sich Weiße aus Kanada hier nieder © Gemeinfrei

Mitte des 19. Jahrhunderts strömen weiße Siedler:innen in den Mittleren Westen, an die Frontier, die Grenze zu „unbesiedeltem“ Land. Ein Hohn, denn hier leben Native Americans. Während ein Bundesstatt nach dem anderen entsteht, werden die First Peoples in Reservationen abgeschoben, gefängnisartige Areale am Minnesota-River. Hier sollen sie lernen, Felder zu bestellen und Böden zu beackern nach westlichem Vorbild.

Gemälde einer Landschaft am Fluss, gesäumt von Miniaturbildern, die verschiedene Gebäude zeigen, ein Fort, Mühlen, Fabriken, Häuser
New Ulm am Minnesota River © Gemälde: Julius Berndt (Architekt) 1860

Viele der Siedler:innen wie der Architekt und Baumeister Julius Berndt stammen aus Deutschland. Zwischen 1820 und 1914 sind rund fünf Millionen Menschen aus Deutschland ausgewandert. Auf dem „frei gewordenen“ Land gründen sie Städte, zum Beispiel New Ulm. 

SchwarzWeiß Foto einer Gruppe von acht weißen Männern und einer Frau, die ernst in die Kamera blicken.
Die ersten Siedler:innen in New Ulm (1860) © Gemeinfrei/ Library of Congress

Forty Eighters und Forty Niners, wie die Deutschen genannt werden, suchen nach der gescheiterten Revolution ihr Glück in den USA. Sie erwerben billiges Land und lassen sich im Tal des Minnesota-Rivers nieder. 

Zeichnung eines sitzenden Mannes mit langer Pfeife und einem aufwendigen Kopfputz
Chief Taoyateduta (Little Crow), gezeichnet von Frank Blackwell Mayer 1851 in TRaverse de Sioux © Carli Digital Collections (https://collections.carli.illinois.edu/digital/collection/nby_eeayer/id/2560/)

Für die indigenen Gemeinschaften am Minnesota River unterzeichnete der Chief Taóyatedúta, auch bekannt als Little Crow, die Verträge, die die USA ihnen unterbreitet hatte. Ihnen bleibt kaum eine Wahl. Der Präsident der Vereinigten Staaten Abraham Lincoln will die Weiten der Great Plains mit aller Macht urbar machen.

Ein Haus aus Bruchsteinen. Kleine, vergitterte Fenster.
Lagerhaus der Lower Sioux Agency in Redwood County © Foto McGhiever 2012

Am Minnesota-Fluss lebt die indigene Bewohnerschaft in den ihnen zugewiesenen Territorien. Das in den Verträgen zugesicherte Geld aber kommt verspätet oder gar nicht. Die Agenturen in den beiden Reservationen werden zum Teil von korrupten Angestellten betrieben. 

Frauen, Männer, Kinder hungern, verschulden sich bei den sogenannten Handelsposten. Als der Inhaber eines solchen Agentur gebeten wird, die Ration vorzustrecken, schlägt dieser vor, dass die Bittenden doch Gras oder die eigene Scheiße essen sollten. Was folgt, ist eine Kaskade der Gewalt. 

Binnen Wochen verlieren Hunderte weißer Siedler:innen, auch Kinder und Babies verlieren auf grausige Weise ihr Leben. Auch der schwarze Barbier der Lower Sioux Agency wird nicht verschont. 

Cover in hellem Blau: drei Menschen schauen in die Kamera
Indigene Zeitzeug:innen berichten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Zeit 1862, 1863

Viele Dakota machen mit, aber längst nicht alle. Durch die Gemeinschaften selbst geht ein tiefer Riss. Die einen befürworten, die anderen verabscheuen die Gewaltspirale und verstecken sogar Weiße. 

Allerdings sitzen die eigentlichen Schuldigen im Weißen Haus. Die haben, zynisch gesprochen, Wichtigeres zu tun als Verträge einzuhalten und sich um das Wohl der First Peoples zu kümmern. Zwischen der Armee der Nordstaaten und der in einer Konföderation vereinigten Südstaaten toben die unerbittlichen Sezessionskriege (1861 bis 1865). In den Reservaten verschlechtern sich die Lebensbedingungen, die ohnehin nie rosig waren.

Schwarz Weiß Foto eines Mannes mit drei Adlerfedern im Haar und heller Kleidung
Chief Taoyateduta im Jahr 1858 Foto: Julian Vannerson

Junge Krieger besuchen ihn in seinem Steinhaus, das direkt neben dem Tipi steht, bitten ihren Chief um Beistand. Daraufhin hält er seine in die Geschichte eingegangene Rede. „Ihr seid kleine Kinder, ihr seid Narren. Ihr werdet sterben wie die Hasen.“ Tóyatedúta, bekannt auch als Little Crow zieht dennoch mit ihnen in die Schlacht an den Wood Lake.

Abraham Lincoln ordnet die Niederschlagung des Aufstandes an. Das Oberkommando hatte John Pope, ein Bürgerkriegsgeneral, der erst vor einigen Wochen ein Gefecht gegen die konföderierten Truppen verloren hatte und sich jetzt beweisen will. 

Der Bison, das heilige Tier der Sioux lebt nur noch in Wildparks © Library of Congress (National Photo Company) Foto: Glasnegativ (1909-1923) 

23. September 1862, am Wood Lake. Die Truppe unter Oberst Henry Sibley gewinnt die Schlacht. Pope ordnet die Vernichtung der Dakota an. „Sie sind als Fanatiker und wilde Tiere zu behandeln, und keinesfalls als Volk, mit dem Verträge oder Kompromisse gemacht werden können.“ In Eilverfahren werden hunderte Menschen schuldig gesprochen.

Farblithographie einer Hinrichtung, in der Ferne auf einem Podest stehen 38 Männer unter einem Galgen, umringt von Soldaten. Menschen stehen im Vordergrund des Bildes
Blutgerüst in Mankato (Minnesota): Gaffende stehen jenseits der berittenen Armee. Die Dakota-Hymne singend steigen die 38 zum Tode verurteilten Männer auf die Holzbühne ganz nah am Fluss. © John Wiese 1883/ Chromolithografie 

26. Dezember, Mankato. Abraham Lincoln billigt die Hinrichtung von 38 Dakota. Einen Tag nach Weihnachten sterben sie am Galgen. Es ist die größte Massenhinrichtung in der Geschichte der USA. 

Alle anderen Dakota werden vertrieben, fliehen, sterben durch Kopfgeldjäger. Der Aufstand markiert den Beginn eines zwei Jahrzehnte dauernden Widerstandes gegen die brutale Expansion der jungen „Demokratie“. 

Portrait eines Mannes, der mit rotem T-Shirt an einem Baumstamm steht
Aram Mattioli © Privat

Ich sprach mit Aram Mattioli, Professor für Geschichte der Neuesten Zeit, an der Universität Luzern.

Buchcover: Ein indigenen Mensch steht auf einem Stein in einem Fluss, Speer in der Hand.

Beim Klett-Cotta-Verlag veröffentlichte der Historiker einen wegweisenden Band über die Geschichte der Indianer in Nordamerika (1700 bis 1910). 

THANKS TO

Smooth Feather 

Dakota 38 (full movie)

Eine Gruppe von Reitern reiten auf ihren Pferden auf einer schneebedeckten Straße, frontal auf die Betrachterin zu. Gegenlicht und Nebel sorgen für eine mystische Stimmung.
Dakota Memorial Ride 38+2: Der Initiator Jim Miller, Dakota, Vietnam Veteran, spiritual leader, versteht die 16 Tage lange Reise als ein Ritual der Heilung. © Smooth feather productions

Museumsenergie

Museen gegen Krisen

WDR 3 MOSAIK, 21.9.2022

6.15 Uhr und 8.40 Uhr

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Leuchte hängt von einem Stahldach in einen Raum mit Leitern, Stegen, Treppen und Wänden aus angerostetem Stahl
Leuchte im Red Dot Design Museum (Zeche Zollverein) © CF

Sämtlichen Kultureinrichtungen stellt die Bundesregierung ein Entlastungspaket von einer Milliarde Euro zur Verfügung. Was Museen davon abbekommen, wird gerade verhandelt.

Schmiedeeisernes Eingangstor in einem Gebäude aus Bruchsteinen, aneifre Straße. Menschen gehen durch das Tor und öffnen die dahinterliegende Holztür
Eingang zum Museum für Kommunikation in Berlin © CF

Rund 1000 Museen existieren in NRW und 7000 Museen in der Bundesrepublik. Sie sind zwar keine Produktionsstätten, dennoch müssen sie Besucher:innenzahlen im Blick haben, Aufmerksamkeit erregen, mit Messen, Galerien und über 100 Biennalen konkurrieren.

Ein räum mit weiß verputzten Wänden und einem Bionischen Dach. Eine ausgefahrene Hebebühne steht an einer Wände. Im Vordergrund liegt Schutt auf dem Boden.
Ökologisches Kuratoren heißt auch weniger Umbauten und Nutzen von recyclebarem Material © CF

Und jetzt steckt die Gesellschaft in einer Energiekrise. Gemessen an anderen Kultureinrichtungen sind Museen wahre Energiefresser. Die Teams diskutieren, wie die Häuser über den Winter kommen, ob sie über den Winter kommen. Kleckern hilft nicht, es muss geklotzt werden.

Ein dreigeschossiger Bau mit Dreiecksgiebeln, Steinsockel, rechteckigen Fenstern, Säulen und Rundbögen.
Die Welt unter einem Dach: Übersee-Museum in Bremen © Übersee-Museum/ Foto: Volker Beinhorn

Der Energiedämpfer setzt ungeahnte Kräfte frei. Laut ist die Rede von „Green Museum“ und „Eco Curating“.

Das Portrait einer Frau vor einem Kunstwerk. Sie schaut frontal in die Kamera
Prof. Wiebke Ahrndt © Übersee-Museum/ Foto: Volker Beinhorn

Ich sprach mit Wiebke Ahrndt. Sie ist Präsidentin des Deutschen Museumsbundes und Direktorin des Übersee-Museums in Bremen.

Deutscher Museumsbund

Ein mit bunten Stickern beklebtes Verkehrsschild an einer großen Verkehrsstraße. In der Mitte der beklebten Fläche klebt ein größerer Sticke mit großen schwarzen Lettern "Danke"
© CF

Mode im Metaverse

TECH COUTURE

WDR 3 MOSAIK, 6.9.2022, 8 Uhr

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Drei Ganzkörperfiguren vor dunklem Hintergrund, zwei Personen tragen eine Art Mottorradanzug, die dritte Person trägt Flügel, einen Zylinder und ein gelbes Kleid. Alle Personen sind Avatar. Eine vierte Figur ist am unteren Bildrand zu sehen, ebenfalls mit Motorradklamotte und Zylinder
0 8 15 Avatar der Autorin: Cordy X. will Tech Couture und nicht Basic-Skin © CF

Das Metaverse geht mit der Mode. Unfassbar! Nicht zu spüren, dafür zu sehen. Wer einen 0 8 15 Avatar auf die Plattform sendet, läuft Gefahr, sich einen Shit-Storm einzuhandeln. Das kommt nicht gut. Avatar von Extrawelt tragen Gucci, DressX, Prada, Dolce & Gabbana, zum Beispiel eine Robe aus der Collezione Genesi. 2021 versteigerte das italienische Designer-Duo seine neunteilige NFT-Kollektion. Der Erlös: ein Millionenbetrag. Allein der unfassbare Glasanzug bringt 900 000 Euro, die Impossible Tiara 300 000. 

Ein Avatar schwebt unter der Wasseroberfläche mit einem aufwendigen Kleid, das transparent ist wie das Wasser.
Under Water von Kerry Murphy (The Fabricant-Gründerin) © The fabricant/ Foto: Scarlett Yang

Bereits 2019 verkauft das niederländische Fashion House the fabricant ein digitales Kleid für 9500 Euro. 

Sieben digitale Sportschuhe der Firma Nike vor weißem Hintergrund, darunter in schwarzer Schrift die Kosten in Form voKryptowährug
Born in Metaverse: Digitale Sportschuhe von Nike © RTFKT/ Nike

2021 präsentiert der Sportwarenhersteller Nike digitale Schuhe. In wenigen Minuten waren 600 Paar verkauft. Umsatz: drei Millionen Dollar.

Portrait eines Avatars mit grauer Jacke und pinkfarbenen Haaren, türkisfarbenen Pupillen und einer schwarzen Brille
Cordy X. © CF

Mode im Metaverse ist ein Trend, den Games so richtig ins Rollen brachten. ist verpassten die Spieler:innen ihren Figuren Seins, also Kleidung, später ihren Avataren. Heute schicken wir unsere Stellvertreterfiguren überall hin, zu Konferenzen, in Konzerte, auf Parties.

Logo des Labels The Twins: neon grüne und pinkfarbene Left Over Stoffe schweben vor einem schwarzen Hintergrund. Über dem Stoff stehen die Lettern The Twins
© Tutia Schaad und Michael Sontag

Im September 2022 feiert eine neue Modeplattform Premiere, die digitale und analoge Kleidungsstücke gleichermaßen herstellt. Das Label trägt den Titel The Twins. Die beiden Entwickler:innen Michael Sontag und Tutia Schaad sind in beiden Welten zu Hause. Sie schneidern und programmieren, kreieren Einzelstücke, innovativ und nachhaltig. Ich sprach mit Tutia Schaad über Moden im Metaverse.

neongrüner Hintergrund und weiße Buchstaben: The Twins

The Twins

Plattform für digitale und analoge Mode

Leitung: Tutia Schaad und Michael Sontag

Portrait einer Frau, die an der Tischkante lehnt, im Hintergrund verschwommen: Schneiderpuppen
Prof. Tutia Schaad © Causalux/ Macromedia University

Prof. Tutia Schaad

Atelier Chardon Savard c/o Macromedia Universität

Mehringdamm 33, 10961 Berlin-Kreuzberg

Portrait eines Mannes mit bauen Hemdkragen
Michael Sontag (Modedesigner) © Christian Schwarzenberg

Michael Sontag

Modedesign

Muskauer Str. 41, 10997 Berlin

Berlin Fashion Week

5. bis 10.9.2022

Farbiges Röntgenbild der vier Avatar der Autorin. Drei Figuren als Ganzkörperbild, eine Figur im Portrait am unteren Bildrand
© CF

Tanz & Tech

Internationale Tanzmesse NRW

Digital Programm

Zwei Gespräche mit der Kuratorin Anneliese Ostertag

… kleines Foto im Titelbild

WDR 5, Scala, 30.8. 2022, 14 und 21 Uhr

Link zum Podcast WDR 5

WDR 3, Resonanzen, 30.8.2022, 18 Uhr

Link zum Podcast WDR 3

Tech tanzt © CF

Körper sind Kunst sind Mensch sind Avatar sind Robot sind immersiv sind metavers sind… was sind sie? Denkfiguren, Tanzleiber, die nicht verrückt spielen, sondern verrückt sind. 

© NRW Landesbüro Tanz

Nach einem Onlinetag im Coronajahr 2020 findet die diesjährige Internationale Tanzmesse NRW (31.8. bis 3.9.) live statt. 1500 Gäste und 30 Perfomances feiern den zeitgenössischen Tanz. Das Team um die Leiterinnen Katharina Kucher und Isa Köhler hatte alle Hände voll zu tun. Es galt, 800 Arbeiten aus 55 Ländern zu sichten. 30 Perfomances wurden ausgewählt und sind jetzt auf der Messe zu sehen.

Am Abend des 31.8. wird die Tanzmesse im Capitol-Theater in Düsseldorf eröffnet mit einer Performance der kanadischen Choreographin Andrea Peña, einer Newcomerin aus Montreal. Ihr Stück heißt 6.58: Manifesto. 6,58 Zoll messen die Displays von Smartphones. In der Performance treten auf: sechs Tänzer, Tänzerinnen, eine Sopranistin, ein DJ UND ein Computer. 

6.58: Manifesto – Andrea Peña & Artists © Bobby León

In diesem Jahr feiert das Digital-Programm Premiere. Unter dem Titel Access all areas geht es um die Beziehung zwischen Tanz, neue Technologien und Virtualität. Es gibt Talks und vier künstlerische Performances, die Tanz und Technologie verbinden. Bei Scala und Resonanzen zu Gast ist die Kuratorin Anneliese Ostertag (siehe BLOGEINTRAG zu Games).

Internationale Tanzmesse NRW

31.8.2022 bis 3.9.2022

Spielstätten: Düsseldorf, Köln, Krefeld, Leverkusen

DIGITAL PROGRAMM

Games Crossover

Durch den Bildschirm und wieder zurück

WDR 5 SPEZIAL Gaming

27.8.2022, zwischen 14 und 15 Uhr

Link zum Podcast 14 bis 15 Uhr

!!! mein Beitrag ist zu finden bei Das Potenzial von Games für die Gesellschaft !!!

14 bis 15 Uhr – ab 34’40 min

Moderation: Rebecca Link

Die Grafik zeigt die Fassade eines Hauses mit Arkaden. und einem großen Bildschirm. Hinter dem Bildschirm sind zwei Menschen zu sehen.
Digitalraumbühne: Das Publikum besteht aus Avataren (Titelbild), die beiden Menschen am Bildschirm sind sehr körperlich dabei © Screenshot

Das Display ist die Grenze zwischen innen und außen, real und virtuell. Von wegen. Bildschirme sind Zwischenräume für Mensch und KI. Games sei Dank leben wir in erweiterten Welten, schicken Avatare auf digitale Bühnen und spielen Maschinenmusik auf analogen Instrumenten. Das Rundfunkorchester Köön interpretierte Computerspielemusik, unter anderem der beiden japanischen Stars Nobuo Uematsu und Yoko Shimomura.

Videogames setzen Trends. Ihre Tools, Figuren, Settings und Sounds sind längst Teil der Alltagskultur. Wir kreieren Avatare in den social networks, nutzen Joysticks an unseren Fotokameras, bejubeln Hologramme auf den Bühnen der Welt: Maria Callas, ABBA. Wir treffen uns am Screen: Mensch und Maschine. Egal, ob ich im Wald bin, im Theater oder im Konzertsaal. Eine Miniatur über das spieleriesche Leben in den Zwischenräumen.

Digital Raum Bühne

Das virtuelle Foyer des Schauspiels Dortmund

Das Schwarz Weiß Foo zeigt zwei Menschen, die Datenhandschaue tragen und zwischen Zimmerpflanzen sitzen.
Botanical Audioscapes: Sarah Fartuun Heinze (li.) und N.B. Spiders bringen Pflanzen zum Klingen und unsere Avatare zum Staunen, im Schauspiel Dortmund © CF
Auf einem Display ist ein Wildschwein zu sehen, das duch einen Büroraum schwebt.
Villewälder-App: physisch in die Villewälder gehen und virtuell Tiere sehen © CF

The Good Evil (Indiegame-Studio in Köln)

Games

Die Zukunft? Ein Spiel!

Wie Games Trends setzen

WDR 5, Scala, 26. August 2022, 14 und 21 Uhr

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Eine Gestalt steht mit dem Rücken zur betrachterin auf einem Felsen udn sieht in eine Felsen-Landschaft. Das Bild ist eine Grafik in pastellartigen Farben
Ausgezeichnet mit dem Computerspielepreis 2022 (Bestes Familienspiel) © Inkyfox

Games spielen in Kunst-Welten mit Kunstwesen und Künstlicher Intelligenz. Nicht von Gott in sieben Tagen erschaffen, sondern von Menschen kreiert in meistens mehr als sieben Tagen. Games sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Oft gamen wir, ohne es zu merken. Wir reden von Ebenen, bedienen Joysticks, komponieren Musik für Roboter. Das können die eigentlich schon selbst.

Auf dem Fernsehbildschirm ist die grafische Figur einer Sportlerin zu sehen. Die Szenerie ist halb verdeckt durch Umrisse der menschlichen Trainierenden.
Im Spiel den Body trainieren: Der Avatar spornt seine Schöpferin an, mehr Sport zu treiben. © CF

Wir sitzen mit Künstlichen Intelligenzen an einem Tisch oder lassen bzw. gehen gemeinsam ins Fitnessstudio. Virtuell natürlicch. Wir interagieren in Museen, im Theater, im urbanen Raum. Wir treffen uns im Metaverse. Gamification ist das Zauberwort schlechthin. Leute setzen sich Brillen auf und begeben sich in Extrawelten oder Scheinwelten.

Zwei Frauen stehen frontal zur Betrachter:in vor einem türkis-rosafarbenen Hintergrund. Die Frau links trägt rote Haare, die Frau rechts im Bild trägt eine roße Mütze auf ihren schwarzen Haaren.
A.MUSE Gruenderinnen Christin Marczinzik (li.) und Binh Minh Herbst © Nilz-Bîhme

Was ist und was wird sein? Ich sprach mit Binh Minh Herbst. Sie ist Professorin für Immersive Medien und Mitgründerin des Interaktiven Design Studios A.MUSE.

Avatar: helle Haut, goldene Weste, Hochsteckfrisur, orangerote Ornamente auf dem Körper
Dragon kissed Avatar of Prof. Binh Minh Herbst © Binh Minh Herbst

Ihr Avatar ist eine ziemlich coole Figur mit Silberhaar und Porzellanhaut Haut, über die wie in einer Lavalampe ein rötlich orange schimmerndes Ornament läuft, der Drachenkuss. Das physische Vorbild trägt den Kuss auf der Stirn, seit der Geburt. Binh Minh Herbst hörte allerdings ständig, dass das Feuermal ein Rotweinfleck sei, ein Unfall der Natur. Sie beschreibt es als Symbol der Körperakzeptanz-Body Positivity-Bewegung. Das passt zum Credo der Kreativschmiede: Design for Happiness.

Anneliese Ostertag © Screenshot CF

Ich denke, dass die Zukunft sleek sein wird, also glatt. Anneliese Ostertag ist Netzkünstlerin und Kuratorin des Digitalprogramms der internationalen Tanzmesse NRW 2022. Keine Rauheit, keine Kanten, kein Lärm. Noise (Lärm)-Kunst funkt dazwischen, Glitches, das heißt verzerrte Töne, fragmentierte Bilder, stören den Datenstrom und damit die Hochglanzwelt.

Die Grafik zeigt eine Frau, die an der Stirnseite an einem großen Schreibtisch sitzt. Nur eine lampe wirft fahles Licht auf die Frau am Schreibtisch
Staatsanwältin Eva Katz sucht schuldige Nazis, in dem Indiegame The darkest Files © Paintbucket Game Berlin)

SIEHE BLOGEINTRAG

Mit Games die Welt besser machen: geht das?

Das schaffen wir wenn die Gamedesigner:innen von morgen ein moralisches Urempfinden von klein auf gelehrt bekommen, sagt Binh Minh Herbst.

Drei Personen lehnen an einer weißen Wand, sie schauen ins Bild. Wobei der Mensch in der Mitte einen schnabelartigen Helm trägt. sein Gesicht ist nicht zu sehen.
Studierende Vivian Marissa Röser (li.) und Jerome Rose(re.) HBK-Dozent Patrick Schnorbus © CF

Ich besuchte Game Art- und Design-Studierende der Hochschule der Bildenden Künste Essen (HBK)

siehe BLOGEINTRAG

Helles Büro mit weißen Wänden, langen Tischen. Auf den Tischen stehen Computer. An der wand hängen VR-Brillen, eine Person sitzt, einen adnere geht an der Tür vorbei. beide personen sind in bewegung fotografiert worden.
A.MUSE Studio im Designhaus Halle (Saale) © Nilz-Bîhme

A.MUSE: INTERACTIVE DESIGN STUDIO

Gründerinnen: Christin Marczinzik und Prof. Binh Minh Herbst

Unity for Humanity Winner 2022

Designhaus Office 106/ 107, Ernst-König-Str.1/ 06108 Halle (Saale)

ZENTRUM FÜR NETZKUNST

Mitgründerin: Anneliese Ostertag

Eine Frau steht vor vielen Computer, sie ist gekleidet wie eine Videospielefigur aus dem Spiel Genshin Impact
Stand: Genshin Impact, Halle: 8 © Gamescom 2022

GAMESCOM

The heart of gaming

Weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele

23. bis 28.8.2022, Kölnmesse

Schwarz Weiß Foto: Eine riesige Folie schwebt durch den Raum, mit der eine Person tanzt. Seine Beine sind zu sehen
NONAME SOSU-BLACK © Foto Taemin Cho
 

INTERNATIONALE TANZMESSE NRW

Meeting für zeitgenössischen Tanz in Düsseldorf, Leverkusen, Köln, Krefeld

30.8. bis 3.9.2022

Tanzmesse Digital Space

Kuratorin: Anneliese Ostertag

LA TURBO AVEDON: PARDON OUR DUST

Digitale Gesamtinstallation (Bis 25.9.2022)

Museum für angewandte Kunst Wien, Stubenring 5, 1010 Wien

Drei Personen sitzen auf Stühlen in einem kahlen raum vor einer weiß getünchten Wand. Zwischen ihnen ist ein großer Abstand. Der eine schaut aus dem Bild raus, die anderen beiden frontal zur Betrachter:in
(v.li.) Patrick Schnorbus, Jerome Rose, Vivian Marissa Röser © CF

Game Art & Design

Hochschule der Bildenden Künste Essen

DIE KUNST DER ILLUSION

WDR 3, Mosaik, 24. August 2022, 8 Uhr

Link zum Podcast

Grafik eines Alien mit grüner Haut und Rosenblättern am Hinterkopf
Die Künstliche Intelligenz „Artbreeder“ entwarf die Figur. Grundlage war der Satz „Alien Creature, who smells like a rose“ © Artbreeder/ Jerome Rose

Games sind komplexe Welten, durch die Spielende zum Teil Monate ziehen. Sie verlieren sich in Landschaften, treffen fremde Wesen, finden Schätze oder den Tod. Doch wie entsteht so ein Kunstkosmos mit allem Drum und Dran?

Ein Klinkerbau hinter grünen Büschen
Ehemalige Zeche, heute u.a. Sitz der HBK © CF

Zum Beispiel in Essen-Kupferdreh, unweit vom Baldeneysee. Auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Prinz Friedrich steht die Hochschule für Bildende Künste.

Ein sonnendurchfluteter Gang, weiß getuncht, mit Fenstern auf der einen Seite, einem Klavier an der Wand dun einem Flügel an der Stirnseite
HBK Essen © CF

Seit 2019 gibt es an der HBK Essen den Studiengang Game Art and Design. Hier bekommen die Studierenden die volle Dröhnung an Kompetenzen verabreicht. Der Ansatz ist ganzheitlich, das Ergebnis sind Ideen, das Handwerkszeug, Gespür für Kunst und Indie-Games, und Prototypen, die auf Vollendung warten. Ich sprach mit Patrick Schnorbus (Titelbild: rechts), Dozent für Game Art & und Design an der HBK, Jerome Rose (Mitte) und Vivian Marissa Röser (links). Beide studieren an der HBK im Studiengang Game Art & Design.

Um eine zweidimensionale Grafik als Spielfigur in die Parallelwelt zu entlassen, bedarf es eines komplexen Prozesses. Jerome Rose verwandelt den Alien in ein Wesen mit Falten, Augen und Charakter.

Hochschule der Bildenden Künste in Essen 

Studiengang Game Art & Design

Prinz-Friedrich-Straße 28A, 45257 Essen

drei Memschen sitzen an einem langen weißen Tisch, vor sich einen Helm auf der Tischplatte, hinter ihnen eine Staffelei aus Holz
(v.li.) Jerome Rose, Vivian Marissa Röse, Patrick Schnorbus © CF

Jerome Rose

Gamedesigner und Student an der HBK

@Jerome.blend

Vivian Marissa Röser

Gamedsignerin und Studentin an der HBK

GAMESCOM

The heart of gaming

Weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele

23. bis 28.8.2022

Kölnmesse, Vor Ort in Köln und digital

Der Alienkopf vor einem schwarzen Hintergrund mit kristallartigen Vielecken in den Augenhöhlen
Am Schluss wird der Alien wieder runtergerechnet. Zu datenlastig sind die vielen Polygone mit Sinn fürs Detail. © Jerome Rose

Fraueninitiative 04

LINK ZUR FRAUENINITIATIVE 04

Initiative für würdevolles Leben von Frauen bei Krankheit und im Alter

10. bundesweite Frauentagung 2022

Motto: „Haben wir den Farbfilm vergessen?“

6. AUGUST 2022

ERÖFFNUNGSVORTRAG

von und mit Claudia Friedrich

VON SCHWARZ WEIß IST DIE REDE

Dr. Marie Sichtermann und Claudia Friedrich (re) © Katerina Katsatou

OUVERTÜRE

Haben wir den Farbfilm vergessen? Das ist der Titel der Veranstaltung. Von Schwarz Weiß ist die Rede. So habe ich meinen Vortrag überschrieben. Ich pendle zwischen Ost und West, zwischen Schwarz und Weiß und manchmal auch Farbe. Ich unternehme einen Streifzug zwischen dem Bosporus in Istanbul und den Great Plains in den USA. Auf dieser Reise treffe verschiedene Frauen, die ich Euch gern vorstellen möchte, weil sie zu denken geben. 

Starke Frauen: Hl. Mechthild (Skulptur von Susan Turcot), Stadtführerin Nadja Groeschner (Dame in weiß) und Tagungstruppe © CF

VORSPIEL: MAGDEBURG

Welcome in Magdeburg. 

Ich war noch nie hier, obwohl mein erster Ost-West-Konflikt mit Magdeburg zu tun hat. Mein Vater arbeitete beim Wissenschaftlich Technischen Zentrum Getriebe und Kupplungen, Außenstelle Dresden. Das Haupthaus befand sich in Magdeburg. So kam es, dass ich im Kinderferienlager die einzige Dresdnerin war unter vielen Kids aus Magdeburg. 

Und die fragten, natürlich scheinheilig, aber das wusste ich da noch nicht: 

Kennst Du Tarzan?

Nee.

Lachen!

Raumschiff Enterprise

Nie gehört. 

Noch mehr Lachen. 

Tatort? XY Ungelöst?

Häme.

Ich kannte den Schwarzen Kanal. Problematischer Titel; mit Karl-Eduard von Schnitzler. Problematischer Mann. Stammt aber aus dem Westen. 

Mir wurde klar: In Magdeburg gab es etwas, was es in Dresden nicht gab: Westfernsehen! Aus dem Ferienlager wollte ich so schnell wie möglich weg. Ich wollte nie wieder mit Leuten aus Magdeburg sein; und ich wollte Westfernsehen. Das mit dem Westfernsehen hätte beinahe geklappt. 

ZWISCHENSPIEL: VASAPLATZ

Eines Tages sagt der Geographielehrer: Wir berechnen heute die Strecke zwischen Dresden und Westberlin, und zwar DIE Strecke, die nicht von Bergen verstellt wird. Schwieriges Unterfangen. Dresden liegt im Tal. 

Das Ergebnis: Es gibt einen Ort in Dresden, der Westfernsehen empfängt. Der befindet sich im dritten Stock eines Wohnhauses, in der Küche an einem Mauervorsprung. Am Vasaplatz. Okay, dachte ich, da ziehe ich hin, wenn ich groß bin. 

HEIMLICHES SPIEL: ÖKOCAFÉ

Damals wusste ich noch nicht, dass ich neben dem Haus am Vasaplatz mit dem Westfernsehen mal ein illegales Café betreiben würde. Ein Mottocafé, in dem ich auf das Waldsterben in der DDR aufmerksam mache. Ich schleppe säurezerfressene Baumstämme rein, hänge plakatgroße Schwarz-Weißfotos an die Wände. Krähen, die im Laub liegen, tot. Das ist die Deko. Trotzdem rannten uns die Leute die Bude ein. Tranken Kaffee, aßen Zwiebelbrot und Bier-Ingwer-Gelee. Finanziell: der Ruin. Ideell: ein Triumph.

Dafür brauchts keinen Farbfilm, nein. Im Gegenteil. 

STARKE STIMME: NINA HAGEN 

Hiddensee der 1970er Jahre braucht auf jeden Fall Farbfilm. Du hast den Farbfilm vergessen. Ein Schlager auf den Mangel. DDR-Dada. Nina Hagen, im Osten: Schlagersängerin, im Westen:  PunkQueen, schreibt in ihrer Autobiographie Bekenntnisse:

Nina Hagen (Bekenntnisse)

Der Farbfilm atmet im Hintergrund das giftige Grau von Bitterfeld und die Tristesse von Leipzig; es spiegelt die Trostlosigkeit der Arbeitswelten zwischen Akkordschraube und Herumlungern an kaputten Maschinen. (…) Da sind die kleinen Fluchten in die Natur, ans Meer, an die endlosen Sandstrände der Ostsee – Rügen, Usedom, Hiddensee. (…) Aber das Paradies wird eingeholt von der banalen Alltagserfahrung in einem Staat, der Jahr für Jahr zu wenig Farbfilme hervorbringt.

ZORN: KURT DEMMLER

Die Musik stammt von Michael Heubach; Keyboarder bei der Band Automobil. Der Text stammt von Kurt Demmler. Berühmte DDR-Rockbands singen seine Verse: Klaus Renft-Combo, die Puhdys, Karat, Lift… Katja Ebstein singt seine Texte, Karel Gott. Er ist der Song-Schreiber der Nation, hat es verstanden, subversiv zu reimen. 

Im Osten ist er eine Größe, im Westen ist es still um ihn. Er versucht, eine Girl-Group aufzubauen, castet Mädchen. Jahre später zeigen ihn die jungen Frauen an. Er habe sie beim Casting sexuell missbraucht. Vor dem zweiten Verhandlungstag im Jahr 2009 entzieht er sich dem Prozess durch Suizid, in der Untersuchungshaft in Berlin Moabit. Das Verfahren ist beendet, aber nicht abgeschlossen. Für die Opfer eine Katastrophe. 

ABGESANG: ANGELA MERKEL

Nina Hagen ist 19, als sie den Song singt. Angela Merkel ist zu der Zeit 20. Fast 50 Jahre später wünscht sich die scheidende Bundeskanzlerin genau diesen Schlager als Abgesang, in einer kalten Dezembernacht unterm freien Himmel. Das Stabsmusikcorps der Bundeswehr gibt sich alle Mühe, den Popsong herauszuposaunen, beim großen Zapfenstreich. Angela Merkel gerät förmlich in Ekstase. Sie wippt ganz leicht im Takt, wahrscheinlich singt sie innerlich mit: Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön es hier war.

Himmel über Magdeburg © CF

FIRST LADY: THEOPHANO

Hätte es schon Farbfilme gegeben, in den 970er Jahren, sie hätte niemals gesagt: Du hast den Farbfilm vergessen. Im Gegenteil. Sie hätte sicher gesagt: Otto, vergiss den Farbfilm! Dieses ewige Grün Grau Braun geht mir auf den Geist. Schwarz Weiß reicht. Otto! Du weißt gar nicht, was Farben sind! 

Wir begeben uns in den Osten, in die Heimat von Theophano, in die größte Stadt der Welt. Konstantinopel. Da gibt es Safran und Seide. Purpur und Pfeffer. Da leben eine halbe Million Menschen. Vielleicht hat sie ihn bei ihrer Ankunft in Rom angestupst und gefragt: 

„Otto? Wie viele leben denn in Magdeburg?“ 

„Naja, so ein paar Tausend.“ 

„Was?! Das ist doch ne Kaiserstadt. Und da soll ich jetzt hin?! In dieses Schwarz Weiß Kino?“ 

„Ja, aber wir haben viele Pfalzen, und Du wirst ganz viel reisen und Du bist die mächtigste Frau diesseits der Alpen.“ 

Der Westler hat sich so eine Mühe gegeben. Allein die Heiratsurkunde ist nicht nur Dokument, sie ist ein Monument. Das Original liegt in Wolfenbüttel. Ein einmaliges Kunstwerk aus Pergament, das aussieht wie eine Seidenmalerei. 

Die Teenager – sie ist 12, er ist 17 – heiraten in Rom. Und dann ab über die Alpen. Ravenna, Mailand, Konstanz, Frankfurt, Ingelheim, an die Elbe, Magdeburg. So einen Ort hat die Byzantinerin vorher nie gesehen. Und die Magdeburger:innen haben vorher nie so jemanden erlebt wie Theophano. Sie kommt ja aus den Vereinigten Staaten des Mittelalters, aus Byzanz. Die liegen in der Zeit im Osten. Theophano ist weltläufig und eine hervorragende First Lady im Römisch Deutschen Reich. 

Die Kaiserin spricht Griechisch und Latein. Jetzt lernt sie Altsächsisch. Sie ist Mitregentin. Später übernimmt sie die Regierungsgeschäfte allein, da der Gatte sehr früh stirbt. In der Zeit ihrer Regentschaft soll es weniger Kriege gegeben haben, dafür mehr Diplomatie. Ihr Sohn wächst mehrsprachig auf. Die Mutter arrangiert die Hochzeit mit einer byzantinischen Prinzessin. Doch der Thronerbe stirbt vorher. Ganz sicher wäre Europa ein anderes, wäre diese Allianz zustande gekommen. 

So bleibt uns ihre Lieblingskirche St. Pantaleon, in der damals größten Stadt diesseits der Alpen, in Köln. Und wir treffen uns jetzt hier in Magdeburg, wo sie vielleicht einen ihrer Märkte organisiert hat, um ein bissel Farbe ins Grau zu bringen.

DIE SCHREIBERIN: RITA MAE BROWN

Hi Girls!

Die Anrede ist geklaut. Die stammt von Rita Mae Brown. Rita Mae Brown sitzt in Köln auf dem Podium, wirft die zwei Worte in den Raum und wir kreischen wie die Groupies. Rita Mae Brown: Begründerin der Radical lesbians, Krimischriftstellerin, Exgeliebte von Martina Navrátilová.

DIE SPIELERIN: MARTINA NAVRÁTILOVÁ

Martina Navrátilová ist eine Tennisspielerin; sie stammt aus Tschechien, damals Tschechoslowakei. Per Greencard kommt Martina Navrátilová in die USA. Die ewige Wimbledon Siegerin, aber auch das enfant terrible im Tennis. Sie spielt mit kurzen Hosen, sie ist lesbisch, sie gilt als aggressiv und dauer schlecht gelaunt. Martina Navrátilová wird bewundert, aber nicht geliebt. 

DIE GEGNERIN: ZINA GARRISON

1990 steht sie wieder einmal im Wimbledon Finale. Ihre Gegnerin ist Zina Garrison. Zina Garrison ist African American. Im Halbfinale schlägt sie die deutsche Steffi Graf. Zina Garrison sitzt in der Umkleide vor dem Spiel ihres Lebens. Da springt die Tür auf und eine Frau tritt ein. Groß, schlank, dynamisch, in der Hand eine Flasche Sekt. Zina Garrison rutscht das Herz in die Hose: Mein Gott, Althea Gibson!

DIE PIONIERIN: ALTHEA GIBSON

SIEHE BLOGEINTRAG Matchball gegen den weißen Sport

Althea Gibson ist die erste Schwarze Wimbledon Siegerin. 1957 gewinnt sie gegen ihre weiße Landsfrau Darlene Hard. Doch auch Althea Gibson erfährt nicht nur Zuspruch, genau wie Martina Navrátilová. Im Gegenteil: Althea Gibson schlägt Misstrauen entgegen. Es gibt Buh-Rufe und Schlimmeres. Sie spielt wie ein Mann, heißt es oft. Das heißt es immer, wenn Tennisspielerinnen einfach gut sind. 

Althea Gibson drischt in den 1950er Jahren den Weißen Sport in die Diversität. Und das ist ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Sie wird im Süden der USA geboren, vor der Kulisse von Rassentrennung, Lynchmorden, Diskriminierung. Die Eltern migrieren nach New York. Sie wächst in Harlem auf. Sie darf Tennis spielen, aber bitte in der Parallelwelt. 

DIE ALLIE: ALICE MARBLE

Eines Tages tritt auf den Tennisplatz in Harlem Alice Marble zu einem Showmatch an. 

Alice Marble ist die Wimbledonsiegerin von 1939, übrigens die letzten Spiele vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie haut alle vom Platz. Alice Marble ist weiß und blond. Sie spielt wie ein Mann, säuft wie ein Mann, raucht Zigarren wie ein Mann… wenn Tennisspielerinnen gut sind…. Althea Gibson himmelt Alice Marble an, bis an ihr Lebensende. 

Alice Marble kriegt Wind von Althea Gibson. Althea Gibson beweist Talent und ist die Nachwuchshoffnung des Schwarzen Tennis. Sie gewinnt sämtliche Spiele. Wird Zeit für ein großes Turnier. Doch sie ist Schwarz und das Tennis ist Weiß, sogar die Tennisbälle sind weiß in der Zeit. Erst mit dem Farbfernsehen wechseln sie die Farbe. Alice Marble ist eine wahre Allie, eine wahre Alliierte. Sie schreibt einen offenen Brief in einer der angesagtesten Sportzeitschriften.  

Alice Marble (Brief im American Lawn Tennis)

Sollte Althea Gibson die Chance auf Sieg oder Niederlage verwehrt bleiben, wäre das eine Schande für die Sportart, der ich fast mein ganzes Leben gewidmet habe, und ich wäre zutiefst beschämt. (…) Ich gehöre zufälligerweise zu den Menschen, die im Sommer sehr schnell braun werden – aber ich bezweifle, dass deshalb je irgendjemand mein Recht infrage gestellt hat, an den National Championships (Anm. der A. heute US Open) teilzunehmen. Das Komitee hätte es als ziemlich albern empfunden, zu sagen: »Alice Marble darf nicht spielen, weil sie so braungebrannt ist«. Genauso lächerlich ist es, Althea Gibson aus einem solchen Grund abzuweisen.

Alice Marble beweist Haltung. So eine Haltung vermissen Schwarze Aktivistinnen oft bei ihren weißen Schwestern. 

MATCHBALL GEGEN RASSISMUS: US OPEN UND WIMBLEDON

Nur Monate nach dem offenen Brief betritt Althea Gibson als erste African American den Rasen in Forest Hills bei New York. Hier werden bis heute die US Open ausgetragen. Ein Jahr später spielt sie in Wimbledon beim ältesten Tennisturnier der Welt. 

1957 dann überreicht ihr Queen Elizabeth die Wimbledontrophäe, eine silberne Rosenwasserschale. 32 Jahre nach diesem historischen Sieg ist Zina Garrison die zweite Schwarze Tennisspielerin, die auf dem Court von Wimbledon im Finale steht. Martina Navrátilová gewinnt. 

2003 stirbt Althea Gibson und gerät in Vergessenheit, fast. Zeitlebens pfeift sie auf Rollenzuschreibungen. Sie lebt für ihre Karriere, ist weder Mutter noch Hausfrau. Allein durch ihren Stil und ihr Auftreten befeuert sie das Gerücht, Frauen zu lieben. Und wenn?! Sie passt nicht ins Bild der weißen und auch nicht ins Bild der Afroamerikanischen Öffentlichkeit. Eine Schwarze, die Tennis und Golf spielt – sie ist die erste Schwarze, die Profigolf spielt – eine Frau, die Profisport betreibt. Eine Frau, die androgyn ist und queer.

DIE BIOGRAPHIN: ASHLEY BROWN

Im kommenden Jahr erscheint eine Biographie über Althea Gibson. Die Autorin ist Ashley Brown, Professorin für Sportgeschichte in den USA. Ich bin sehr gespannt. 

Wimbledon-Siegerin Althea Gibson © HarperCollins/ Illustration: Laura Freeman

DIE BILDERBUCHMACHERINNEN: MEGAN REID UND LAURA FREEMAN

Im letzten Jahr ist ein sehr schönes Bilderbuch herausgekommen. Titel: Althea Gibson. The story of Tennis‘ Fleet-of-Foot Girl (siehe Illustration). Von Megan Reid und Laura Freeman. Beide sind African American. Mit der Zeichnerin habe ich gesprochen. Sie sagte mir, dass sie Althea Gibson vorher nicht gekannt hatte. 

Grund! Rassismus. 

Black History ist eine verschwiegene Geschichte. African American women, Women of color kämpfen um mehr Sichtbarkeit, auch um den Dialog mit der weißen Frauenbewegung.

DIE FILMEMACHERIN: CHERYL DUNUE – WATERMELON WOMAN

Es gibt den wunderbaren Film von der afroamerikanischen Regisseurin Cheryl Dunye (Go Fish 1994), namens Watermelon Woman. Ein Klassiker aus dem Jahr 1996. Sehr witzig, sehr bissig. 

Sie macht diese Leerstelle zum Thema. Ihre Protagonistin Cheryl, gespielt von Cheryl Dunye, betreibt eine fiktive Recherche über eine schwarze Schauspielerin in den 1930er Jahren. Von ihr ist existiert nur der Name: Watermelon Woman. Und dass sie eine Affäre mit einer weißen Kollegin hat. Die Kollegin erinnert an Marlene Dietrich.

DIE SCHAUSPIELERIN: HATTIE MCDANIEL

Die Parallelen zu Hollywood liegen klar auf der Hand. Watermelon Woman erinnert an Mammy im Südstaaten-Drama Gone with the wind aus dem Jahr 1939. Und wer ist die Schauspielerin hinter der Schwarzen Haushälterin? Die wenigsten kennen ihren Namen. 

Mammy ist Hattie McDaniel. Hattie McDaniel hat angeblich eine Affäre mit Marlene Dietrich gehabt. Bis heute eine Spekulation, aber eine schöne. 

Finger auf einer Metallscheibe, um die ein schmales Celluloidband gewickelt ist
Finger drauf… auf dem „Bobby“, dem Wickelkern für die Radiobänder © CF

LÄSTERHER(T)Z – FRAUEN- UND LESBENRADIO

Wir, das autonome Radio Lästerher(t)z, Frauen- und Lesbenradio – 

wäre interessant, wie wir heute heißen würden, LGBTIQA+ Metaverse – egal… 

Wir haben 15 Jahre lang in Köln jeden ersten Montag eine einstündige Radiosendung rausgehauen. Für eine unserer rund 150 Sendungen wollten wir mehr über das Leben von Hattie McDaniel erfahren. Das war reinstes Kabarett. Wir besuchten Fachbuchhandlungen, Bibliotheken, Archive, Wissenschaftler:innen. 

Da konnten wir froh sein, wenn wir gefragt wurden:

Wer soll das denn sein? 

Und nicht: 

Ist das ne Süßigeit? 

Oder:

Nee, das Plattenlabel kennen wir nicht. 

Fündig wurden wir in der Klatschpresse, nicht in der feministischen Filmliteratur.

DIE PRÄMIERTE: OSCAR 1940

Dabei ist Hattie McDaniel die erste Schwarze Oscarpreisträgerin. 1940 bekommt sie die Trophäe für die beste Nebendarstellerin. Bei der Oscar-Verleihung selbst sitzt Hattie McDaniel hinter einer Wand. Warum das denn? Weil sie Schwarz ist. 

Flyer einer Ankündigung für eine Radiosendung, auf dem in Stichpunkten die Themen angekündigt sind
Flyer der Lästerher(t)z-Sendung © CF

DAS INTERVIEW: CHERYL DUNYE AUF BERLINALE

Watermelon Woman feiert auf der Berlinale im Februar 1996 Weltpremiere. Wir sind nach Berlin gefahren und wir waren sehr aufgeregt, dass wir Cheryl Dunye interviewen durften. Hier ist ein kleines Zitat aus dem Interview:

Cheryl Dunye (Interview in Berlin,15.5.1996)

We are angry as lesbians, as women of colour. And one platform that we have used is a kind of screaming in anger. But another tool that we don’t use enough, is this humour. Because there’s a lot of political work you can do with humour.

Wir sind zornig, als Lesben und Frauen of Color. Wir schreien die Wut heraus. Aber wir können es auch mit Humor tun. Das sollten wir mehr für unsere politische Arbeit nutzen.

In ihrem Film setzt Cheryl Dunye nicht auf Wahrheit, aber auf Wahrhaftigkeit. Und sie legt den Finger in die gewaltigen Lücken, die der weißen Frauenbewegung gar nicht auffallen. 

Cheryl Dunye (Interview in Berlin,15.5.1996)

I was looking for my lesbian history as a black lesbian. There were black lesbians in the 30th. But there is no document. Because nobody is talking about black lesbians, black women, their history. We are invisible. Make ourselves visible.

Es gibt Schwarze Lesben in den 1930er Jahren. Aber es fehlen die Zeugnisse. Niemand spricht über Schwarze Lesben, Schwarze Frauen und ihre Geschichte. Wir existieren nicht. Also machen wir uns selbst sichtbar. 

QUEER IM FILM

Cheryl Dunye hat Recht. Einen Hauch von Ahnung bekomme ich, wenn ich an die queeren Charaktere vor der Kamera denke. Mein Coming Out wird begleitet vom immer gleichen Bild: Schwule und Lesben werden ertränkt, erschlagen, erstochen, überfahren, richten sich selbst. Dann doch lieber B-Movies, da kommt meines gleichen erst unter die Räder, wenn sie ein paar unschuldige Männer gemordet hat. 

Aber das ändert sich ja jetzt. 

QUOTEN CHARTA

2020 bringt die UFA die Quoten Charta heraus. Bis 2024 will das Potsdamer Filmunternehmen Diversity fördern. Die UFA ist die erste Entertainment-Fabrik, die sich Vielfalt auf die Fahnen schreibt, die darauf pocht, dass mehr Frauen, LGBTIQA, People of Color, Anders fähige, also Menschen mit Beeinträchtigungen vor und hinter der Kamera stehen. 

Also her mit der Charta. Und vor allem her mit den neuen Filmen. Frauen drehen ab, Männer cutten. LGBTIQA+ führt Regie. 

Cut!

FOTOGRAFIE

Kommen wir zu den gefrorenen Momenten, zur Fotografie. Meine analogen Fotografien sind fast alle SchwarzWeiß. Auch die Fotos, die ich von der Lesung mit Rita Mae Brown gemacht habe. In Köln, im Student:innenwohnheim richte ich mich in einem ungenutzen Toilettenraum ein. 

DUNKELKAMMER

Ein wunderbares Ritual. Ich gehe in den Keller, schalte das Rotlicht an, rede mit einer Ratte, die da zu Hause ist, bereite meine Chemiebäder vor, nestle den Filmstreifen in die Black Box

Die Dunkelkammer ist eine Architektur für Geister und das Entwickeln eine spiritistische Sitzung, eine Séance. Fotos machen ist wie Märchen erzählen. Es geschehen Wunder, ohne dass sie verwundern. Ich drücke mühelos auf den Auslöser, unterziehe das Celluloid einem photochemischen Prozess und transformiere Momente. Aus dem Negativ entsteht seine Umkehrung. 

Susan Sonntag: Der Heroismus des Sehens (S. 104)

Da jede Fotografie nur ein Fragment ist, hängt ihr moralisches und emotionales Gewicht von der Umgebung ab, in die sie gestellt ist.

DIE ESSAYISTIN: SUSAN SONNTAG

Das schreibt die Schriftstellerin Susan Sonntag in ihrem Essayband On photography – Über Fotografie. Fotografien sind Susan Sonntag nicht geheuer. Fotografieren ist Tätlichkeit, ist Mord. Ihre Skepsis entspringt einem Kindheitstrauma.

Susan Sonntag: In Platos Höhle (S. 25/ 26)

Für mich waren dies die Aufnahmen aus Bergen-Belsen und Dachau, die ich im Juli 1945 zufällig in einer Buchhandlung in Santa Monica entdeckte. (…) Als ich diese Fotos betrachtete, zerbrach etwas in mir. (…) Bilder lähmen. Bilder betäuben.

Aus dieser Erfahrung heraus entwickelt Susan Sonntag eine Ästhetik der analogen Fotografie. Sie diskutiert die Omnipräsenz der Bilder, die Frage nach dem guten Bild. Ob es das Grauen darstellt, das Belanglose, das Schöne. Hauptsache: Gut gemacht. Realität erscheint für sie als eine Sammlung von Bruchstücken (S. 81). 

GESPENSTER GEHEN UM

Für mich ist das Foto eine Art okkultes Wesen, ein Geist, ein Untoter, ein Wiedergänger des Moments, der gestorben ist. Das Foto bringt unwiederbringlich Vergangenes in der Gegenwart. Die Fotografie bildet nicht das Leben ab, sondern das gewesene Leben. Fotos zwingen mich anders als der Film innezuhalten, nachzudenken, einzutauchen.

Alte SchwarzWeiß-Aufnahme mit dem Portrait einer jungen Frau mit weißem Kleid. Sie sieht direkt in die Kamera. in der rechten Hand hält sie einen Bogen, in der linken eine Violine.
Zitkala-Ša © Gertrude Stanton Käsebier (1898)

DIE INDIEGENE INTELLEKTUELLE: ZITKALA-ŠA

Da sind zum Beispiel die alten Schwarz Weiß Bilder, die Zitkala-Ša zeigen. Eine Frau mit langen Haaren, Geige in der Hand, ernster Blick. Musikerin, Aktivistin, Schriftstellerin. Sie ist eine der wenigen indigenen, intellektuellen Frauen, die ins Deutsche übersetzt sind, dank des Palisander Verlags, ansässig in Chemnitz. In den 1910er/ 20 Jahren setzt sich Zitkala-Ša für die Gleichberechtigung der First Peoples ein, der indigenen Völker in Nordamerika. 

Zitkala-Ša: Amerikanisiert den ersten Amerikaner (S. 349)

Wo sind die Kinder, deren Väter so viel Beifall ernteten für ihre Heldentaten? Im Weltkrieg, der nun zu Ende ist? Sie sind auf den Indianerreservationen – kleinen Landgebieten, die auf unseren Landkarten nicht verzeichnet sind. Auf ihren Reservationen sind sie Beamten unterstellt, denen unser amerikanischer Kongress unumschränkte Machtbefugnisse gewährt.

YANKTON DAKOTA

Zitkala-Ša selbst wuchs in einem Reservat auf, in einer traditionellen Familie der Yankton-Dakota, eines Volks der Sioux, wie die Nation in der französischen Kolonialsprache heißt. Mit acht Jahren kam Zitkala-Ša auf eine der staatlich geförderten Boardingschools. In diesen Schulen durchliefen tausende Kinder ein brutales Umerziehungsprogramm. 

Zitkala-Ša: Seite an Seite (S. 332)

Einer Nation im langsamen Lauf von Jahrhunderten das Leben zu nehmen, ist wohl kein geringeres Verbrechen, als sie in einem Augenblick mit einem tödlichen Schlag zu zerschmettern. 

Als Zitkala-Ša dieses Essay um 1920 schreibt, zählt die USA knapp 250 000 Menschen indianischer Herkunft. Bevor die ersten Europäer ihren Fuß auf nordamerikanischen Boden setzten, lebten fünf bis zehn Millionen Native Americans nördlich des Rio Grande. 

STAATSGRÜNDUNG AUF GERAUBTEM LAND

1783 wird die USA gegründet. Ein moderner Staat mit demokratischer Verfassung, dem unantastbaren Recht auf Leben, Freiheit, Eigentum. Das gilt für die Zivilisierten, die sind weiß und christlich. 

Je mächtiger der demokratische Modellstaat wird, desto prekärer wird die Situation der First Peoples, der Ureinwohner:innen. Tausende weiße Glückssucher aus dem Osten, aus Europa, drängen in den Westen, an die sogenannte Frontier, an die Grenze von besiedeltem zu unbesiedeltem Gebiet; ein zynischer Begriff, denn jenseits dieser Grenze leben Native Americans. 

TIERE DER PRAIRIE

Städte schießen wie Pilze aus dem Boden. Schienen werden verlegt. Eine Attraktion: Büffel schießen aus den fahrenden Wagons. Ein heiliges Tier der Sioux. Vor 1870 lebten 40 Millionen Büffel in der Prairie, 15 Jahre später sind es 300. 

PIPELINE DURCH HEILIGES LAND

Zu Beginn des 21. Jahrhundert existieren um die 320 Reservate. Eins ist Standing Rock westlich des Missouri, der zweitlängsten Wasserader Nordamerikas. In Standing Rock leben heute noch Dakota und Lakota, Volksgruppen der Sioux Nation. Entlang seiner Grenze führt die umstrittene Keystone Öl-Pipeline von Kanada nach Texas. Sie entweiht Heilige Stätten, gefährdet die Umwelt, missachtet den Widerstand der Native Americans. Böden werden aufgerissen, Zäune gezogen, Schienen gelegt, Rohre montiert, Protestcamps geräumt. Ein unheilvolles Déjà-vu. 2021 lässt der US Präsident Joe Biden das Projekt stoppen.

Nochmal Zitkala-Ša.

Ein Protest gegen die Abschaffung des indianischen Tanzes (S. 338)

Ein Pony steht für mich bereit, und schon bald werde ich über das flache Land dahingaloppieren, und meine Gewissheit wird wiedererstehen, dass Gott für jedes seiner Geschöpfe, sei es groß oder klein, einen Platz in seinem unermesslichen Universum vorgesehen hat, wo es ganz nach seiner Art existieren kann. 

DIVERSES NORDAMERIKA

Hunderte indigene Gemeinschaften lebten im Norden Amerikas, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, so wie die Völker anderer Kontinente auch. Sie waren Nomad:innen, Händler:innen, betrieben Ackerbau. Sie lebten in Zelten, Holzhäusern, Rundbauten. Sie jagten Büffel, handelten mit Pelzen, Kupfer, Töpfen, Trockenfleisch. Sie kultivierten Mais, Bohnen, Kartoffeln, bauten Straßen. 

Es gab matrilineare Nationen wie die Cherokee und die Haudenosaunee – Irokesen. Andere waren patriarchal organisiert wie die Völker der Great Plains, der weiten Ebenen im Mittleren Westen, zu denen auch Zitkala-Ša gehörte. Sie hatten alle ihre eigenen Sprachen, ihre eigenen Kulturen. Sie führten Kriege, waren Todfeinde, ließen sich in Ruhe, lösten Konflikte mit Diplomatie, unterhielten Freundschaften. 

DIE KLASSISCHE FALLE

Es gibt sie nicht, die Indianer:innen, so wenig wie es die Europäer:innen gibt, die Afrikaner:innen. 

Als ich nach Westberlin ging, da stand die Mauer noch wie ein Monolith, lerne ich Wolde Demissie kennen. Wir wohnen Tür an Tür im Student:innenwohnheim, einen Steinwurf vom Bahnhof Zoo entfernt. Wolde kommt aus Äthiopien, forscht ein halbes Leben zu alternativen Energieformen. Eines Tages fragt mich eine Nachbarin im Wohnheim, ob ich eine Trommel haben wolle: Ja, gut, sage ich. 

Ich nehme die Trommel, gehe zu Wolde.

Zeigst Du mir, wie Trommeln geht?

Glaubst Du etwa, dass alle Leute in Afrika trommeln? 

Ähm. Naja… Nee.

Ich habe noch nie eine Trommel in der Hand gehabt. 

Danke, Wolde. 

Das war ein Lehrstück fürs Leben. 

THE DANGER OF THE SINGLE STORY

The danger of the single story. In ihrem Ted-Talk bringt es Chimamanda Ngozi Adichie auf den Punkt. Einseitige Geschichten bedienen Stereotype. Und Stereotype zementieren Machtverhältnisse.

Chimamanda Ngozi Adichie (2009)

Beginnt man die Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner mit den Pfeilen und nicht mit der Ankunft der Briten, erzählt man eine ganz andere Geschichte. Beginnt man die Geschichte mit dem Scheitern des afrikanischen Staates und nicht mit der Errichtung des afrikanischen Staates durch Kolonisierung, erzählt man eine völlig andere Geschichte.

DIE SCHRIFTSTELLERIN: CHIMAMANDA NGOZI ADICHIE

Chimamanda Ngozi Adichie ist Bestseller-Autorin (Blauer Hibiskus), 1977 in Nigeria geboren und aufgewachsen. Sie lebt in Nigeria und in den USA. Im Ted-Talk spricht sie über die Geschichten, die wir erzählen und erzählt bekommen. Eigentlich ist es ganz einfach. Statt die Geschichten der Anderen zu erzählen, höre ich doch lieber zu, wie die Anderen ihre eigenen Geschichten erzählen. So machen wir uns Bilder und zwar viele Bilder. 

Chimamanda Ngozi Adichie: The danger of the single story (Ted talk Global 2009)

When we realize that there is never a single story about any place, we regain a kind of paradise.  

Wenn wir realisieren, dass es niemals nur eine einzige Geschichte gibt, über keinen Ort, dann erobern wir ein Stück vom Paradies zurück.

GESCHICHTE VOM GRAFFITO IM GRAU

Das Paradies an die Wand malen! Das habe ich schon immer gern gemacht.

Gelebte Ruinengeschichten unterm Dach: Sternwartenstr. in Leipzig (ca.1985) © Heike Krümmel

Ich lebe im Osten, bin Staatsfeindin und vogelfrei.  Riskiere den einen oder anderen Ost Ost Konflikt. Spiele heimlich Theater auf Dachböden, mache Kunstausstellungen im Abriss, besetze Ruinen In Leipzig, im ehemaligen Bordellviertel, in dem das spätere DDR Staatsoberhaupt Walter Ulbricht als Zuhälter gearbeitet hatte. Ich glotzte auf eine andere Ruine. Und ich dachte: Ein Graffito würde fetzen. 

Heimliches Foto eines heimlichen Graffitos © Heike Krümmel

Ich klaue eine riesige, baufällige Leiter von einer Baustelle, lehne sie an die Ruinenwand, schleppe Eimer mit Farbe und Pinseln hin. Stehe auf der Leiter, des Nachts, male die Wand an. Grüne Bäume, helle Häuser mit roten Spitzdächern. Einen Himmel in tiefstem Blau. Und in den Himmel male ich eine Sonne mit einer runden Brille und großen, prallen Brüsten. Meine erste Tittensonne.

Wandfries © Heike Krümmel

Nächsten Tag krieg‘ ich einen Schreck. Menschen pilgern zur Wand, um das Farb-Werk zu betrachten. Irgendjemand muss das doof gefunden haben. Ich wurde zur Stasi bestellt, hinter schalldichten Türen verhört und gezwungen, den Fries Weiß zu übertünchen. Ich stehe auf der Leiter, des Tags, überziehe mein Bild mit einer weißen Haut. Wieder pilgern Leute zur Wand und beschimpfen mich, warum ich das Bild zerstöre. 

Was bleibt? Ein paar Fotos… in SchwarzWeiß!

Hi Girls. Danke. 

Bei der 10. Bundesweiten Frauentagung in Magdeburg © CF

LITERATUR

Brown, Ashley: Serving herself. The Live and Times of Althea Gibson. Oxford University Press 2023

Hagen, Nina: Bekenntnisse. Knaur Verlag München 2011.

Schulze, Hans K.: Die Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu. Die griechische Kaiserin und das römisch-deutsche Reich 972-991. Verlag Hahnsche Buchhandlung Hannover. Hannover 2007. 

Reid, Megan (Text) Freeman, Laura (Zeichnungen): Althea Gibson. The Story of Tennis‘ Fleet-of-Foot Girl. Bilderbuch. Balzer+Bray. HarperCollins 2020.

Marble, Alice: A vital Issue. IN: American Lawn Tennis. The illustrated magazine of the game. July 1, 1950. 

Sonntag, Susan: Über Fotografie (D 1980/ On Photography 1977). Fischer Taschenbuch. 19/ 2017. 

Zitkala-Ša: Roter Vogel erzählt. Die Geschichten einer Dakota. (Ü: Frank Elstner und Ulrich Grafe) Palisander Verlag. Chemnitz 2015.

TED TALK (USA 2009)

Chimamanda Ngozi Adichie: The Danger of the single Story 

FILM

The Watermelon Woman. USA 1996

Regie: Cheryl Dunye

Mit Guinevere Turner (Go Fish, The L-Word) und Cheryl Dunye

Drei Frauen sitzen im Halbkreis auf Stühlen. Auf einem Rolator vor ihnen liegen Memorykarten.
Spielerisch die Welt verändern: Memory-Trio im Workshop © CF

WORKSHOP AM 6.8.2022 

im Rahme der 10. bundesweiten Frauentagung

FAIR PLAY

Puppe mit Hautkrankheit? Schwarze Paperdolls? Keine Barbie? Doch, im Rollstuhl. Diversity ist das Zauberwort. Vielfalt im Spiel fegt Vorurteile aus den Köpfen und macht auch noch Spaß. Seit gut 20 Jahren geistert Diversity durch die bundesrepublikanische Gesellschaft. Große Konzerne, kleine Firmen schreiben sich Vielfalt auf ihre Fahnen. Auch in Spielzimmern gilt der Trend aus den USA als ein Joker. Doch die Spielzeugindustrie legt ihn nur zögerlich auf den Tisch. Es besteht kein Zweifel daran, dass Spielmaterialen helfen, die Welt zu begreifen. Doch muss es gleich ein Junge mit Blindenhund sein, ein Transgender mit Beinprothese oder ein lesbisches Paar mit Kind? Ja, sagt die Spielzeugforschung. Ihre menschlichen Vorbilder sind Teil der Gesellschaft; und ihre Nachbildungen dienen als Rolemodels, Empowerment, interessantes Gegenüber. Themen wie Gender, Rassismus, Diskriminierung werden spielend in die Tasche gesteckt, ohne große Worte zu verlieren. Die Karten werden neu gemischt.

SIEHE BLOGEINTRAG Diversity im Spielzimmer

Buchcover eines Bilderbuchs: Die Zeichnung zeigt ein Schwarzes Mädchen mit Superhero-Brille vor einem blauen Hintergrund. Neben ihr seilt sich eine Spinne ab. Sie hat ein Gesicht und lächelt.
Schwarze Superheldin © Susann Bee

LITERATUR

Bee, Susann: Zoey. The Superhero. Oh no. A spider – Die Superhelding. Oh je, eine Spinne. Bilingual Englisch German. Bilderbuch. Verena Wunderlich (Hg.) 2021. 

Fajembola, Olaolu/ Niminde-Dundadengar, Tebogo: Gib mir mal die Hautfarbe. Mit Kindern über Rassismus sprechen. Beltz Verlag 2021

SHOPS

Diversity is us

Inhaberin: Oda Stockmann

Oberstr. 34, 53859 Niederkassel

Tebalu

Inhaberinnen: Olaolu Fajembola/ Tebogo Niminde-Dundadengar

SPIELEENTWICKLER:INNEN

Ich kann werden, was ich will

Berufe-Memory

Idee und Entiwicklung: Yalda Kouhi Anbaran

Zeichnungen: Maneis Tehrani

Kickerfiguren
Diverse Kickerfiguren © Spielköpfe

Spielköpfe

Karten und Kicker

Gründerinnen: Jana Fischer und Samantha Schwickert

Amie Savage © CF

Mundzeichnerin (zeichnet Kickerfiguren und Rommékarten für Spielköpfe)

My Family Builders

Diverse Familien zusammensetzen: Holzfiguren mit Magnet

Happy Family Game (Quintett)

Happy Family Game beim Workshop „Fair Play“ (Leitung: Claudia Friedrich) © CF

Gasometer Oberhausen

Ein Herz aus Stahl

WDR 3 Mosaik, 10.8.2022, 8 Uhr

Link zum Audio

Ein Polygon mit Stahlmantel in Druntersicht
Scheibengas-Behälter: 117 Meter hoch, 67 Meter Durchmesser, 24 Ecken © CF

Der Riese am Kanal ist ein Star unter den Industriebauten, eine Architektur der Superlative. Der Gasometer gilt als der höchste Bau in Oberhausen und die höchste Ausstellungshalle in Europa. Ein Wahrzeichen der Zechenstadt.

Runde Krone auf dem leicht gewölbten Stahldach
Krönender Abschluss: Die Lüftungshaube, auch „Rotunde“ genannt, ist in der Mitte offen, damit die Luft zirkuliert © CF

Dabei wäre der Gasometer beinahe abgerissen worden, Ende der 1980er Jahre. Zeche und Kokerei sind geschlossen. Wozu Gas speichern, wenn es nicht mehr gebraucht wird? Es gab ein paar Ideen: Parkhaus, Hochregallager, Indoorgolf. Doch wer will schon eine alte Konservendose mit so viel Luft nach oben? 100 Meter Nichts muss gekonnt bespielt werden.

Eine Frau vor einer Stahlwand, die genietet ist
Zusammengenietet: Jeanette Schmitz steht an der Rotunde auf dem Dach © CF

Dem Team um Jeanette Schmitz gelingt das seit 1994 hervorragend. Ausstellungen mit Themen um Natur, Klima, Weltraum lassen die Menschen zum Polygon am Rhein-Herne-Kanal pilgern. Erbaut Ende der 1920er Jahre diente er als Gasspeicher.

Eine weite Landschaft mit Bäumen, Feldern, Schienen und Förderturm
Blick aufs Zechengebiet in Osterfeld © CF

Gas aus den umliegenden Kokereien und Hochöfen wird über Rohre in den Behälter gepumpt. Sein Herz ist eine 600 Tonnen schwere Stahlscheibe, die je nach Gasmenge auf- und abfährt.

Das Detail einer Stahlscheibe
Die Stahlscheibe (Baujahr 1929) schwimmt auf dem Gas. Heute ist sie fixiert und wird von Stahlsäulen gestützt © CF

Für das Gas allerdings sind 600 Tonnen ein Leichtgewicht. Also kommen schmale Betonquader auf die Scheibe. Gemeinsam wiegen sie das Doppelte, immer noch leicht genug, dass das Speichergut die Last nach oben drücken kann.

drei Betonquader liegen nebeneinander im Kunstlicht
Betonquader beschweren die Scheibe. Rund 1200 Tonnen komprimieren das Gas. © CF

Zapfen umliegende Industrieanlagen den Speicher an, fließt das Gas durch ein Ventil ins Rohr. Anfang der 1990er Jahre wandelt der Architekt Jürg Steiner den Gasspeicher in einen Kunsttempel. Sparsam sind die Eingriffe, so dass nach wie vor zu sehen ist, wofür das Polygon mit seinen 24 Ecken steht.

Füße auf einer Stahlplatte
Ein Öl-Teergemisch lief ständig an der Innenwand herab und dichtete die Scheibe ab, ein sogenanntes nasses Abdichtungssystem (1915 patentiert). Arbeiter:innen liefen auf der Scheibe in Frischluft. © CF

Der Höhepunkt der Ausstellungen ist natürlich die Installation im leeren Luftraum. Die aktuelle zeigt die Erde in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung, angefangen vom Urkontinent bis hin zu Meeresströmungen und der menschlichen Fortbewegung zu Luft und Wasser.

Die Erdkugel von oben in einem Zylinder aus Stahl
Blick von oben auf die Erdkugel © CF

Das Deutsche Zentrum für Luft – und Raumfahrt sammelt sämtliche Daten, unter anderem die Bewegungsdaten vom weltweiten Flug- und Schiffsverkehr, die per Beamer und einer irrsinnig hohen Auflösung auf den Ballon (Durchmesser: 20 Meter) projiziert werden.

Auf einer Bühne steigt der Publikumsraum an wie ein Amphitheater. Auf den Stufen sitzen Treppen. Über der Bühne ist ein Teil der Erdkugel zu sehen
Blick von unten: die Manege im Gasometer © CF

Wir sitzen auf Kissen und betrachten die Erde, wie sie durch den Luftraum des Gasometers schwebt, ein Sinnbild es Titels der Ausstellung: Das zerbrechliche Paradies.

Eine Frau steht im Profil an einem Geländer und blickt in die Landschaft
Jeanette Schmitz an einem der Fenster zum Ruhrgebiet © CF

Jeanette Schmitz, die Geschäftsführerin der Oberhausen GmbH, schlenderte mit mir vom Fundament bis aufs Dach.

Blick vom Dach auf den Rhein-Herne-Kanal und die Emscher © CF

Gasometer Oberhausen

Arenastr. 11, 46047 Oberhausen

Besucherin in einer Ausstellung, die sich mit der Klimageschichte auseinandersetzt. Großformatige Fotografien, 3D-Objekte, Hologramme, Installationen, Comics, Fundstücke zeigen die Schönheit, aber auch die Zerstörung. © CF

Das zerbrechliche Paradies

Bis 30.12.2022/ Gasometer Oberhausen

KATALOG

Schmitz, Jeanette (Hg.): Das zerbrechliche Paradies. Klartext Verlag. Essen 3/ 2022

LITERATUR

Gilson, Norbert: Der Gasometer Oberhausen. (reihe Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst. Band 25.) Bundesingenieurkammer. Berlin 2019.

Neuer Anstrich – alter Farbton aus dem Jahr 1949: Gasometer-Rot. Das Fundament ist eine dicke Betonscheibe. © CF